Osnabrück  Selensykjs Gegenoffensive steckt in Putins Verteidigungslinien fest - was nun?

Michael Clasen
|
Von Michael Clasen
| 04.10.2023 16:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Wolodymyr Selenskyj (m.) ist überzeugt von dem Ziel, alle von Russland annektierten Gebiete zurückzuerobern. Dafür bräuchte er ungebrochene Unterstützung aus den USA und Europa. Foto: dpa/Planet Pix Pool via ZUMA Press Wire
Wolodymyr Selenskyj (m.) ist überzeugt von dem Ziel, alle von Russland annektierten Gebiete zurückzuerobern. Dafür bräuchte er ungebrochene Unterstützung aus den USA und Europa. Foto: dpa/Planet Pix Pool via ZUMA Press Wire
Artikel teilen:

Gerät die Ukraine im russischen Angriffskrieg in die Defensive? Die Gegenoffensive steckt in Putins Verteidigungslinien fest. Jetzt bröckelt auch noch der Rückhalt – in Europa, aber vor allem in den USA.

Die Rebellion der Hardliner-Republikaner im US-Parlament verdeutlicht, wie enorm risikobelastet die Strategie des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist, alle von Russland annektierten Gebiete wieder zurückerobern zu wollen – von Luhansk bis zur Krim. So verständlich dieses Ziel aus Sicht Kiews auch sein mag: Es könnte sich als eine fatale Fehleinschätzung entpuppen. 

Selenskyj glaubt offensichtlich den Worten von US-Präsident Joe Biden und anderen europäischen Staatschefs, dass die Solidarität mit seinem Land im Kampf gegen Putins Truppen grenzenlos sei. Doch in Wahrheit hat Biden in den USA bereits keine Mehrheit mehr für seine Milliarden US-Dollar teure Ukraine-Politik. Geld, das viele kriegsmüde US-Bürger lieber in die Sanierung von maroden Straßen und Schulen investiert sehen wollen als in Bomben und Raketen für die Ukraine. Nach den militärischen Katastrophen im Irak und in Afghanistan ist die Skepsis groß. 

Die Revolte der Republikaner im US-Parlament dürfte nur ein Vorgeschmack auf die nächste Präsidentenwahl 2024 sein. Dann droht Bidens Abwahl. Ohne die Militär- und Wirtschaftshilfen der USA würde die Ukraine jedoch innerhalb weniger Wochen kollabieren. Die EU könnte die Lücke gar nicht schließen, selbst wenn sie es wollte, weil sie schlicht nicht über die Rüstungskapazitäten verfügt. Nach Ungarn droht nun auch die Slowakei nach dem Wahlsieg des Populisten Robert Fico aus der westlichen Waffenallianz auszuscheren.

Dagegen hat Putin sein Land auf einen langjährigen Krieg eingestellt. Aus den taktischen Fehlern des vergangenen Jahres hat die russische Armee gelernt und unter anderem den Drohnen-Krieg für sich entdeckt. Die Verteidigungslinien halten leider weitgehend – allen anderslautenden Meldungen der vergangenen Wochen im Westen zum Trotz. Die ukrainische Armee hat kleinere taktische Erfolge erzielt, aber keinen strategischen Durchbruch – und dabei enorme Verluste an Mensch und Material erlitten.

Was folgt daraus? Der Westen sollte zu einer realistischeren Ukraine-Politik kommen, bevor der Krieg in einem noch größeren Desaster endet. Ankündigungen wie die der deutschen Außenministerin Baerbock sind da wenig hilfreich, die EU werde sich bald bis nach Luhansk erstrecken. Zumindest geheime Verhandlungen über einen Waffenstillstand sollten kein Tabu sein. 

Ähnliche Artikel