Osnabrück „Transfer(s)“: Was bleibt vom verhüllten Galeria Kaufhof-Gebäude in Osnabrück?
Das verhüllte Galeria Kaufhof-Gebäude erhitzt die Osnabrücker Gemüter. Was soll uns „Transfer(s)“ sagen? Eine Podiumsdiskussion sollte Antworten geben. Kritische Gegenstimmen fehlten allerdings.
Quälende 487 Kilometer auf der Autobahn. Aber für Klaus Weber haben sie sich gelohnt. „Als ich davorstand, hat es mich umgehauen“, schilderte der Historiker seine erste Begegnung mit dem verhüllten Galeria-Kaufhof-Gebäude in Osnabrück. „Transfer(s)“ gefällt nicht jedem. Aber der Professor von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder war sofort berührt, auch weil ihn der Stoff, mit dem das Kaufhaus verhängt ist, an etwas erinnerte – an das Osnabrücker Leinen, das in früheren Jahrhunderten Sklaven bei ihrer Arbeit auf Plantagen trugen.
Was hat das Kunstprojekt des ghanaischen Künstlers Ibrahim Mahama, das noch bis zum 1. Oktober 2023 zu sehen sein wird, mit dem Westfälischen Frieden zu tun? Um diese Frage zu klären, lud die Stadt Osnabrück am Mittwoch, 20. September 2023, zur Podiumsdiskussion in das Gebäude der Sparkasse. Expertinnen und Experten in Mannschaftsstärke, dazu Superintendent Joachim Jeske als alerter Moderator – beste Voraussetzungen für eine angeregte Diskussion.
Der kleine Schönheitsfehler: Auf dem Podium fehlten die kritischen Stimmen. „Ich sehe hier nur das Pro, nicht das Contra“, bemerkte ein Zuhörer. Man habe Leserbriefe und Kommentare im Netz zur Installation von Mahama ausgewertet, versicherte der für Kultur zuständige Stadtrat Wolfgang Beckermann. Die Personen hinter der Kritik seien aber nicht immer zuverlässig auszumachen gewesen, verwies er auf Bestimmungen des Datenschutzes.
Zugleich nahm Beckermann im Hinblick auf die teils erregten Wortmeldungen im Internet kurz vor dem Aufbau von „Transfer(s)“ kein Blatt vor den Mund. „Ich war persönlich erschrocken über die aggressiven, für die Stadt beschämenden Kommentare“, blickte er auf die hitzige Internetdebatte im Juli zurück.
Umso mehr trugen Experten wie der Historiker Klaus Weber jetzt zur Klärung bei. „Die Arbeiter auf den Plantagen in der Karibik trugen Osnabrücker Leinen“, erläuterte der Historiker ebenso wie sein Kollege, Kurator Thorsten Heese vom Museumsquartier Osnabrück, den historischen Kontext des Kunstwerks. Osnabrück habe mit seinem Leinenhandel vom Kolonialismus und dem Sklavenhandel profitiert. „Das ist mit der heutigen Autoindustrie zu vergleichen“, ordnete Weber die Bedeutung dieses historischen Handels ein.
Das Sackleinen an der Kaufhausfassade als Erinnerung an das Unrecht des Kolonialismus: In diese Richtung argumentierte auch Kurator Kwasi Ohene-Ayeh stellvertretend für Ibrahim Mahama, der seine Teilnahme an der Diskussion erkrankt absagen musste. „Das Kunstwerk soll nicht schön sein, es gibt uns Anlass, über Privilegien und Hierarchien nachzudenken“, sagte Ohene-Ayeh. „Auf dieses Werk kann Osnabrück stolz sein“, lobte Anna Jehle, Direktorin der Kunsthalle Osnabrück.
Mahamas „Transfer(s)“ werde die Erinnerung in Osnabrück langfristig neu prägen, prognostizierte auch Patricia Mersinger, Leiterin des Fachbereichs Kultur der Stadt Osnabrück. Sie erläuterte auch noch einmal das Budget, das für die Installation aufgewendet worden ist. Nach diesen Angaben hat „Transfer(s)“ 300000 Euro gekostet. 120000 Euro beglich die Stadt aus dem Etat des Jubiläumsjahres 375 Jahre Westfälischer Frieden. Zudem wurde die Bundeskulturstiftung als Geldgeber gewonnen.
Mersinger räumte ein, dass sich die Kosten für das Flaggschiff-Projekt des Friedensjahres in der Endabrechnung auf 400000 Euro erhöht hätten. Mit 100000 Euro schlug die intensive Bewachung der Installation zu Buche. Projekte wie jenes von Mahama würden mit einer Reserve kalkuliert. Deshalb habe es auch für Mehrkosten gereicht, so Mersinger.
Was wird von „Transfer(s)“ bleiben? Mahamas Werk wird die Erfahrung der Menschen mit ihrer Stadt Osnabrück neu prägen, sagte Britta Peters voraus. Die Kuratorin weiß, wovon sie spricht. Sie war am künstlerischen Programm der Skulptur Projekte Münster 2017 beteiligt, jenem Format für Kunst im öffentlichen Raum, das über Jahrzehnte die Nachbarstadt Osnabrücks nachhaltig verändert hat.