Berlin Todesdrohungen und Familienclans: Gewalt in Krankenhäusern nimmt stark zu
Mitarbeiter von Krankenhäusern sind zusehends mit Gewalt und Übergriffen konfrontiert. Es komme schon mal vor, dass ein Familienclan mit 30 Männern den OP-Saal stürme, berichten Ärzte. Auch Todesdrohungen nähmen zu.
Manchmal dauert es nur Sekunden. „Du Schlampe!“, „fette Sau!“, „alles Juden hier!“ – derlei hören Sanitäter, Pflegekräfte und Ärzte öfter, als es vielen Patienten bewusst sein dürfte. Nicht nur in Berlin, aber eben auch hier: Den Tagesspiegel erreichten entsprechende Berichte zuletzt aus Krankenhäusern in Neukölln, Spandau, Wedding und Wilmersdorf.
Gerade erst war wieder Neukölln betroffen. Nach Schüssen auf den Spross eines stadtbekannten Clans eilten dessen Angehörige zur Klinik, Beamte mussten das Areal sichern. Nach einer blutigen Massenschlägerei zwischen Großfamilien nur wenige Tage später rücken erneut Polizisten zu der Klinik aus.
Auch in anderen Krankenhäusern kommen öfter 20, 25, manchmal 30 Männer auf einmal an, schieben unter Drohungen das Personal zur Seite und wollen in einen bestimmten OP-Saal. Dort wird dann meist ein Verwandter operiert, den man partout nicht allein lassen wolle: Familie halte eben zusammen.
Ein krasser Fall fand in der Coronakrise statt, die das Gesundheitswesen ohnehin unter Druck setzte. In einer Klinik, die auf Wunsch der betroffenen Pflegekraft ungenannt bleiben soll, kam der Vater eines Patienten wütend an den Stationstresen: Er erwarte, dass sein Kind sofort behandelt werde, habe der Mann geschrien, wobei der Junge medizinisch kein akuter Fall gewesen sei. Der Mann, der vom Balkan stamme, habe die Pflegekraft als „Rassistin“ beschimpft – und gedroht: „Ich hol’ meine Neun-Millimeter und komm’ wieder!“ Dann habe er samt Kind das Krankenhaus verlassen, die Beschäftigten seien tagelang besorgt gewesen.
Das Geschilderte lässt sich kaum prüfen, es passt aber zu Berichten aus anderen Kliniken. Auf Anfrage erstellt die Polizei demnächst einen Überblick zu Einsätzen in Berliner Krankenhäusern. Zuletzt ergaben die Daten: Mehr als 8000 Mal rückten Polizisten im Jahr 2021 zu Kliniken aus, wobei die je nach Bezirk unterschiedlich stark betroffen waren. Das Vivantes-Krankenhaus in Friedrichshain zählte 2021 mehr als 580 Einsätze, das ebenfalls zum landeseigenen Konzern gehörende Klinikum Neukölln verzeichnete 513 Einsätze, aber auch das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg registrierte 480 Einsätze, was mit der großen Psychiatrie dort zusammenhängen dürfte.
Viele dieser 8000 Einsätze waren vergleichsweise harmlos, immer wieder aber ging es auch um Gewalt. Beschäftigte berichten, die meisten Einsätze fänden in den Rettungsstellen statt, oft spielten Betrunkene, psychiatrische Fälle und Großfamilien eine Rolle. Zuweilen fingen auch Besucher oder wartende Patienten an, mit dem Handy das Personal zu filmen. Üblich geworden seien auch unerbetene Belehrungen, wie man diese oder jene Behandlung eigentlich durchzuführen habe.
„Die wachsende Verrohung und Respektlosigkeit sind ein gesamtgesellschaftliches Problem, das Helfer und Helferinnen immer öfter in große Not bringt“, sagte der Landesvorsitzende des Marburger Bunds, Peter Bobbert. „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Angehörige helfender Berufe wie Ärzte, Pflegekräfte, die Kollegen im Rettungsdienst und das Praxispersonal zunehmend im Job gefährdet sind.“
Die Krankenhäuser bieten Deeskalationstraining, die Beschäftigten sollen so besser mit Aggressiven umgehen können. Das hilft schon, trotzdem aber belasten die Vorfälle das Personal.
„Es gibt Wochen, da berichtet uns das Personal in den Notaufnahmen fast jeden Tag, dass wieder alle Angst hatten. Da bedrohen aggressive Patienten und ihre Besucher die Kollegen, insbesondere aber die Kolleginnen, da spucken Männer unsere Pflegekräfte an“, sagt Anja Voigt, Betriebsrätin im Neuköllner Krankenhaus.
„Die Täter sind meist nicht allein, oft handelt es sich um Angehörige, die gemeinsam in die Notaufnahme kommen – oder einer von ihnen wird vom Rettungswagen gebracht und die Verwandtschaft fährt hinterher. Zum Glück ist dann in der Regel schon die Polizei informiert, allein könnte unser Sicherheitsdienst die Gefahr oft nicht abwehren. Wir arbeiten gern in den Kliniken, aber dass es in einem Krankenhaus nicht mehr ohne Wachschutz geht, sagt viel über unsere Gesellschaft aus.“
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sammelte bundesweit Fälle aus Branchen mit Außenkontakt, also etwa aus Verkehrsunternehmen, Müllabfuhr, Polizei, Schulen, Lieferdiensten: Zwei von drei Beschäftigten wurden in den vergangenen zwei Jahren demnach Opfer verbaler oder körperlicher Gewalt.
Dem Tagesspiegel berichteten Sanitäter, Pflegekräfte und Ärzte vergangenen Sommer ausführlicher aus ihrem Alltag. Eine Chirurgin sagte, einmal hätten Angehörige eines Patienten aus dem Clan-Milieu den Wachschutz umgehauen. „Was soll der bei 50 aggressiven Leuten auch machen? Wollen wir so eine Großfamilie beruhigen, werden nicht nur Männer, sondern manchmal auch Frauen handgreiflich.“
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.