Osnabrück Ilse Wehrmann: Wie diese Frau unsere Kindergärten retten will
Die Kitas in Deutschland sind in einem prekären Zustand – und das seit Jahrzehnten. Der Neubau zieht sich lange hin. Die Frühpädagogik-Expertin Ilse Wehrmann schlägt in ihrem neuen Buch nun Alarm. Deutschland nehme seine Kinder nicht wichtig genug. Was also tun?
Wer 50 Jahre als Erzieherin arbeitet, muss frustriert sein – oder? Zu wenig Kita-Plätze, zu wenig Personal, schlechte Bezahlung, überbordende Vorschriften und fehlende Qualität, die Liste der Mängel ist lang. „Ich kenne Erzieher, die lieber aussteigen und als Reinigungskraft arbeiten”, sagt Ilse Wehrmann bedauernd. Nicht so sie selbst. Die Diplom-Sozialpädagogin und Erzieherin aus Bremen hat ihren Frust in einem Buch aufgeschrieben, das gerade bundesweit für Aufsehen sorgt und sie zum gern gesehenen Gast in Talkshows macht. Titel: „Der Kita-Kollaps”.
Es ist eine schonungslose Abrechnung mit dem System und vor allem mit der Politik. Ilse Wehrmann wird laut und energisch, wenn sie darüber spricht. „Genehmigungsverfahren für Kitas dauern länger als für ein LNG-Terminal an der Ostsee”, regt sich die 73-Jährige auf. In manchen Bundesländern müssten 18 Behörden einem Kita-Bau zustimmen. „Das gibts doch nicht! Wir setzen die Prioritäten falsch.”
Beispiel Bremerhaven: Da werde bei einem Kita-Neubau über das dritte Gutachten zu Fledermäusen gestritten – Naturschutz contra Kinder. Wehrmann stellt eine Frage, und es ist klar, dass das eine rhetorische Frage ist, auf die es nur eine Antwort gibt:
Dabei hat die Erzieherin klare Vorstellungen, wie gute Kitas aussehen. Im Laufe ihres Lebens hat Wehrmann Kitas in aller Welt inspiziert, oft auch im Auftrag von Firmen. In Neuseeland gebe es viel mehr Bücher und Musikinstrumente als in Deutschland, beklagt sie.
In Italien deckten Kinder den Mittagstisch mit Tischtuch, weißen Servietten und Porzellan und würden beim Kochen helfen. In Skandinavien seien Kitas in Etagen-Wohnungen untergebracht – von Anwohner-Protesten wie in Deutschland keine Spur. Die Begeisterung ist Wehrmann anzumerken.
Ist Deutschland denn ein kinderfeindliches Land? „Wir nehmen Kinder nicht wichtig genug”, lautet Wehrmanns Diagnose. „Wir leben in einer Wellness-Gesellschaft, in der Erwachsene nicht mehr gestört werden wollen von Kindern.” Wie könne es sonst immer noch Schilder „Spielen verboten” geben?
Wehrmann hat Prinzipien definiert, wie eine gute Kita aussehen sollte. „Die Kinder sollten den Speiseplan gestalten. Wir brauchen zweisprachige Angebote, mehr Förderung. Wir sollten Kitas bei Seniorenheimen beheimaten, das würde beide Generationen voranbringen. Und behinderte Kinder sollten natürlich dabei sein.” Einen TÜV wie beim Auto wünscht sie sich, um die Qualität von Kitas zu kontrollieren.
Im Gespräch wird klar, warum Wehrmann auch „Die Grande Dame der deutschen Frühpädagogik” genannt wird. Ihre Meinung interessiert, weil sie mehr als 50 Jahre Erfahrung aus der Frühpädagogik an der Basis mitbringt, aber auch weiß, wie man mit Vorständen oder Bürgermeistern redet.
Mit 22 Jahren leitete sie schon eine Kita und studierte Sozialpädagogik. Bis 2007 war Wehrmann Geschäftsführerin des Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen. Dann promovierte sie über den Reformbedarf der Kitas in Deutschland, machte sich selbstständig und berät seitdem als Expertin im Bereich frühkindliche Erziehung Politik, Unternehmen, Träger und Kitas.
Bei RWE, Telekom, VW und Daimler-Benz baute die Pädagogin Betriebs-Kitas auf. Dafür traf sie sich in Stuttgart alle paar Wochen mit dem damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche. Was sie daraus gelernt hat? „Dass Kitas Chef-Sache sein müssen!”, sagt sie herausfordernd.
Für Wehrmann ist deshalb auch vollkommen klar, wie der bevorstehende Kita-Kollaps zu lösen ist: „Bundeskanzler Olaf Scholz muss das Thema Kita zur Chef-Sache machen!” Notwendig sei ein Gipfel im Kanzleramt. Und natürlich müsse die Politik mehr Geld für Kitas bereitstellen. Wehrmann schwebt ein Sonderetat ähnlich zur Bundeswehr von 100 Milliarden Euro vor. Ist das Wunschdenken? „Nein, nur realistisch”, lautet ihre Antwort.
Dass sie gerne mit dem Chef verhandelt, hat Wehrmann, die auf einem Bauernhof in Melle-Buer aufwuchs, schon als Kind bewiesen. Da hatte sie in die Hose gemacht und ging gleich zum Schuldirektor, um zu verlangen, dass die große Schwester sie nach Hause bringen sollte. „Ich hatte nie Scheu”, sagt Wehrmann. Ihre Mutter, die sehr politisch und bildungsinteressiert war, habe sie immer angespornt, etwas zu wagen und nicht bürokratische Wege abzuwarten.
Aus der Wirtschaft hat die Erzieherin auch die Erkenntnis mitgenommen, dass unterlassene Bildung ein Vielfaches teurer ist als das, was in den Kita-Bereich gesteckt werden muss: „Es ist ganz einfach: Für jeden Euro, den wir in die Kitas investieren, sparen wir vier Euro an Folgekosten”, sagt Wehrmann.
Das ist auch ihr Ansporn: „Ich ertrage es nicht, dass hier so viele Kinder ohne Erziehungs- und Bildungschancen leben. Bildung ist der einzige Rohstoff, den unser Land der Dichter und Denker hat.” Und genau das treibt die 73-Jährige jeden Tag wieder an: „Ich habe als ehemalige Kirchenfrau einen missionarischen Eifer, das nicht hinzunehmen.”
Manchmal aber, da hat auch Ilse Wehrmann den Impuls, „alles hinzuschmeißen”, erzählt sie. Wenn sie sich wieder über ein langes Genehmigungsverfahren ärgert oder nichts voran geht. Aber dann sage sie sich: „Ich darf nicht aufgeben. Die Kinder brauchen mich.”
Von Ilse Wehrmann ist am 14. August das Buch „Der Kita-Kollaps. Warum Deutschland endlich auf frühe Bildung setzen muss!“ im Verlag Herder erschienen.