Berlin  Porn Studies: Was passiert im Porno-Seminar an einer Uni?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 19.09.2023 17:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Porn Studies: Madita Oeming hat an der Uni über Pornos gelehrt. Wie sieht so ein Seminar eigentlich aus? Foto: Daniel Benedict
Porn Studies: Madita Oeming hat an der Uni über Pornos gelehrt. Wie sieht so ein Seminar eigentlich aus? Foto: Daniel Benedict
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An der Uni Pornos gucken? Madita Oeming hat Seminare im Bereich der Porn Studies gegeben. Seitdem wird sie von rechts genauso angefeindet wie aus dem Feminismus. Hier erzählt sie, was in dem Seminar passiert – und was drumherum.

Der Techniker im Tonstudio, der Taxifahrer auf dem Weg dorthin – wo immer Madita Oeming auftaucht, wollen die Leute reden: über Pornos. Oeming forscht und lehrt über Pornografie. Gerade ist ihr Sachbuch „Porno“ erschienen. Über all dem ist Oeming eine Art Ventil geworden. Eins, das offenbar viele brauchen.

Einer hat Sorge, zu oft Pornos zu gucken, erzählt Oeming über diese Gespräche. Der andere versteht nicht, wieso er auf schwule Filme steht. „Wenn wir darüber reden, ist es oft lustig”, sagt sie. „Aber ich gehe meist traurig aus diesen Gesprächen. Ich nehme ganz viele Ängste, Nöte und Scham wahr – die so unnötig sind.“

Das nämlich ist die Botschaft der Mittdreißigerin: Pornos sind nicht besser oder schlechter, nicht sexistischer, nicht rassistischer als der Rest der medialen Wirklichkeit. Für viele sind sie Teil ihrer Sexualität. Pornos, sagt Oeming, helfen, Bedürfnisse zu erkunden und vor dem Partner anzusprechen. Und sie bereiten Lust. Damit tritt sie einer Öffentlichkeit entgegen, die Pornos als Gefahr sieht.

Ihr Bildungsweg beginnt unerotisch – mit einer Banklehre. Pornos entdeckt Oeming erst im zweiten Studiengang und aus Versehen. Nach einem Abschluss in Volkswirtschaftslehre schreibt sie sich in Göttingen bei der Amerikanistik ein. Sie belegt ein Seminar über Wechselwirkungen in der Kunst – und recherchiert bildliche Darstellungen von Melvilles Moby Dick. Und dann, sagt Oeming, tauchen bei Google die Pornos auf. Erst denkt sie an ein Wortspiel: „Dick“ ist ein Slangwort für „Penis“ und der Pottwal heiß auf Englisch „Sperm Whale“. Aber es steckt mehr dahinter.

Als Oeming mit wissenschaftlichem Blick Pornos anguckt, sprudeln die Fragen: „Wie passt die Hochkultur mit der Trash-Kultur zusammen? Wieso muss ich so oft lachen, in einem Film, der mich erregen sollte?“ Oeming hat ihr Lebensthema. Eine Hausarbeit, dann die Abschlussarbeit behandeln den Sperm Whale. Auf eine Promotionsstelle an der Uni Paderborn bewirbt sie sich mit dem Thema Porno. Oeming: „Ich war selbst überrascht, dass ich genommen wurde.“

Oeming betreibt Medien- und Diskursanalyse. Ihre Fragestellung: Was und wie erzählen Pornos? Dazu gibt sie erst in Paderborn Seminare, dann an der Freien Universität Berlin. Die Reaktionen erlebt sie als schwierig. „Kein Mensch würde einer Literaturwissenschaftlerin vorwerfen, dass sie auch privat Bücher liebt“, sagt sie. „Wenn ich aber auf der Pornomesse war, galt das nahezu als skandalös.“

Man wirft Oeming vor, ein Hobby – und dann auch noch dieses! – zum Beruf zu machen. Oeming berichtet von einem Professor, der ihr die Wissenschaftlichkeit abspricht, während er die Hand auf ihr Knie legt. Einer anderer fragt, ob sie selbst Pornos drehe. Es gäbe sicher ein Publikum dafür. Mehr und mehr findet die Wissenschaftlerin den Apparat ausbeuterisch, hierarchisch und patriarchal. „Dass man ausgerechnet in diesem toxischen System so auf die Porno-Industrie herabblickt, habe ich immer als bigott empfunden.“

Auch jenseits der Uni provoziert das Thema. „Meinen ersten Shitstorm hat mir Beatrix von Storch eingehandelt“, sagt Oeming. Die AfD-Bundestagsabgeordnete hatte ihre Seminarankündigung bei Twitter geteilt – und der Uni „Verdoofung“ vorgeworfen. Oeming: „Danach habe ich drei Tage lang Hass und Beleidigungen von allen Seiten bekommen.“ Wann immer sie Interview gebe, rechne sie mit Anfeindungen auf der einen Seite und Dickpics auf der anderen. Die Danksagung ihres Buchs führt auch die Organisation HateAid auf.

2019 polemisiert AfD-Frau von Storch auf Twitter gegen Oemings Porn Studies:

Die einen beschimpfen sie als „linksgrünversiffte Gendergaga-Tante“ und als „Sinnbild für den Zerfall der Gesellschaft“, sagt Oeming. Die anderen als „Patriarchatshure“. Neben ihrem eigenen Feminismus, der sich als „sexpositiv“ versteht, gibt es auch eine traditionelle Fraktion. Und die lehnt Pornos ab.

Schmerzhafter sei der Gegenwind aus ihrer eigenen Bewegung, sagt Oeming; hier befrage sie sich immer noch selbst. Die Rechten dagegen betrachte sie als grundsätzlich „richtigen“ Gegner. „Wenn sie sich aufregen, mache ich etwas richtig.“ Dafür ist das Gefühl der Bedrohung stärker: „Bei Rechten habe ich mehr Angst, dass die irgendwann vor meiner Tür stehen.“

„Man kann nicht über Lyrik sprechen, ohne Gedichte zu lesen. Bei Pornos ist es genauso. Mir ist aber bewusst, dass ich das sensibler rahmen muss“, sagt Oeming. Wenn sie mit Studierenden Pornos sieht, steigt sie mit „Deep Throat“ ein, einem Film aus den Siebzigern. „Da besteht eine historische Distanz, man kann zusammen lachen und es gibt viel zu interpretieren, das nichts mit explizitem Sex zu tun hat.“ Dann komme schnell die Routine – „auch wenn es herausfordernd bleibt, je näher man Dingen kommt, die einen persönlich erregen.“

Persönliche Empfindungen bleiben an der Uni außen vor: „Im Seminar findet die analytische Auseinandersetzung statt – und sobald alle rausgehen, passiert das private Gespräch“, sagt die Wissenschaftlerin. „Studierende berichten mir oft, dass sie die Seminarinhalte in ihre Familien oder Freundeskreise tragen. Dort kann dann auch Raum sein für private Fantasien, Wünsche und Ängste.“

An den Studierenden liegt es also nicht, dass Oeming dem Uni-Betrieb zuletzt den Rücken gekehrt hat. „Ich musste einfach erst einmal meine eigene Chefin sein. Schreiben, was mir am Herzen liegt. So aktivistisch, so politisch, so leidenschaftlich wie ich will“, sagt sie. Trotzdem will sie nach ihrem Sachbuch jetzt auch die Doktorarbeit abschließen. Nun aber lieber ohne akademische Anstellung.

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