Hamburg  Trinkgeld für einen Coffee to go? Die neue Gastro-Dreistigkeit

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 26.09.2023 10:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wer mit der Karte zahlt, gibt weniger Trinkgeld? Das war mal – zumindest, wenn es nach windigen Gastronomen geht. Foto: Imago images/Zoonar
Wer mit der Karte zahlt, gibt weniger Trinkgeld? Das war mal – zumindest, wenn es nach windigen Gastronomen geht. Foto: Imago images/Zoonar
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Neue Kartenlesegeräte verlangen nach Trinkgeld, selbst wenn man sich nur etwas zum Mitnehmen holt. Wann wurde aus dem Zeichen der Wertschätzung eine Selbstverständlichkeit, die man einfordern kann?

Mein erstes Trinkgeld betrug genau einen Cent. Das weiß ich noch so genau, weil es so eine unangenehme Situation war. Ich war gerade 18 und arbeitete als Kassiererin an einer Tankstelle. Ein Kunde hatte für 19,99 Euro getankt, bezahlte mit einem 20-Euro-Schein und sagte gönnerhaft „Stimmt so“. Nun habe ich nichts dagegen, wenn mir jemand etwas schenkt, aber beim „Danke“ im fröhlichen Einzelhandels-Tonfall kam ich mir reichlich blöd vor, schließlich gab er mir den Cent nur, weil er zu faul war, seinen Geldbeutel herauszuholen.

Auf der anderen Seite: Warum sollte mir ein Kunde etwas schenken? Ich werde fürs Verkaufen bezahlt, warum sollte ich für die zehnsekündige Dienstleistung etwas extra verdienen? Und warum sollte es in der Verantwortung der Kunden liegen, meinen mickrigen Mindestlohn (wir sprechen von Anfang der 2010er-Jahre) auszugleichen?

Leider teilen die Cafés und Bäckereien in meinem Umfeld diese Einstellung nicht. Als ich neulich mehrere Teilchen zum Mitnehmen mit der Karte bezahlen wollte, verlangte das Bezahlterminal, mich für eine Trinkgeldoption zu entscheiden: dürfen es zehn, 15 oder 20 Prozent sein? 0 Prozent wären angemessen, dachte ich. Warum auch? Mich mit einem „Hallo“ zu begrüßen und die Gebäckstücke einzupacken, sehe ich nicht als derart aufmerksamen, freundlichen oder zuvorkommenden Service an, dass ich dafür 2,40 Euro (so viel wären in diesem Fall 20 Prozent gewesen) geben würde.

Meine Suche nach der „Ich will kein Trinkgeld geben“-Taste bemerkte der Kassierer und erklärte mir, wo ich drücken müsse – in einer Lautstärke, dass auch ja jeder in der Schlange über meine vermeintliche Knausrigkeit informiert wurde. Ich blieb bei meinem Trinkgeld-Boykott, verschwand peinlich berührt mit meinen Teilchen und dachte mir: Es tut mir leid, aber Trinkgeld sollte eine Wertschätzung für besonders aufmerksamen und freundlichen Service sein und ist keine Selbstverständlichkeit, die man einfordert!

Etwas anderes mag es im Restaurant, der Bar oder dem Café sein, wo Beratung, Aufmerksamkeit und Smalltalk durchaus etwas Trinkgeld rechtfertigen. Gleichzeitig wäre es mir lieber, wenn Trinkgeld wieder zur Ausnahme wird, statt als Selbstverständlichkeit von Arbeitgebern einkalkuliert wird, die Knochenjobs im Servicebereich mit sozialleben-unfreundlichen Arbeitszeiten nicht angemessen bezahlen wollen. Statt die Preise anzuheben und ihren Angestellten einen fairen Lohn zu garantieren, wird versucht, die Verantwortung dafür auf uns Kunden zu übertragen.

Die Perversion dieser Entwicklung ist schon jetzt in den USA zu sehen, wo eine „Tipflation“ (dt. Trinkgeldinflation) herrscht. Dort werden inzwischen 30 Prozent Trinkgeld erwartet. Wie der Service war, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, Trinkgeld werde vielmehr als Ausdruck des Charakters einer Person gesehen – und wer wenig gibt, hat einen zweifelhaften. Die Trinkgelderwartung geht dort so weit, dass für Menschen in Trinkgeld-Berufen einen niedrigeren Mindestlohn erhalten, eben weil das Trinkgeld als weitere Einkommenssäule eingeplant wird.

Vielleicht ist die Sorge vor einer Trinkgeld-Inflation in Deutschland aber auch übertrieben, wenn ich an meinen letzten Friseurbesuch denke. Dort wollte ich Trinkgeld geben und bat die Friseurin den Betrag bei der Kartenzahlung anzupassen. Das sei technisch nicht möglich, es ginge nur bar oder idealerweise über eine Trinkgeld-App, die man eigens dafür herunterladen müsse. Man kann es Kunden auch schwer machen.

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