Ihlower Fachtagung in Kritik  Kita-Leiterin – „wir nehmen die Kinder an, wie sie kommen“

Gerd-Arnold Ubben
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Von Gerd-Arnold Ubben
| 17.09.2023 16:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In einer Kindertagesstätte hängen die bunten Rucksäcke und Jacken der Kinder an einer Garderobe. Foto: DPA
In einer Kindertagesstätte hängen die bunten Rucksäcke und Jacken der Kinder an einer Garderobe. Foto: DPA
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Harsche Kritik gab es im Vorfeld an einer Kita-Fachtagung in Ihlow über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Was dort besprochen wurde, welche Erkenntnisse die Teilnehmer mitnehmen konnten.

Ihlowerfehn - Die Fachtagung „Akzeptanz von klein auf!“, die sich mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt als Themen der frühkindlichen Inklusionspädagogik auseinandersetzte, stieß am Wochenende im Bürgerhaus am Ihler Meer bei Erzieherinnen und Erziehern auf großes Interesse. Im Vorfeld gab es in den sozialen Medien, nachdem die Eltern der Kita-Kinder über die Tagung und Themen informiert worden waren, harsche Kritik. Das Seminar war von der Runde der Kita-Leitungen in der Gemeinde Ihlow ins Leben gerufen und organisiert worden, um deutlich zu machen, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht erst im Jugendalter zum Thema wird. Schon im Kita-Alter haben Kinder ein Gefühl dafür, wer sie sind und was sie mögen.

Petra Saathoff Foto: Gerd-Arnold Ubben
Petra Saathoff Foto: Gerd-Arnold Ubben

Deshalb sei auch eine vorurteilsfreie und diskriminierungsfreie Erziehung von Beginn an so wichtig, sagte Petra Saathoff, Leiterin der Kita Zwergennest in Riepe und eine der Organisatorinnen der Fachtagung. „Das ist äußerst wichtig. Wir nehmen die Kinder an, wie sie kommen, egal mit welchem Vorleben, mit welchen Hintergründen, welche Elternschaften dahinter stehen – alleine das Kind steht im Fokus. Jedes Kind wird bei uns gleich behandelt. Alles andere behandeln wir wertneutral“, erklärte Petra Saathoff.Die sexuelle Vielfalt bei Kindern sei ein Bereich, in dem diese ihre Identifikation, auch eine sexuelle Neigung, zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr entwickeln. Dabei sei wichtig zu wissen, dass das nicht steuerbar sei. Sie hätten in der Kita eine Haltung, wonach jedes Kind aus jeder Familie mit seiner Individualität in die Kita kommen darf. Sie lassen das Kind erst einmal Kind sein, jedes Kind werde gleich behandelt, machte Petra Saathoff deutlich.

Bewegende Schilderung

Wie schwer es für ihn war, als katholisch erzogenes Einzelkind seine Identität zu finden, berichtete Janik Daniels eindrucksvoll auf der abschließenden öffentlichen Podiumsdiskussion im Bürgerhaus. Der 26-jährige Sozialarbeiter outete sich als homosexueller Mann, der lange nicht wusste, wo er hingehörte und bei seiner Identitätsfindung lange auf sich alleine gestellt war. In seiner Kindheit gab es nur heterosexuelle Menschen. Das Wort „schwul“ war negativ behaftet, sowohl im Kindergarten als auch in der Schule. Er selbst konnte sich mit der typischen Frau-Mann-Rolle nicht identifizieren. Damals gab es für ihn aber keine Alternative. Erst ein Bio-Lehrer hatte ein offenes Ohr für das Thema.

Themen der Fachtagung

An den beiden Tagen der Fachtagung „Akzeptanz von klein auf!“ befassten die Teilnehmenden sich in Workshops, die von den externen Dozentinnen und Dozenten geleitet wurden, mit unterschiedlichen Themen: Zur Thematisierung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt referierte Diplomsozialarbeiterin Eva Prausner aus Berlin, von der Akademie Waldschlösschen Gleichen sprach Kevin Rosenberger über Kinderbücher für eine vorurteilsfreie bewusste und inklusive Bildung, die freie Referentin für Genderpädagogik Sabine Sundermeyer gab einen Einblick in Sexualpädagogik in Krippe und Kita: Warum ist das ein Bereich von Prävention? Psychosexuelle Entwicklungsschritte als Teil der kindlichen Entwicklung war Thema der Sozialarbeiterin Katharina Broermann aus Oldenburg, Sozialpädagogin Ursel Schnackenberg-Bösch erörterte Gendersensible Pädagogik im Kita-Alltag.

Janik Daniels Foto: Gerd-Arnold Ubben
Janik Daniels Foto: Gerd-Arnold Ubben
Im Alter von 13 Jahren outete Janik Daniels sich, vier Jahre später brachte er seinen Partner mit nach Hause. Diese Situationen wären für seine älteren Eltern, die bis dahin keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten, zunächst schwer zu verkraften gewesen. Er habe jedoch das große Glück gehabt, einen akzeptierenden Freundeskreis hinter sich zu haben. Die Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen sei sehr hoch, meinte Janik Daniels. „Viele intensive Gespräche haben dazu geführt, dass meine Eltern heute voll hinter mir stehen. Vor einigen Jahren gab es für mich einen tollen Liebesbeweis meiner Eltern. Sie hatten im Garten eine Regenbogenfahne gehisst. Heute sind sie sehr stolz auf mich“, erzählte Janik Daniels bewegt und begeistert im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten.

Per Gesetz vorgeschrieben

Wie wichtig diese Tagung im Einzelnen doch war, ergab sich schließlich auch aus der Aussage der freien Referentin für Genderpädagogik, Sabine Sundermeyer. Sie wies unter anderem darauf hin, dass Erzieherinnen und Erzieher per Gesetz angehalten sind, sexuelle Bildung mit Kindern zu betreiben. Das sei ganz wohl originär ihre Aufgabe, Sexualpädagogik als Teil der Schutzkonzepte in den Einrichtungen so durchzuführen, dass sie die Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung begleiten, auch fernab von Prävention.

Da hätten Eltern auch keine Hoheiten. Von dem Moment an, wo sie ihre Kinder in eine außerfamiliäre Betreuung abgeben, müssten sie schauen, was das für eine Einrichtung ist, was diese für ein Konzept habe und was dort gemacht werde. Wem das nicht passe, müsse sein Kind zuhause lassen, so Sabine Sundermeyer.

Sabine Sundermeyer Foto: Gerd-Arnold Ubben
Sabine Sundermeyer Foto: Gerd-Arnold Ubben

Mit dem Verlauf des Seminars zeigte sich Tagungs-Mitorganisatorin Petra Saathoff mehr als zufrieden. Zwei Tage sei offen, transparent und harmonisch miteinander gesprochen und diskutiert worden. Gerade um Rechtssicherheit zu bekommen im Umgang mit den Eltern und Kindern, hätten sich viele Teilnehmer auf dieser Fachtagung von externen Referenten schulen lassen.

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