Hamburg  Israel-Krieg: Wie die Hamas das „Tribe of Nova“-Festival angegriffen hat

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 09.10.2023 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Israel-Krieg: Im Morgengrauen begann das Festival-Massaker. Foto: picture alliance/dpa/Quds Net News via ZUMA Press / Mahmoud Issa
Israel-Krieg: Im Morgengrauen begann das Festival-Massaker. Foto: picture alliance/dpa/Quds Net News via ZUMA Press / Mahmoud Issa
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Beim Musikfestival „Tribe of Nova“ in Israel hat die Hamas am Samstag ein Massaker angerichtet. Im Netz kursieren Beiträge, die erahnen lassen, wie erbarmungslos die Terroristen vorgegangen sind. Sie sind Grundlage dafür, die Ereignisse zu rekonstruieren. Was ist passiert?

Bei dem Großangriff der radikalislamischen Hamas in Israel wurden am Wochenende über Hunderte Menschen getötet. Über 260 davon befanden sich am Wochenende auf dem Musik-Festival „Tribe of Nova“ im Süden des Landes, beim sogenannten „Kibbuz Re‘im“ unweit des Gaza-Streifens. 

Nach wie vor werden Menschen vermisst. Einige Opfer sollen von der Hamas in den Gaza-Streifen verschleppt worden sein. Das berichten israelische Medien übereinstimmend unter Berufung auf den Rettungsdienst „Zaka“.

Die Frage, wie es den Terroristen gelang, den Angriff scheinbar ungehindert durchzuführen, bleibt ungeklärt. Die israelische „Times“ schreibt von einem „Informationsnebel“. Angehörige von vermissten, entführten oder ermordeten Personen geben an, dass sie sich – insbesondere von den Behörden – im Stich gelassen fühlen. Sie suchen in den sozialen Netzwerken nach Informationen und werden mit erschütternden Bildern konfrontiert. 

Videos, Fotos und Artikel, in denen Zeugen zitiert werden, geben einen Einblick, wie schnell und erbarmungslos der Angriff der Terroristen ablief. 

Ein User mit dem Namen „Madximilian“ teilt auf X (ehemals Twitter) ein Video des „Tribe of Nova“. Zu sehen sind tanzende Menschen, die früh morgens unter einem bunten Pavillon ausgelassen feiern – der zentrale Punkt des Festivalgeländes. Es läuft laute Techno-Musik, die Sonne steigt gerade auf, die Menschen strahlen, die Stimmung ist fröhlich. Am Himmel kann man in der Ferne jedoch Punkte erkennen, die sich langsam nähern. Offenbar handelt es sich dabei um Hamas-Terroristen. Per Gleitflieger sollen sich einige von ihnen dem Festival und den nichtsahnenden Besuchern genähert haben.

Hier sehen Sie das Video:

Was dann geschah, ist vielfach dokumentiert. Einige Aufnahmen sind zu brutal, als das wir sie an dieser Stelle in den Text einbinden. Der verifizierte Account „Osint Technical“ teilt auf „X“ ein Thread mit Fotos und Videos, die den Angriff der Hamas auf das Musik-Festival zeigen. Hinter dem Profil steckt ein selbsternannter „defense journalist“, ein Verteidigungsjournalist, der bei einer gemeinnützigen Forschungs- und Analyseorganisation arbeitet.  Er hat Aufnahmen in sozialen Netzwerken gesammelt und zusammengestellt.

Eines der Videos wurde ebenfalls am frühen Morgen aufgenommen – kurz nach Sonnenaufgang gegen 6.40 Uhr Ortszeit. Es zeigt wieder den bunten Pavillon. Die Musik ist mittlerweile verstummt.

Hier sehen Sie den Thread und das Video:

Unter den Besuchern herrscht relative Ruhe. Einige hocken, andere liegen auf dem Boden. Ob es zuvor bereits Schüsse gegeben hat, ist unklar. Lautsprecher-Durchsagen scheinen die Festivalgänger aufzufordern, das Gelände zu verlassen. Die meisten gehen ruhig, mit Getränkedosen in der Hand, einige rennen.

Wieder ist der Himmel zu sehen: Dieses Mal sind es aber keine Paraglider, sondern offenbar Raketen am Horizont. Aus dem Gaza-Streifen waren am Samstag innerhalb kürzester Zeit Hunderte Raketen abgefeuert worden – so viele, dass das israelische Luftabwehrsystem „Iron Dome“ nicht alle abfangen konnte. Möglicherweise stammen die schwarzen Rauchwolken von Abfangversuchen.

In den nächsten Minuten und Stunden sterben auf dem Gelände zahllose Menschen. Weiter Videos zeigen Fluchtversuche der Festivalgänger. Sie rennen über Felder, versuchen panisch zu ihren Autos zu gelangen. Ein Drohnenvideo zeigt offenbar eine Zufahrtsstraße zum Gelände. Es sind zerstörte Autos am Wegesrand und auf der Fahrbahn zu sehen. Einige scheinen ausgebrannt zu sein. Ob in Folge von Raketentreffen, Unfällen oder Feuergefechten ist nicht klar. Es ist nicht klar, ob im Innern der Fahrzeuge noch Leichen liegen.

Hier sehen Sie das Video:

Von eben dieser Straße existieren weitere Aufnahmen, die Schusswechsel zwischen vereinzelten israelischen Sicherheitskräften und Hamas-Terroristen zeigen. Das Massaker zog sich offenbar über einen längeren Zeitraum. Ein möglicherweise um 9:23 Uhr aufgenommenes Foto soll einen Hamas-Terroristen zeigen, wie er einen Zivilisten wegschleppt.

Mittlerweile ist bekannt, dass eine Reihe von Festivalgängern tot oder lebendig in den Gaza-Streifen geschafft wurden. Darunter soll sich auch eine deutsche Staatsbürgerin befinden. Es existieren Videoaufnahmen von ihr, auf denen sie fröhlich tanzend zu sehen sein soll. Aufgrund von Tattoos liegt der Verdacht nahe, dass es sich um dieselbe Person handelt, deren Körper später auf der Ladefläche eines Trucks umgeben von Hamas-Terroristen zu sehen ist. Ein junger Mann spuckt auf den Körper. Ihr Verbleib ist unklar. Die Mutter hatte sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt und um Hinweise gebeten.

Andere Besucher harrten offenbar noch länger auf dem Festivalgelände aus und versuchten sich hier zu verstecken. Eine Userin postet mit dem Hashtag #tribeofnova und dem Text „Shabbat Shalom“ (der typische Sabbat-Gruß ist in der Zeit zwischen Freitagmorgen und Samstagnachmittag gängig in der jüdischen Gemeinde) ein Video, das viele verängstigte Frauen in einem kleinen Raum zeigt. Im Hintergrund sind Explosion zu hören, der Boden bebt. 

Hier sehen Sie das Video:

Ein anderes Video auf TikTok zeigt, wie Menschen auf dem Feld wegrennen und schreien. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Die Besucher versuchen sich in Autos zu drängen und zu flüchten. Das trockene, weitflächige Feld hat man bereits in anderen Aufnahmen im Zusammenhang mit dem Angriff auf das Festival gesehen. 

Bei all diesen Videos sind die genauen Urheber in der Regel unklar. Die Personen, die die Videos ins Netz stellen, sind nicht zwangsläufig diejenigen, die sie auch gedreht haben. Angesichts der sich wiederholenden Örtlichkeiten besteht aber kein Zweifel daran, dass sie auf dem Festivalgelände entstanden sind.

Augenzeugen berichten zudem von ihren Erlebnissen. Die Schilderungen decken sich mit dem, was auf den Videos zu sehen ist. Für „Tablet“ – ein Online-Magazin, das sich auf jüdische Nachrichten und Kultur konzentriert – schreibt der Journalist Liel Leibovitz, dass er zwölf Stunden damit verbracht habe, mit Israelis zu sprechen, die beim Tribe-of-Nova-Musikfestival dabei waren. „Mindestens einer von ihnen brach mitten im Gespräch zusammen und konnte sich nicht weiter erinnern“, schreibt er. 

Als Titelbild dient ein vom israelischen Außenministerium geteiltes Bild des Festivals, das mit einem Weichzeichnungsfilter bearbeitet wurde. Unscharf zu erkennen ist ein weißer Pavillon. Auf dem Boden, so scheint es, stapeln sich Leichen unter Decken und Plastiksäcken. Es soll sich um ermordete Festivalbesucher handeln.

Leibovitz schildert den Ablauf des Angriffs, zitiert Zeugen. „Ich habe Videos gesehen, in denen ein Mann von einer Gruppe arabischer Kinder festgehalten wurde. Sie sind etwa 16, 17 Jahre alt“, erinnerte sich ein Überlebender. Diese „Kinder“ gehören den Hamas an, sind junge Männer, Terroristen.

Die Freundin des Festivalbesuchers, so berichtet der Zeuge, stieg auf ein Fahrrad und versuchte zu flüchten. „Frauen wurden auf dem Rave-Gelände neben den Leichen ihrer Freunde vergewaltigt“, erzählt er dem Journalisten. Die Aufarbeitung der Ereignisse auf dem Festivalgelände dauert an.

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