Istanbul Von Katar bis Russland: Wer kann zwischen Israel und der Hamas vermitteln?
Nachdem die Gewalt im Nahostkonflikt zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas eskaliert ist, bringen sich mehrere Staaten in Stellung, um zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Auch aus Eigeninteresse.
Das Telefon ist derzeit das wichtigste Werkzeug für Spitzenpolitiker von Nahost-Staaten, die eine Ausbreitung des neuen Gaza-Krieges auf die ganze Region befürchten. In Gesprächen untereinander und mit den Konfliktparteien sondieren sie Möglichkeiten, ein Übergreifen des Krieges zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas auf andere Staaten zu verhindern. Noch ist es zu früh für eine aussichtsreiche Vermittlungsmission, weil nach dem Hamas-Angriff vom Wochenende israelische Vergeltungsschläge begonnen haben. Doch Katar, die Türkei und Ägypten halten sich bereit. Auch Russland will vermitteln.
Vermittler im Gaza-Krieg müssen zwei Bedingungen erfüllen, um Erfolg zu haben, wie Oytun Orhan von der türkischen Nahost-Denkfabrik Orsam in Ankara im Gespräch mit unserer Zeitung erläuterte: Sie müssen gute Beziehungen zu beiden Konfliktparteien und einen Ruf als erfolgversprechende Akteure haben, und sie müssen genug politisches Gewicht mitbringen, um auf Israel und die Hamas einwirken zu können.
Am weitesten gediehen sind die Bemühungen des Emirats Katar. Unterhändler Katars sprechen nach Medienberichten bereits mit Israel und der Hamas über die Freilassung weiblicher Geiseln aus der Gewalt der Hamas im Austausch gegen 36 Frauen und Kinder, die in israelischer Haft sitzen. Katarische Diplomaten hatten kürzlich mit einem Gefangenenaustausch zwischen dem Iran und den USA ihre Fähigkeiten als Vermittler bewiesen.
Katar hat ausgezeichnete Beziehungen zur Hamas; Ismail Haniyeh, der Chef der Palästinensergruppe, lebt in dem Emirat. Ideologisch gehört die Hamas zum Umfeld der Muslim-Bruderschaft, einer islamistischen Bewegung, die seit Jahren von Katar unterstützt wird. Katar pflegt auch gute Beziehungen zum Iran, dem wichtigsten Geldgeber der Hamas. Komplizierter ist das Verhältnis zu Israel: Katar brach 2009 seine diplomatischen Beziehungen zum jüdischen Staat wegen eines israelischen Einmarsches im Gaza-Streifen ab. Seitdem haben sich beide Staaten aber wieder einander angenähert. Während der Fußball-WM in Katar im vergangenen Jahr gab es erstmals Direktflüge von Tel Aviv nach Doha.
Auch die Türkei war lange Zeit eine enge Partnerin der Hamas und der Muslim-Brüder, hat sich aber in jüngster Zeit von ihnen distanziert: Ankara strebt eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel und anderen Gegnern der Bruderschaft wie Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien an. Nach mehrjähriger Pause hat die Türkei auch ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel wiederbelebt. Präsident Recep Tayyip Erdogan traf sich vor wenigen Wochen in New York mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu und lud ihn in die Türkei ein.
Der neue Krieg in Gaza läuft den türkischen Normalisierungs-Bemühungen zuwider. Auch die Rolle des Iran in dem Konflikt macht Ankara nervös. Grundsätzlich habe die Türkei eine gute Chance, als Vermittlerin erfolgreich zu sein, meint Orhan. Wie im Ukraine-Krieg pflege Ankara enge Kontakte zu den Kriegsparteien im Gaza-Konflikt: „Die Türkei kann mit beiden Seiten reden.“
Erdogan tut das bereits. Er telefonierte mit dem israelischen Präsidenten Jitzchak Herzog und unterbrach eine Kabinettsitzung in Ankara für ein Telefonat mit Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas. Israel hat aber auch Gründe, der Türkei zu misstrauen. Vor kurzem hatte der israelische Zoll eine Lieferung von 16 Tonnen Material zum Bau von Raketen abgefangen, die aus der Türkei auf dem Weg in den Gaza-Streifen war.
Auch Russland bietet seine Hilfe an. Moskau unterhält Beziehungen zu Israel, die sich schon in anderen Krisen bewährt haben. So erlaubt Russland der israelischen Luftwaffe immer wieder Angriffe auf iranische Stellungen in Syrien. Zugleich ist Russland ein langjähriger Partner der Palästinenser; Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas will nach Medienberichten in die russische Hauptstadt reisen.
Ägypten ist als direkter Nachbar des Gaza-Streifens und als arabischer Staat mit jahrzehntealten Beziehungen zu Israel der traditionelle Vermittler zwischen Israel und den Palästinensern. Obwohl Sisi ein Erzfeind der Muslim-Bruderschaft ist und die Bewegung in Ägypten als Terrororganisation verfolgen lässt, unterhält seine Regierung viele Kontakte zur Hamas. Auch bei den letzten schweren Gefechten zwischen Israel und der Hamas im Mai 2021 hatte Ägypten einen Waffenstillstand vermittelt. Bundeskanzler Olaf Scholz stellte sich am Sonntag öffentlich hinter die neuen ägyptischen Bemühungen.
Kairo hat ein starkes Eigeninteresse an einem Ende der Kämpfe, denn Ägypten hat bereits erlebt, wie leicht der neue Gaza-Konflikt überspringen kann: Ein ägyptischer Polizist erschoss am Sonntag zwei israelische Touristen und deren ägyptischen Reiseführer.