Paris  Schüler nimmt sich wegen Mobbing das Leben, doch die Schule droht seinen Eltern

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 19.09.2023 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Mobbing in der Schule. Für manche wird die Angst und Pein so groß, dass sie gar Suizid begehen. Foto: dpa/Nicolas Armer
Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Mobbing in der Schule. Für manche wird die Angst und Pein so groß, dass sie gar Suizid begehen. Foto: dpa/Nicolas Armer
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Ein schlimmer Fall von Mobbing schockiert Frankreich: Nach Jahren der Schikane nahm sich der 15-Jährige Nicolas das Leben. Anstatt Hilfe anzubieten, droht die betroffene Schule den Eltern von Nicolas mit einer Anzeige.

Irgendwann konnte es der 15-jährige Nicolas nicht mehr aushalten. Ein Jahr lag hatten ihn Mitschüler ständig gehänselt, beleidigt und schikaniert. Doch obwohl er gerade die Schule gewechselt hatte, vom Vorort Poissy in eine Einrichtung in Paris, nahm sich der Jugendliche am 5. September, kurz nach Beginn des neuen Schuljahres, das Leben.

Sein Fall reiht sich ein in eine ganze Serie von ähnlichen Dramen in Frankreich, bei denen Schüler von anderen derart gemobbt wurden, dass sie schließlich Suizid begingen – und bei denen die zuständigen Schulleitungen und -aufsichtsbehörden versagten. Liegt das Problem im System?

Nicolas‘ Fall sorgt für besonders große Empörung angesichts des verzweifelten Kampfes, den seine Eltern führten, um ihren Sohn zu beschützen. Medien veröffentlichten mehrere Briefwechsel zwischen ihnen, dem Schulleiter und der verantwortlichen Behörde, der Akademie von Versailles. Deren Leiterin drohte Nicolas‘ Familie sogar mit einer Anzeige wegen Verleumdung, sollte diese nicht eine „konstruktive und respektvolle Haltung“ einnehmen. „Ihre Worte und das Verhalten, das Sie gegenüber dem Personal des Erziehungsministeriums an den Tag legten, deren Professionalität und Korrektheit nicht in Frage zu stellen sind, sind nicht akzeptabel“, heißt es in dem Schreiben in kalter Beamtensprache.

Der neue Bildungsminister Gabriel Attal, der an der Beerdigung des 15-Jährigen in Poissy teilnahm, nannte den Brief „eine Schande“. Ihm gehe es nicht darum, eine Institution und deren Personal zu schützen, sondern in erster Linie die Kinder. Er kündigte eine umfassende Untersuchung in allen Schulen an. Rund eine Million der insgesamt zwölf Millionen französischen Schüler sind Schätzungen zufolge Opfer von Mobbing. In jeder Einrichtung soll es Ansprechpartner, aber auch „Botschafter“ unter den Jugendlichen selbst geben, außerdem werden Fort- und Weiterbildungen angeboten. Auch müssen alle Fälle genau dokumentiert werden, ebenso wie die getroffenen Lösungsansätze.

Künftig sollen nicht mehr die Opfer die Schule wechseln, um dem Problem zu entgehen, sondern die verantwortlichen Kinder und Jugendlichen, im Zweifel auch gegen den Willen der Eltern. Er lasse „null Toleranz gegen Mobbing“ zu, so Attal: „Jedes Drama ist eines zu viel, das uns ermahnt, das wir den Anforderungen immer noch nicht genügen.“

Die First Lady Brigitte Macron, selbst eine ehemalige Lehrerin, führte ein langes Gespräch mit Nicolas‘ Eltern und steht in Kontakt mit anderen betroffenen Familien, wie der Mutter der 13-jährigen Lindsay. Das Mädchen hat sich im Mai nach monatelangem Mobbing das Leben genommen. Ihre beste Freundin Maïlys und ihre beiden jüngeren Brüder würden immer noch schikaniert, so Lindsays Mutter. Sie hat Klage gegen die Schulleitung, die zuständige Aufsichtsbehörde von Lille, die Polizei und Facebook eingereicht.

Frankreich habe beim Kampf gegen Mobbing einen Rückstand von 20 bis 30 Jahren gegenüber den USA oder den skandinavischen Ländern, sagte Laurent Zameczkowsi, Sprecher der Elternvereinigung PEEP: „Viele denken immer noch, dass Mobbing die davon Betroffenen abhärtet.“ Erst 2014 führte das französische Strafgesetzbuch dieses Delikt ein, seit 2019 ist es im Bildungsgesetz erwähnt. Im selben Jahr begannen erste Präventionsprogramme.

Noch immer mache die Institution aus den Eltern die Schuldigen, wie der Brief der Schulbehörde von Versailles zeigte, klagte Nora Tirane-Fraisse, die nach dem Suizid ihrer Tochter vor zehn Jahren den Verein „Marion Die ausgestreckte Hand“ für den Kampf gegen Mobbing gegründet hat. Es sei „schrecklich“, dass sich seitdem so wenig getan habe: „Noch immer ist es am Opfer zu beweisen, was ihm widerfährt. Und wo sind die Mobber von Nicolas?“

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