Berlin Warum ein Ostsee-Krimi? 12 dreiste Fragen an Besteller-Autor Michael Kobr
Nach 20 Jahren im Autoren-Duo legt Michael Kobr jetzt seinen ersten Solo-Krimi vor: „Sonne über Gudhjem“. Ein Kobr ohne Klüpfel und ihren Kult-Kommissar Kluftinger? Dazu hätten wir ein paar Fragen ...
Gemeinsam mit Volker Klüpfel schreibt Michael Kobr einen Bestseller nach dem anderen. Jetzt hat er sich eine Auszeit gegönnt, ist an die Ostsee gereist und hat sich den Bornholmer Kommissar Ipsen ausgedacht. „Sonne über Gudhjem“ heißt Kobrs erster Krimi als Solo-Autor. Ein Interview:
Frage: Herr Kobr, wen haben Sie beim Schreiben mehr vermisst? Klüpfel oder Kluftinger?
Antwort: Kobr (lacht): Was glauben Sie wohl, wie sehr man zwei manchmal mürrische Allgäuer Typen vermisst, die einem beim Schreiben seit zwanzig Jahren auf der Schulter sitzen, der eine auf der rechten, der andere auf der linken Seite? Nein, ich habe die Arbeit an meinem ersten „Soloalbum“ als eine Art Urlaub vom Gewohnten sehr genossen.
Frage: Laut Danksagung war das Solo doppelt so viel Arbeit. Was war am anstrengendsten? Und: Fällt vielleicht auch etwas leichter?
Antwort: Am anstrengendsten an der Arbeit allein ist, dass man seine Ideen nicht gleich besprechen kann, keine Meinung, Einschätzung oder Kritik dazu hört. Am leichtesten hingegen ist, dass ich nicht jede Idee gleich besprechen muss …
Frage: Was hat die Ostsee, was das Allgäu nicht hat? (Literarisch gesprochen – dass auf Bornholm die Fischbrötchen frischer sind, ist ja klar.)
Antwort: Bornholm ist für mich seit vielen Jahren immer wieder Urlaubsziel – und wurde dadurch zum Sehnsuchtsort. Da gibt es das unvergleichliche nordisch-skandinavische Licht, das Meer, die Weite, eine spannende Geschichte und die Randlage zwischen den beiden Blöcken des Kalten Krieges. Da gibt es auch einen neuen Kommissar, der ein wenig mehr meiner Generation entstammt als Kluftinger, mit Problemen und Freuden zu tun hat, die auch ich ganz gut kenne. Und vor allem gibt es da verdammt viel zu entdecken. Für mich und hoffentlich auch für die Leserinnen und Leser.
Frage: Die Kluftinger-Fälle betreiben über viele Bände ein Rätselspiel mit dem Vornamen des Helden. Im neuen Fall habe ich den Running Gag übersehen. Was haben Sie diesmal ausgeheckt?
Antwort: Also … Frau Doktor Eklund, die Gerichtsmedizinerin, hat Lennart noch nie zu Gesicht bekommen. Immer kommt etwas dazwischen, was ihm die Sicht auf sie nimmt. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben … und dann ist da ja noch die Sache, dass lpsen erstmal immer für einen Mitarbeiter der Müllabfuhr gleichen Namens gehalten wird.
Frage: Im Bornholm-Krimi dreht sich alles um einen geheimnisvollen 20. Juli 1986. In solchen Daten verstecken Autoren gern private Anspielungen. Raus damit: Was verbinden Sie mit dem Tag?
Antwort: Oh je, so tiefgründig bin ich wohl gar nicht. Lassen Sie mich nachrechnen: ich war damals zwölfeinhalb … Sommer … es könnte der denkwürdige Tag gewesen sein, an dem ich mit meinem Vater unseren marsroten Golf-II-Jahreswagen mit 54 PS und Schiebedach in Wolfsburg abholen durfte. Was war ich stolz damals!
Frage: Die Kluftingers sind erst bei Piper erschienen, dann bei Droemer Knaur und zuletzt bei Ullstein. Kommissar Ipsen ist jetzt bei Goldmann zu Hause. Hand aufs Herz: Arbeiten Sie an einem Schlüsselroman über Deutschlands führende Verlagshäuser?
Antwort: (lacht) Gute Idee. Ich notiere mir das gerade mal …
Frage: Woher kommt der Humor in den Kluftingers? Ist einer im Duo für die Gags zuständig? Oder entsteht der Witz erst aus der Zusammenarbeit?
Antwort: Zuständig sind wir beide für alles zu gleichen Teilen. Daran kann es also nicht liegen. Das mit dem Humor hat sich allmählich über die inzwischen zwölf Bände entwickelt. Bei Kluftinger steht dieser Aspekt inzwischen ja ziemlich im Vordergrund. Daher wollte ich in „Sonne über Gudhjem“ bewusst weniger aufs humoristische Gaspedal treten. Ein paar Passagen zum Schmunzeln gibt es aber dennoch.
Frage: Sie riskieren den Vergleich und zitieren in Ihrem Ipsen-Krimi wirklich alle klassischen Ermittler der Kriminalliteratur – von Maigret bis Miss Marple. An wem messen Sie sich selbst? Wer ist auf ewig unerreichbar gut? Wer ist überschätzt?
Antwort: Ich bin selbst wirklich großer Fan von Krimiserien, sehne oft das Erscheinen einer Fortsetzung herbei. Natürlich vergleicht man auch das, was die Kolleginnen und Kollegen so abliefern, mit den eigenen Romanen. Auf ewig unerreichbar gut und von unglaublicher Produktivität war Georges Simenon. Vor ihm kann man sich nur verneigen: Er schaffte es, mit so wenigen Worten so viel Atmosphäre zu schaffen wie kaum ein anderer. Eindeutig überschätzt sind die Verfilmungen ganz vieler aktueller Krimiserien. Leider.
Frage: In der Bestseller-Liste des Kritikers Denis Scheck sind die Kluftinger-Fälle zuletzt, wenn ich das mal so schonungslos zitieren darf, vom Prädikat „sehr vergnüglich“ (Band 10) auf das Verdikt „fade Serienkost“ (Band 11) abgestürzt. Ist der Neuanfang auf Bornholm ein Versuch, den Kritiker aus seiner Langeweile zu reißen?
Antwort: Um Himmels willen, nein. Ich schreibe wirklich in allererster Linie für die Leserinnen und Leser. Ihnen muss es gefallen, ihnen soll es schöne Stunden und gute Unterhaltung bringen, ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Hört sich kitschig an, ist aber so. Und die Leute scheinen Ipsen durchaus zu mögen. Die Kritik interessiert sich normalerweise auch nicht allzu sehr für das, was aus meiner Feder fließt. Denis Scheck musste unsere Bücher eben oft besprechen, weil sie in den Top 10 der Liste waren, die er in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ immer bespricht. Da war er uns eine Weile recht gewogen, dann auf einmal nicht mehr. Warum, weiß ich nicht. Eine Einladung zu einem Interview in die Sendung oder einen Beitrag über uns gab es nie.
Frage: Sehr viel gehässiger als den elften Kluftinger bewertet Scheck jeden einzelnen Krimi von Sebastian Fitzek („gewaltpornografisch“). Hat er recht?
Antwort: Ich bin kein eifriger Thriller-Leser, deswegen kenne ich die Bücher eigentlich nicht. Sein atemberaubender Erfolg aber gibt dem Kollegen Sebastian Fitzek, übrigens einige Jahre geschätzter Verlagskollege von mir bei Droemer, allerdings schon mal recht. Ein inhaltliches Urteil kann ich mir nicht erlauben, das von Ihnen zitierte Attribut zu Sebastians Werken hört sich vernichtend an. Ich persönlich mag diese Rubrik in Schecks Sendung nicht, bei der Bücher, mit denen der Kritiker eben nichts anfangen kann, mit abfälliger Geste in die Restekiste, die Ecke oder vielleicht auch die Papiertonne gepfeffert werden. Das hat was vom gesenkten oder gehobenen Daumen des Imperators nach dem Gladiatorenkampf. Diese Urteile in ein, zwei Sätzen greifen mir zu kurz. Die positiven wie die negativen.
Frage: Wie geht’s denn jetzt weiter? Erlebt Ipsen neue Fälle auf Bornholm? Oder schicken Sie ab sofort immer neue Ermittler an die schönsten Orte der Welt?
Antwort: (lacht) Schon wieder so eine gute Idee! Aber erstmal geht es natürlich mit Lennart Ipsen auf Bornholm weiter, die Insel ist so vielfältig und bietet noch eine riesige Menge an spannenden Geschichten und Schauplätzen. Ich schreibe aktuell an Band 2, der wohl im Frühjahr 2024 erscheinen wird.
Frage: Das Wichtigste zum Schluss: Wird es trotz Lennart Ipsen neue Kluftingers geben?
Antwort: Das ist das Wichtigste? Das würde Denis Scheck wahrscheinlich ganz anders sehen … Natürlich, mit Klufti geht es weiter, auch daran arbeiten wir bereits. Klüpfel und Kluftinger haben bereits wieder auf meiner Schulter Platz genommen.