Kiel  „Habe mir nichts dabei gedacht“: Mann missbraucht 27 Jahre lang Jungen und Mädchen

Eckard Gehm
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Von Eckard Gehm
| 28.09.2023 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Es ist ein Fall, wie es ihn wohl noch nie zuvor in Schleswig-Holstein gegeben hat: In einem Dorf im Kreis Segeberg soll sich ein Mann 27 Jahre lang an Kindern von Verwandten und Nachbarn vergangen haben. Jetzt steht er vor dem Kieler Landgericht.

Missbrauch in 462 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem Rentner Günter J. (71) vor. Sehr wahrscheinlich ist das aber nur ein Teil der Taten. Angeklagt wurde lediglich, was sich durch die Ermittler räumlich und zeitlich einordnen ließ. Hauptsächlich durch die zahlreichen Videos und Fotos, die im Einfamilienhaus des ehemaligen Straßenbauers entdeckt wurden.

Der Angeklagte, der in Handschellen und grüner Anstaltskluft in den Saal 137 des Kieler Landgerichts geführt wird, legt ein Geständnis ab, sagt: „Es ist immer vor dem Schlafengehen passiert. Die Jungs haben im Bett rumgetobt, sich gegenseitig und auch mich angefasst. Das Spiel mit den Kindern war so etwas wie eine Gewohnheit geworden, es ging nicht um Erregung.“

Die Anklage hingegen spricht von Anal- und Oralverkehr, von sexuellen Handlungen, die von den Jungen und Mädchen untereinander vorgenommen werden mussten.

Die Vorsitzende Richterin fragt den Angeklagten nach Szenen aus den Videos. „Dort sagten die Kinder, dass es ihnen wehtut und sie es nicht möchten.“ Günter J. erwidert: „Das ist mir nicht aufgefallen. Wenn es auf den Filmen ist, dann war es wohl so. Erinnern kann ich mich nicht.“

„Haben Sie sich nie Gedanken gemacht, dass nicht richtig ist, was Sie den Kindern antun?“, will die Richterin wissen. „Und haben Sie mal darüber nachgedacht, damit aufzuhören?“

„Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht, ich habe mir überhaupt nichts dabei gedacht. Ich habe ja auch nie darauf hingearbeitet, es ist einfach so passiert“, betont der Angeklagte.

Den ersten aktenkundigen Missbrauch soll Günter J. im Jahr 1995 an seiner Nichte begangen haben, die ihn regelmäßig am Wochenende besuchte. Heute ist sie eine erwachsene Frau (37), sitzt als Nebenklägerin im Saal.

Trotz der eigenen Erfahrungen soll sie später als Mutter ihre eigenen beiden Kinder immer wieder beim Angeklagten abgegeben haben. So verbrachte ihr Sohn (7) von 2014 bis 2020 fast jedes Wochenende bei ihm, dazu mindestens immer drei Wochen der Sommerferien. Günter J. soll sich in diesem Zeitraum 174 Mal an dem Jungen vergangen haben, an der Tochter (9) in acht Fällen.

Der Angeklagte lebte allein im Haus seiner verstorbenen Eltern, erzählt dem Gericht von Besuchen mit den Kindern im Hansa-Park und bei den Karl-May-Festspielen, von seinem großen Garten, dass sie mit seinem Computer spielen durften und immer was zum Naschen bekamen. Auch zwei weitere Brüder (6, 10) sollen von ihm über Jahre missbraucht worden sein, außerdem zwei Nachbarskinder, ein Junge (4) und ein Mädchen (2). Zudem entdeckten Ermittler auf den Videos noch nicht identifizierte Kinder.

Der Sachverständige, Sexualmediziner und Facharzt für Psychiatrie am Hamburger UKE, sagt zum Angeklagten: „Wenn es unverfänglich ist, können Sie sich sehr gut erinnern, wenn es aber um die konkreten Taten geht, werden sie langsam, zögerlich und ungenau. Ist es Ihnen unangenehm, über die Vorwürfe zu sprechen?“ Günter J. nuschelt in seinen weißen Vollbart: „Leicht fällt es mir nicht.“

Die Corona-Pandemie hatte schließlich den Besuchen der Kinder ein Ende gesetzt und der Angeklagte begann, über einen Microsoftdienst kinderpornografisches Material ins Internet hochzuladen. Microsofts Algorithmen spürten die Bilder auf und meldeten den Fund samt Nutzerdaten dem „National Center for Missing and Exploited Children“. Die gemeinnützige, vom US-Justizministerium mitfinanzierte Organisation, informierte das Bundeskriminalamt.

Im Zuge eines sogenannten Action-Days, bei dem Ermittler zeitgleich bei mehreren Verdächtigen durchsuchen, zu denen sie Hinweise aus den USA erhalten haben, standen Polizisten am 15. Dezember 2022 auch vor der Tür des Angeklagten. Sie stießen auf eine ungewöhnliche Menge an Datenträgern: 23 USB-Sticks, 19 SD-Karten, 64 CDs, zwei Computer und zwei Smartphones.

Alles wurde beschlagnahmt und auf all diesen Datenträgern war Kinderpornografie – und auch der Missbrauch, den er bei sich im Haus gefilmt hatte. Die Richterin spricht von über 15.000 unterschiedlichen kinderpornographischen Dateien.

Für den Prozess sind zehn weitere Verhandlungstage bis zum 27. November geplant.

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