Osnabrück  Das verhüllte Kaufhaus in Osnabrück: Was hat die Installation „Transfer(s)“ bewirkt?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 29.09.2023 06:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Künstler Ibrahim Mahama hat das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude in Osnabrück verhüllt. Foto: Frauke Ziemann
Der Künstler Ibrahim Mahama hat das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude in Osnabrück verhüllt. Foto: Frauke Ziemann
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Wieviel ist der Frieden wert, wenn er nur Konflikte verdeckt? Der Streit um Ibrahim Mahamas Verhüllung des Galeria-Kaufhof-Gebäudes in Osnabrück lehrt Streitkultur. Ein echter Fortschritt im Friedensjahr.

Pöbelei im Netz, Emphase vor Ort: Das verhüllte Galeria-Kaufhof-Gebäude hat die Osnabrücker bewegt, ja polarisiert. So viel ist sicher. Die einen fanden die Installation von Ibrahim Mahama wundervoll, die anderen grauenvoll. Versöhnung unmöglich. Der Künstler aus Ghana hat keinen Frieden gestiftet, sondern das Meinungsbild gespalten. Aber soll Kunst nicht genau das bewirken?

Ja, das soll sie. An dieser Wirkung erweist sich Kunst, zumindest jene Kunst, die ihren Namen verdient. Aber nicht nur deshalb erlebt Osnabrück mit Mahamas „Transfer(s)“ eine Sternstunde. Das verhüllte Kaufhaus hat Konfliktlinien kenntlich gemacht, Schmerzpunkte berührt. Und es hat gezeigt, wie kraftvoll der öffentliche Auftritt von Kunst sein kann – mitten im digitalen Zeitalter.

Was hat das verhüllte Kaufhaus mit dem Westfälischen Frieden zu tun? Diese Frage haben Kritiker der Kunstaktion immer wieder gestellt. Dabei ist sie leicht zu beantworten. Mahama hat gezeigt, dass Konflikte angesprochen werden müssen, bevor wirklich Frieden herrschen kann.

Ich sage es gerade heraus: In Osnabrück hat man es sich lange Zeit zu bequem gemacht mit dem Bild des Westfälischen Friedens. Wirkt es bisweilen nicht so, als sei Osnabrück nicht einfach nur Friedensstadt, sondern gleich auch Friedenshauptstadt?

Das verhüllte Kaufhaus hat diese Selbstzufriedenheit mit seiner schlichten Präsenz aufgebrochen. Aber das sind doch nur alte Jutesäcke! So haben Kritiker getönt. Ja, aber schlichte Jute hat ausgereicht, um manche Menschen, höflich gesagt, erstaunlich weit aus der Reserve zu locken.

Dieser Streit um die Kunst könnte das wichtigste, weil am weitesten reichende Ergebnis des Jubiläumsjahres 375 Jahre Westfälischer Frieden sein. Die Kontroverse um „Transfer(s)“ hat den Blick auf Osnabrücks koloniale Vergangenheit gelenkt und gezeigt, dass es heute in dieser Stadt mit der Debattenkultur nicht weit her ist. Es ist nicht gelungen, Kritiker und Befürworter des verhüllten Kaufhauses wirklich miteinander ins Gespräch zu bringen.

Ich bin sicher, dass die Debatte weitergeht, auch dann, wenn „Transfer(s)“ abgebaut sein wird. Davon wird die Stadt, davon werden die Osnabrücker langfristig profitieren. Die zuletzt politisch angefeindete Kunsthalle Osnabrück hat jetzt schon Pluspunkte gesammelt. Zu abgehoben soll ihr Programm sein. Doch mit „Transfer(s)“ haben ihre Direktorinnen die Kunst mitten in die Stadt getragen. Ein Coup.

Das verhüllte Kaufhaus ist übrigens bis zum 1. Oktober noch zu sehen. Jeder sollte einen letzten Blick auf diese Riesenskulptur werfen. Ich werde es auch machen – mit Abschiedsschmerz im Herzen.

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