Osnabrück  Shortlist des Buchpreises: Und wo bleibt der große Zeitroman?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 23.09.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Foto: Christof Jakob
Foto: Christof Jakob
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Sechs Gesichter, sechs Titel: Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2023 ist da. Wer gewinnt die begehrte Trophäe? Gleichzeitig bleibt das Defizit: Den großen Zeitroman gibt es wieder nicht.

Ich lese zum Verrücktwerden gern Romane. Nein, ich verschlinge sie. Warum? Weil der Roman für alles gut ist. Er funktioniert wie der perfekte Container, der jedes sperrige Gut transportiert. Oder wie ein Medium, das sich flexibel anpasst, ganz nach Zeitlage und Lebensgefühl.

Wer einen Roman aufschlägt, öffnet die Tür zu einer Wohnung, in der er noch nie war. Sechs Romane, sechs Wohnungen. Sechs Bücher, sechs Versionen eines Lebens, in denen ich mich wiedererkennen kann – oder auch nicht. Die Titel auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises funktionieren für mich so. Für das große Lesepublikum sicher auch.

Necati Öziri, Terézia Mora, Anne Rabe, Tonio Schachinger, Sylvie Schenk und Ulrike Sterblich: Das sind die Autorinnen und Autoren, die es mit ihren Titeln auf die Shortlist geschafft haben. Gewonnen haben sie alle. Schon die Shortlist garantiert Aufmerksamkeit und gute Verkaufszahlen.

Die sechs Bücher erzählen von gebrochenen Lebensläufen, von Daseinsirritationen, gewagten Aufbrüchen. Das Buch über die Wendezeit, der Schulroman, das Porträt der Mutter – diese Bücher kartieren jeweils einen genau fokussierten Teil unserer Zeit. Gemeinsam fügen sie sich zu einem Kaleidoskop der Gegenwart.

Mehr aber auch nicht. Der ganz große Zeitroman, das erzählte Kompendium, das fehlt in dieser Liste. Ist diese Gattung außer Mode gekommen, ausgerechnet jetzt, in einer Ära der Krisen und Kriege, der Brüche und Brechungen? Autoren mit dem Mut zum ganz großen Panorama – es scheint so, als gäbe es sie nicht mehr.

Oder sind die Vorbilder einfach zu übermächtig und einschüchternd? 2024 wird Thomas Mann „Zauberberg“ 100 Jahre alt. Wer die Zerklüftungen der Moderne verstehen will, kommt um diese epische Höhenwanderung nicht herum. Heinrich Manns „Untertan“, die „Blechtrommel“ von Günter Grass, Martin Walsers „Halbzeit“ oder Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“: Zeitromane haben einmal die Debattenlandschaft kartiert.

Verloren, vorbei? Wer auf die Shortlist des Buchpreises schaut, entdeckt vor allem subjektive Zugriffe, bisweilen allzu privat anmutende Geschichten. Ich lese auch solche Bücher gern. Die Lust auf das große, neue Epochenbuch stillt das nicht. Schön war das Leseleben, als ein Land über Grass´ „Ein weites Feld“ stritt – und über die deutsche Einheit gleich mit.

Seltsam übrigens, dass Daniel Kehlmanns neuer Roman „Lichtspiel“ so spät erscheint, dass er für den Buchpreis keine Rolle mehr spielen kann. Autor und Verlag werden sich etwas dabei gedacht haben. Ein Zeichen für den Buchpreis? Vielleicht. Und womöglich kein Gutes.  

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