Wind an Land Ausbau der Windkraft in Ostfriesland – wo bleiben die Bauanträge?
Die Ausbauziele sind ehrgeizig, sowohl im Bund als auch in Niedersachsen. Mehr Windenergie an Land soll her, für die Energiewende. In Ostfriesland stockt das noch.
Wittmund - Im Wittmunder Bauamt wundert man sich ein wenig. Mit dem neuen Wind-an-Land-Gesetz soll eigentlich der Ausbau der Windkraft an Land so richtig Fahrt aufnehmen. „Bisher ist aber kein einziger neuer Bauantrag für Windparks bei uns eingegangen“, sagt Dirk Gronewold aus dem Baumt des Landkreises. Er klingt selbst etwas überrascht. Zwar habe es schon zwischen 15 und 30 Voranfragen zum Bau einzelner Windräder oder auch ganzer Windparks gegeben, ergänzt er noch. Das war es dann aber auch. Seitdem keine Bewegung.
Das sieht im übrigen Ostfriesland kaum anders aus: Seit das Gesetz am 1. Februar 2023 in Kraft trat, sei beim Landkreis Leer noch kein konkreter Bauantrag gestellt worden, teilt die dortige Pressestelle mit. Auch hier seien zwar Vorhaben bekannt. Aber mehr eben auch nicht. Lediglich in Aurich tut sich etwas; allerdings wird der Zeitraum hier auch etwas weiter gefasst: Seit der Verkündung des Wind-an-Land-Gesetzes im Juli 2022 seien dort neben einer „Vielzahl an informellen Anfragen“ vier Anträge auf Errichtung von insgesamt fünf Windenergieanlagen zu verzeichnen. So berichtet es auf Nachfrage die Pressestelle des Landkreises.
Das Gesetz
Das sogenannte Wind-an-Land-Gesetz wurde am 28. Juli 2022 im Bundesgesetzblatt verkündet und trat am 1. Februar 2023 in Kraft. Das Ziel: Der Ausbau der Windenergie soll schneller gehen. Der Weg: Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen beschleunigt und mehr Flächen bereitgestellt werden. Konkret lautet der Titel auch „Gesetz zur Erhöhung und Beschleunigung des Ausbaus von Windenergieanlagen an Land“.
Bundesweit gilt laut Gesetz dieses Ziel: Bis Ende 2032 müssen die Länder insgesamt zwei Prozent der Bundesfläche für die Windenergie ausweisen. Und es gibt einen Zwischenschritt: Bis 2027 sollen schon mal 1,4 Prozent bereitstehen. Repowering-Maßnahmen am selben Standort, heißt es auch, sind vorzuziehen. Also das Ersetzen von alten Windrädern durch neue und leistungsstärkere Anlagen. Für das Flächenland Niedersachsen gelten als Zielmarke 2,2 Prozent. Als Mindestmarke. Mehr geht immer, hat Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) schon mehrfach durchblicken lassen.
Das Tempo
Was ist jetzt also mit der Beschleunigung? Oder im ostfriesischen Fall: Wer oder was steht hier auf der Bremse? Eine Nachfrage bei Bernd Haseborg bringt ein paar Antworten. Haseborg ist Landwirt mit einem Hof bei Neßmersiel. Und er hat viel Erfahrung mit der Windenergie. Haseborg errichtete Anfang der 1990er den ersten privaten Windpark in Niedersachsen mit damals zwölf Enercon-Anlagen. Er engagiert sich mittlerweile im Bundesverband Windenergie und im Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) Niedersachsen-Bremen. Und er ist einer aus der „Vielzahl an informellen Anfragen“ im Landkreis Aurich, zu dem Neßmersiel gehört.
„Dass noch nicht so viele Anträge eingegangen sind, liegt auch an den ganzen Bedingungen dafür“, sagt Haseborg. So müssten sieben bis acht Gutachten beigebracht werden, zum Schattenwurf, zum Beispiel, oder zum Artenschutz. Solche Gutachten hätten teilweise Laufzeiten von einem Jahr, also über die vollen vier Jahreszeiten. Dabei gebe es doch jetzt schon die gesetzlichen Möglichkeiten, das Ganze zu beschleunigen, bemängelt er. Eigentlich bräuchten Gutachten nur noch ein halbes Jahr dauern, sagt der Landwirt aus Neßmersiel. Es hapere aber in den Behörden mitunter an der Umsetzung dieser Möglichkeiten. In Hessen beispielsweise gehe es mittlerweile viel schneller. „Da wird jetzt innerhalb eines halben Jahres genehmigt“, sagt Haseborg. Die schleppende Übersetzung von gesetzlichen Vorgaben auf Landes- und Kommunalebene ist aber wohl nicht das einzige Problem: „Sie bekommen jetzt gar keine Gutachter, die sind alle voll, da können Sie durch ganz Deutschland telefonieren“, sagt er.
Repowering
Und dann gibt es offenbar noch ein Hemmnis. „Das Thema für Ostfriesland ist eher Repowering, nicht so sehr der Neubau von Windparks“, meint Haseborg. In Ostfriesland stehen viele Windräder schon sehr lange und sind mittlerweile eben alt und deutlich weniger leistungsstark als die neueren Generationen. Haseborg selbst möchte auch gern seine 13 Kleinanlagen abbauen und durch drei neue ersetzen. Damit könnte er die Windenergie-Leistung auf seinem Land verdreifachen, rechnet er vor. Also statt der bisherigen 5,2 Megawatt aus 13 Anlagen dann 15,5 Megawatt aus drei Anlagen. Die neuen Windräder wären dann auch um einiges höher, statt der bisherigen knapp über 50 Meter sollen es Anlagen mit einer Gesamthöhe von 125 Metern sein.
Mit dem Repowern ist es aber offenbar nicht so leicht. „Alle Anlagen, die in Natura-2000-Gebieten – also in Schutzgebieten – stehen, können im Moment nicht repowert werden“, sagt Haseborg. Gleiches gelte für Anlagen mit einer Gesamthöhe unter 50 Metern. Durch diese Einschränkungen würden in Ostfriesland erhebliche Potenziale rausfallen. Allein in der Gemeinde Dornum, rechnet er vor, stünden 50 ältere Windräder, von denen nur acht durch neue ersetzt werden könnten.
Der LEE hat zuletzt im Juli die aktuellen Zahlen zur Windenergie an Land in Niedersachsen veröffentlicht. Demnach sind aktuell 6149 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 12.300 Megawatt installiert. Da klafft noch eine ordentliche Lücke: Ziel der Landesregierung ist es, 30.000 Megawatt Windenergie-Leistung an Land bis 2035 zu installieren.