Osnabrück  Tonio Schachingers „Echtzeitalter“: Noch ein Kampf gegen Voldemort

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 13.10.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wieder mit einem Roman auf der Shortlist des Buchpreises: Tonio Schachinger Foto: picture alliance/dpa
Wieder mit einem Roman auf der Shortlist des Buchpreises: Tonio Schachinger Foto: picture alliance/dpa
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Ein Junge kämpft gegen Voldemort: Kennen wir diese Konstellation nicht aus den Harry-Potter-Romanen? Tonio Schachingers „Echtzeitalter“ erzählt zauberhaft von einem cleveren Schüler.

Eigentlich hat er Glück. Till darf auf das Marianum gehen. Wer seine Schullaufbahn in dem Wiener Eliteinstitut absolviert, hat es eigentlich schon geschafft. Die Wege in das weitere Leben stehen erfreulich offen. Aber Till erlebt seine Schulzeit als stillen, aber verbissenen Kampf gegen angemaßte Autoritäten. Klassenlehrer Dolinar macht ihm das Leben schwer.

Der Schüler gegen den finsteren Voldemort: Die Figurenkonstellation in Tonio Schachingers Roman „Echtzeitalter“ erinnert von ferne an Joanne K. Rowlings Romane um Harry Potter.

„Echtzeitalter“ spielt dagegen nicht in einer magisch transponierten Zwischenzeit, sondern im prosaischen Hier und Jetzt. Die Handlung des Buches ist anfangs wie ein klassischer Schulroman angelegt, erreicht dann aber auch große Ereignisse der Zeitgeschichte wie den Ibiza-Skandal von 2019 um den österreichischen FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und die Corona-Pandemie.

Mit dem Begriff Coming-of-Age ist der Roman zutreffend beschrieben und trotzdem wenig gesagt. Sicher, vordergründig geht es den Prozess, vom Jugendlichen zum Erwachsenen zu werden. Das eigentliche Thema des Buches ist allerdings Tills stiller Widerstand gegen autoritäre Strukturen, den er gewinnt, weil er sich darauf versteht, Freiräume zu erkämpfen.

Tonio Schachinger schaffte es mit seinem Debütroman „Nicht wie ihr“ schon 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Mit „Echtzeitalter“ legt er einen ruhig erzählten Roman vor, der präzise Psychogramme seiner Figuren zeichnet und aufzeigt, dass Emanzipation nur dem gelingt, der es schafft, subtile Machtstrukturen zu durchschauen.

Till entwickelt einen präzisen Blick für die Posen der Macht, für Autorität ohne Rechtfertigung, Hierarchie ohne Sinn. Der Junge flüchtet sich nicht einfach in Computerspiele, er avanciert zu einem der besten Gamer weltweit. Sein Befreiungsweg führt in imaginäre Räume und vor allem weg von der analogen Welt der Erwachsenen in die digitale Realität seiner Generation.

Schachinger erzählt diese Schulgeschichte mit feinem Sinn für differenzierte Beobachtung. Seine Schilderungen haben immer wieder Witz und Hintersinn, geraten bisweilen aber auch ein wenig kleinteilig. Die Ränke und Intrigen des Schulalltags, die Marotten der Lehrer und vor allem die herrischen Ausfälle Dolinars – das alles wird am Ende auch eine Spur zu oft und zu ausführlich erzählt.

Erstaunlich nur, wie unverwüstlich das Genre des Schulromans zu sein hat. Die Schule liefert zuverlässig Stoff für Geschichten von einem Lernen, das immer genau dann Erfolg hat, wenn es nicht dem Lehrplan folgt. Auch eine Erkenntnis.

Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Roman. Rowohlt Verlag. 368 Seiten. 24 Euro.

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