Mahnfeuer in Ostfriesland  Flammen gegen den Wolf

Lasse Paulsen
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Von Lasse Paulsen
| 23.09.2023 13:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit Mahnfeuern wollen unter anderem Landwirte, Jäger und Weidetierhalter gegen die Ausbreitung des Wolfes protestieren. Foto: ON-Archiv
Mit Mahnfeuern wollen unter anderem Landwirte, Jäger und Weidetierhalter gegen die Ausbreitung des Wolfes protestieren. Foto: ON-Archiv
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In der Region sollen am Freitag zahlreiche Mahnfeuer gegen eine uneingeschränkte Ausbreitung des Raubtieres brennen. Was die Teilnehmer antreibt und was ihnen entgegengehalten wird.

Aurich - Europaweit werden am kommenden Freitag Mahnfeuer gegen die uneingeschränkte Ausbreitung des Wolfes und für den Schutz der Weidetierhaltung angezündet. Das Landvolk Niedersachsen drängt auf den Abschuss von Wölfen zum Schutz der Herden.

Maren Ziegler, Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland (LHV) im Kreis Norden-Emden, erklärt, dass an dieser Initiative vorwiegend Tierhalter und Privatleute teilnehmen würden. „In Ostfriesland ist der Wolf momentan ein sehr großes Thema, deshalb sind hier auch mehr Mahnfeuer, als in anderen Regionen“, erklärt sie. Der LHV gebe einen Hinweis zum Mahnfeuer an seine Mitglieder und beteilige sich auch selbst an einem der Feuer. Ziegler gibt zu bedenken, dass die Herde nach einem Angriff dauerhaft nervös bleibe. Sie habe Berichte bekommen, dass durch den Stress für die Tiere sogar Fehlgeburten entstünden. Die Botschaft des LHV ist klar: Die Eingrenzung der Wolfspopulation in Ostfriesland ist notwendig für das Überleben der Weidetierhaltung. „Der Wolf ist in dieser Hinsicht eine Katastrophe“, sagt sie.

Freundeskreis verfolgt anderen Ansatz

Auch der Freundeskreis freilebender Wölfe sieht dringenden Handlungsbedarf. Die Mitglieder wollen jedoch einen ganz anderen Ansatz, als die Jagd von Wölfen, verfolgen. Thomas Mitschke, Zweiter Vorsitzender des Feundeskreises, erklärt, dass bei über 80 prozent der bisher gerissenen Schafe kein Wolfsabweisender Grundschutz der Herden vorgelegen habe. So auch bei den Rissfällen, auf die sich etwa das Landvolk häufig beziehen würde. In Stade und Harburg wurden in der jüngeren Vergangenheit Schafe und Rinder gerissen. Hier sei bei einer fachlichen Untersuchung vor Ort der fehlende Wolfsschutz festgestellt worden. „Von daher muss tatsächlich gehandelt werden, aber explizit beim Herdenschutz“. Das Landvolk wolle aufhören zu reden und das sei ein völlig falscher Ansatz, so Mitschke. „Kommunikation ist hierbei der Schlüssel, es fehlt vor allem an Beratung vor Ort.“

Gernold Lengert, Vorsitzender der Jägerschaft Aurich, befürwortet den Abschuss der Wölfe, obwohl er sie „schön und faszinierend“ findet. „Wir brauchen an den Küsten wolfsfreie Zonen.“, so Lengert. Das Problem bei einem Riss durch einen Wolf seien nicht zwingend die gerissenen Tiere. Die angegriffene Herde entwickle nach einem solchen Vorfall einen Fluchtreflex. Dieser Instinkt greife nicht nur, wenn wieder ein Wolf in ihre Nähe ist. Auch die Hunde von Spaziergängern oder freilaufende Hunde könnten in den Herden eine Panik aufkommen lassen. Ein Bauer mit einer betroffenen Herde könne nicht mehr garantieren, die Tiere auf der Weide zu halten. „Verfällt die Herde in Panik stoppt sie erst wieder, sobald die Jungtiere nicht mehr weiter laufen können“, erklärt Lengert.

Die Ausbreitung von Wölfen in der Region bereitet Tierhaltern Sorgen. Foto: Ingo Wagner/DPA
Die Ausbreitung von Wölfen in der Region bereitet Tierhaltern Sorgen. Foto: Ingo Wagner/DPA

Doch nicht nur die Sicherheit im Hinterland sieht Gernold Lengert als kritisch an. Die auf den Deichen lebenden Schafe entwickelten ebenfalls eine solche Dynamik. Entlang der Küste und an den Binnengewässern seien 1600 Kilometer Deich in Niedersachsen. Diese würden vor allem durch die Schafsherden gesichert. „Wolfsfreie Zonen an den Küsten sind wichtig um uns gegen Sturmfluten zu schützen“, so Lengert. Einen wirksamen Schutz durch Zäune aufzubauen sei aber logistisch einfach nicht möglich. Herdenschutzhunde seien ebenso nicht realistisch. „Das einzige Ziel dieser Hunde ist es, die Herde zu beschützen, egal wer da ankommt. Mit Ausnahme des Besitzers und manchmal einiger enger Vertrauter ist für den Hund alles und jeder eine Gefahr“, so Lengert. Spaziergänger könnten vom Hund als Gefahr angesehen werden.

Jäger-Chef: „Die Pferde landen dann alle in der Wurst.“

Ein weiteres Beispiel für die Auswirkungen eines Risses sind laut Lengert Ferienhöfe mit Pferden. „Dort leben in der Regel etwa zehn Pferde. Die sind dazu da, dass Touristen auf ihnen reiten können. Wenn eins der Pferde gerissen wird, werden die anderen neun Pferde für immer nervös bleiben. Kommt ein Hund vorbei, drehen die Pferde durch, egal ob sie gerade nur herumstehen oder jemand auf ihnen reitet. Die Pferde landen dann alle in der Wurst“, so Lengert.

Eine weitere Gefahr lauere für den Menschen in den Wäldern. Besonders die Kinder, die gerne im Wald spielen oder auch in einem Waldkindergarten sind, müssten mit einer Gefährdung rechnen. „Ein gesunder Wolf wird einen Menschen nicht angreifen. Ich kann das nicht garantieren aber es ist unwarscheinlich“, erklärt Lengert. Anders sehe das bei verletzten oder hungrigen Tieren aus. „Ein Wolf ist ein impulsiv gesteuertes Wesen. Wenn er Hunger hat oder verletzt ist und der Mensch seine einzige Chance auf Essen ist, wird er den Menschen angreifen.“ Lengert erklärt, in Friedeburg hätten sich momentan zwei Wolfsrudel niedergelassen. Eines davon lebe in den Maisfeldern. „Wir werden sehen, wie sich das nach der Ernte entwickelt, wenn der Maisdschungel nicht mehr da ist.“ An diesem Beispiel sehe man deutlich, dass Wölfe auch relativ nah aneinander Territorien haben könnten. Diese beiden Rudel seien gerade einmal zwei Kilometer voneinander entfernt.

Jäger schätzt Zahl der Wölfe höher ein

Vorschläge, wie den Einsatz von Trillerpfeifen, um sich vor Wölfen zu schützen, betitelt er als „Schwachsinn“. „Die Überlebensinstinkte sind da und dagegen hilft auch keine Pfeife“, erklärt Lengert.

Das aktuelle Wolfsmonitoring der Jägerschaft zeichnet etwa 500 Wölfe in Niedersachsen ab. Gernold Lengert geht nach eigener Einschätzung noch höher mit den Zahlen. Zwischen 600 und 650 Wölfe seien derzeit in Niedersachsen unterwegs. Lengerts Meinung zufolge sind das deutlich zu viele Tiere. „Dann können hier halt nur 100 Wölfe leben“, so der Chef der Auricher Jägerschaft abschließend gegenüber den ON.

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