Osnabrück Ulrike Sterblichs „Drifter“: Wenn der Roman die Regie übernimmt
Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2023: Wir stellen die Finalisten vor. Heute: Ulrike Sterblichs Roman „Drifter“ ist eine elegante Reise durch die Welt des digitalen Zeitgeistes.
Er beschreibt sich als „Kommentarspaltenscherge“ und vergleicht sich mit Daffy Duck, er handelt mit Kryptoaktien und ist süchtig nach Videos im Netz. Aber den Weg in die Geschichte, in seine Geschichte, weist ihm ein Buch. „Elektrokröte“. Was für ein Titel. Wenzel Zahn sieht, wie eine fremde Schöne in diesem Buch blättert, einem Buch von Wenzels Lieblingsautor K:B Drifter. „Elektrokröte“ ist aber noch gar nicht erschienen. Mysteriös.
In Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ ist es Bastian Balthasar Bux, der über ein geheimnisvolles Buch in eine andere Welt gelangt. Ulrike Sterblich schickt in ihrem Roman „Drifter“ den Protagonisten Wenzel Zahn ebenfalls in eine andere, vor allem seltsam verfremdete Welt. Mit der Fahndung nach dem Buch, das es noch gar nicht geben dürfte, gerät Wenzels Leben in eine eigentümliche Drift ins Phantastische.
Ulrike Sterblich ist Autorin und Politologin, sie betreibt eine Talk- und Lesebühne – natürlich in Berlin. Mit „Drifter“ legt sie ein Buch vor, das in keine Schublade geläufiger Gattungen passt. Das Buch kann als Zeitroman und Mediensatire, als Freundschaftsgeschichte und Entwicklungsroman gelesen werden. Wer so richtig spüren will, was in „Drifter“ alles steckt, lege diese Ebenen in jedem Moment seiner Lektüre über- und ineinander.
Ulrike Sterblich stellt einen sympathisch unbeholfenen Protagonisten in sein unfertiges, fiktives Leben. Wenzel ist der Wasserträger einer Branche des schnellen Konsums der Klicks und Bilder. Wenn er nicht Leserforen moderiert, läuft Wenzel seinem Lebensglück hinterher – bis, ja bis die geheimnisvolle Vica in sein unspektakuläres Leben tritt.
Die geheimnisvolle Fremde mit dem Zottelhund und den seltsam bizarren Freunden: So ein erzählerischer Einfall kann zu Kitsch und Klischee verrutschen. Sterblich hält die kipplige Balance, hält das Unwahrscheinliche nahe genug am gerade noch Vorstellbaren. Sie macht ihre Leser zu lauter Driftern, die bei der Lektüre mit einer Mischung aus Unglauben und Vergnügen wahrnehmen, wie sich Realität verschieben kann.
Was als Jagd nach dem Buch beginnt, entwickelt sich zu einer kaum gelebten Lovestory und zur phantastischen Reise durch die Paralleluniversen der medialen Gewerbe. Was hält am Ende das Leben zusammen? In „Drifter“ sind es nicht die digitalen Welten, sondern die Freundschaft, nicht der Hype um Prominenz und Gewinn, sondern der Aktivismus einer kleinen Gruppe, die gegen die Schickeria der Gentrifizierung aufbegehrt.
„Drifter“ besticht als Roman über ein Leben als Roman, als Zeitgeistrevue und Hohelied der Freundschaft. Das Buch besticht auch sprachlich als brisanter Ritt. Das etwas blumig geratene Ende nimmt man dafür gern in Kauf.
Ulrike Sterblich: Drifter. Roman. Verlag Rowohlt Hundert Augen. 286 Seiten. 23 Euro.