Osnabrück Die Politik hat das Wohl von Kindern aus dem Auge verloren – das wird sich rächen
Deutschland vernachlässigt seine Kinder - in Kitas, Kindergärten und Schulen. Das ist nicht nur ein Problem von heute, sondern wird sich in Zukunft rächen. Unter dem Bildungsnotstand leiden alle. Jetzt ist Kanzler Olaf Scholz gefragt.
Die Zahlen sind ernüchternd. Wegen der sprunghaft gestiegenen Lebenshaltungskosten ist inzwischen fast jedes vierte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Das sind Kinder, die ohne Pausenbrote und Hefte in die Schule kommen und nicht das Geld haben, um am Schulausflug teilzunehmen.
Dass arme Kinder zu armen Erwachsenen werden, ist im deutschen Bildungssystem – im Gegensatz zu anderen Staaten – ein fest zementierter Leitsatz, und zwar seit Jahrzehnten. Das Schlimme daran ist: Es scheint die Politik nicht zu interessieren.
Wie sonst lässt sich erklären, dass viele Kitas, Kindergärten und Schulen chronisch unterfinanziert sind? Allein der Sanierungsstau für marode Gebäude und undichte Turnhallen wird auf 45 Milliarden Euro geschätzt. Wie sonst kann es sein, dass auch nach knapp zehn Jahren Rechtsanspruch immer noch rund 380 000 Kita-Plätze fehlen, so dass die Eltern nicht erwerbstätig sein können?
Wie lässt sich sonst erklären, dass der Beruf des Erziehers und Lehrers so unattraktiv ist, dass an allen Ecken und Enden Personal fehlt? Dass die Lese- und Rechen-Kompetenz von Grundschülern immer weiter abnimmt?
Ein Grund für das fehlende Interesse vieler Politiker an diesen „Gedöns”-Themen, wie sie einst Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte, ist sicher, dass man mit Bildungs- und Familienpolitik keine Karriere macht. Vielleicht wird die systematische Vernachlässigung der Kleinen aber auch schlicht nicht erkannt. Wie etwa in der Corona-Krise, als die Schulen länger als nötig geschlossen blieben.
Dabei gibt es einen handfesten ökonomischen Grund, warum der Staat sich für seine kleinsten Bürger interessieren sollte. Jeder Euro, der in den ersten Lebensjahren nicht ausgegeben wird, verursacht laut Studien später vier Euro Mehrkosten. Weil Schulabbrecher, übergewichtige und psychisch auffällige Kinder später häufig auf staatliche Hilfe angewiesen sind, weil sie keinen Job finden und somit den Fachkräftemangel verschärfen.
Was wir brauchen, ist – analog zum Sondervermögen für die Bundeswehr von 100 Milliarden Euro – ein milliardenschweres Sonderprogramm für Schulen. Kanzler Olaf Scholz sollte die „Gedöns”-Politik zur Chefsache machen. Denn der Staat ist eine Antwort auf die Frage schuldig: Wie ermöglichen wir allen Kindern ein gutes Aufwachsen – trotz der Dauerkrise?