Sydney  Wie eine Tasse Tee in Australien über 160 Menschenleben rettete

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 12.10.2023 13:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Australien verhinderte ein Mann durch beherztes Einschreiten 160 Suizide. Foto: imago images/Gary Waters
In Australien verhinderte ein Mann durch beherztes Einschreiten 160 Suizide. Foto: imago images/Gary Waters
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Don Ritchie wird als einer der „größten Australier“ gefeiert. Sein Verdienst? Er bot anderen eine Tasse Tee und ein Gespräch an. Doch auf diese Weise rettete der Australier weit über hundert Menschen das Leben.

In Sydney führt ein Wanderweg an der Küste vorbei an „The Gap“, eine steile Klippe, vor der von der Seeseite aus ein Leuchtturm bereits von Weitem warnt. Nicht ohne Grund, denn die Wellen, die an den Fuß des rund 100 Meter hohen Kliffs schlagen, sind oftmals wild.

Vor über 150 Jahren sank im Meer vor dieser Klippe einst die „Dunbar“ – ein Segelschiff, das bei stürmischem Wetter und schlechter Sicht mit 63 Passagieren und 59 Matrosen auf einen Felsen vor „The Gap“ auflief. Am nächsten Morgen fanden Anwohner ein Bild des Grauens vor sich – die Wellen schmissen die Leichen der Menschen gegen die Felsen und viele waren von Haien angefressen worden. Nur ein Mann konnte nach 36 Stunden an einen Felsen klammernd gerettet werden.

„The Gap“ ist bis heute ein notorischer Ort geblieben. Er ist eine der Stellen, an denen sich immer wieder Menschen in die Tiefe stürzen, um sich selbst das Leben zu nehmen. Überlebende nach dem Fall gibt es kaum: Nur eine Frau hatte 1923 das unfassbare Glück. Als sie damals beschloss, ihrem Leben ein Ende zu setzen, schlug eine unerwartete Welle über die Felsen. Nellie Bishop überlebte den Fall und zwei italienische Fischer zogen sie aus dem Wasser.

Jahre später wurden ebenfalls zahlreiche Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt, allerdings nicht, weil sie Glück hatten wie Nellie, sondern weil die verlorenen Seelen – während sie auf der Klippe standen und überlegten, ob sie springen sollten – von einer sanften Stimme unterbrochen wurden. „Warum kommst du nicht vorbei und trinkst eine Tasse Tee?“, fragte diese Stimme. Sie gehörte zu Don Ritchie, ein Australier, der 50 Jahre lang gegenüber von „The Gap“ im Sydney-Stadtteil Watsons Bay lebte. Ihm gelang es, in diesen Jahrzehnten über 160 Menschenleben zu retten. In den Anfangsjahren hielt er die Menschen noch physisch zurück zu springen. Doch nachdem ihn dies einmal beinahe selbst das Leben gekostet hätte – eine Frau hätte ihn fast mit in die Tiefe gerissen – begann er, eine Tasse Tee und ein Gespräch anzubieten.

Nicht alle konnte er überzeugen. Ein Teenager ignorierte seine Worte und sprang. Ein Windstoß wehte nur noch den Hut des Jungen in Ritchies ausgestreckte Hand. Ein anderes Mal eilte Ritchie herbei, um einem Mann auf Krücken zu helfen. Doch als er an der Klippe ankam, lagen da nur noch die Krücken. Von anderen fand er nur noch Erinnerungen an, die sie zurückgelassen hatten, wie Notizen, Brieftaschen oder Schuhe.

Obwohl er jeden Morgen wieder die Klippe absuchte und, wenn er jemanden entdeckte, der allein war und zu nah am Abgrund stand, schnell an dessen Seite eilte, wurde Ritchie selbst nie depressiv. Vielmehr hielt er es für ein Geschenk, dass er so vielen Menschen helfen konnte. Es sei „wunderbar“, so viele zu retten, sagte der Australier, der 2012 im Alter von 85 Jahren verstorben ist, einst in einem Interview. „Man kann nicht einfach da sitzen und ihnen zuschauen“, berichtete er.

Mit dem Angebot einer Tasse Tee und eines Gesprächs biete er eine Alternative an, erklärte Ritchie. Auch wenn ein Lächeln nicht jeden retten konnte, so erwies sich simple Freundlichkeit als überraschend effektiv, wie der Australier feststellen konnte. „Haben Sie nie Angst davor, mit denen zu sprechen, von denen Sie glauben, dass sie in Not sind“, sagte er 2011 einst, als er für seine Bemühungen zum „Local Hero“ („lokalen Helden“) ernannt wurde. „Denken Sie immer an die Kraft eines einfachen Lächelns, einer helfenden Hand, eines offenen Ohrs und eines freundlichen Wortes.“

Fünf Jahre zuvor hatte ihm die australische Regierung für sein Engagement bereits die sogenannte Medal of the Order of Australia verliehen. Diese Auszeichnung soll der Australier – so heißt es in älteren Medienberichten – an seine Wohnzimmerwand gehängt haben, genau über das Gemälde einiger Sonnenstrahlen. Dies hatte jemand in seinen Briefkasten gesteckt und dazu geschrieben, Ritchie sei „ein Engel, der unter uns wandelt“.

„Ich habe ihn vor vierzig Jahren kennengelernt“, berichtete der Geistliche Tony Doherty nach Ritchies Tod 2012 beim Radiosender ABC Sydney. Es sei in Watsons Bay gegen ein Uhr morgens gewesen. „Da war eine Gruppe von Leuten am Gap“, erinnerte sich Doherty. Inmitten dieser Gruppe sei eine Gestalt gewesen, die mit einem verängstigten kleinen Vietnamesen gesprochen habe, der nah an der Kante war und zu springen drohte. „Ich beobachtete, wie diese Gestalt ihn dazu brachte, vom Rand der Klippe weg und in Sicherheit zu gehen.“ Die Gestalt – bei der es sich, wie sich später herausstellte, um Don Ritchie handelte – habe „diese wunderbar sanfte, ansprechende Stimme“ gehabt, meinte Doherty.

Auch Diane Gaddin, die sich im Bereich Suizidprävention engagierte, nachdem ihre eigene Tochter bei „The Gap“ starb, beschrieb der ABC damals, welch „einzigartiger Mann“ Ritchie gewesen sei. Er sei „eine Inspiration nicht nur für uns in Australien, sondern für die ganze Welt, weil es Mut, Tapferkeit und Hartnäckigkeit erfordert, am Rand der Klippe zu stehen und jemanden zu ermutigen, nicht den letzten Schritt zu tun“, sagte sie.

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