Gesundheitsversorgung Notdienste werden für Ärzte im Kreis Aurich teuer
Praxen müssen künftig hohe Summen zahlen – mit möglichen Folgen für Patienten. Viele Norder Ärzte fühlen sich vom Kreis im Stich gelassen, weil sie nach der Schließung der Klinik draufzahlen müssen.
Aurich/Norden - Alle Ärzte im Landkreis Aurich, die es nicht selbst schaffen, den Pflicht-Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) zu übernehmen, müssen ab dem kommenden Jahr dafür tiefer in die Tasche greifen. Für eine Praxis können gut 500 Euro pro Vertretungsdienst zusätzlich anfallen. Das sind mehrere Tausend Euro Extrakosten pro Jahr. Auslöser ist offenbar die Schließung des Norder Krankenhauses. Das könnte auch für Patienten Auswirkungen haben.
Hintergrund: Alle niedergelassenen Ärzte müssen Bereitschaftsdienste der KVN übernehmen. Wer das neben seiner Arbeit in der Praxis nicht schafft, kann sich vertreten lassen. Im Bereich Aurich, Norden, Wittmund und Jever hat sich eine Gruppe von Bundeswehrärzten um Oberfeldarzt Udo Herrmann, Fliegerarzt am Richthofen-Geschwader in Wittmund, für diese Vertretung gefunden. Weil die aber nach der Schließung der Norder Klinik mehr Arbeit in den KV-Sprechstunden haben, sollen ab Januar die Preise für die Vertretung steigen. Das geht aus einem Schreiben der Bundeswehrärzte an ihre Kollegen in den Kreisen Wittmund, Jever, Aurich, Norden hervor, das der Redaktion vorliegt.
Bundeswehrärzte: Patienten werden abgeschoben
Darin heißt es, weil es keine reguläre Notaufnahme in Norden mehr gebe, würden immer mehr Patienten in die KV-Notdienste kommen, „die eigentlich nicht dahin gehören“. Patienten würden „von Emden nach Aurich oder Wittmund abgeschoben“, heißt es wörtlich.
Das Problem: Können sich Hausärzte die Vertretung nicht mehr leisten, führt das zu Einschränkungen in der ärztlichen Versorgung. Das bestätigten mehrere Ärzte. „Müsste ich den Notdienst wieder selbst machen, wäre ich am nächsten Tag nicht arbeitsfähig. Meine Sprechstunde müsste am Folgetag ausfallen“, so eine Ärztin.
Norder Ärzte fühlen sich allein gelassen
Viele Ärzte in Norden fühlen sich vom Landkreis Aurich im Stich gelassen. „Es wurde in der Diskussion um die Zentralklinik immer davon gesprochen, dass es keine Einschränkungen geben würde und jetzt wird die Last auf unsere Schultern gelegt“, heißt es in Gesprächen mit unserer Redaktion.
Das Problem aus Sicht der Ärzte: Nach der Schließung des Norder Krankenhauses fällt bei den Bereitschaftsdiensten der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sehr viel mehr Arbeit an. Deshalb sollen die Vertretungen dieser Schichten ab Januar 2024 mehr Geld kosten. Das zahlen sämtliche Praxen, die von der KVN zum Bereitschaftsdienst verpflichtet werden, diese aber nicht selbst leisten können. Im Kreis Aurich werden die Praxen von einem Team von Bundeswehrärzten vertreten.
Ärzte: Kreis kommt Versorgungsauftrag nicht nach
Dass ihre Bundeswehrkollegen künftig mehr Geld verdienen müssen, weil sie mehr arbeiten, ist für die Praxisärzte verständlich. Aus ihrer Sicht ist es aber eigentlich Aufgabe des Landkreises Aurich, für diese Kosten aufzukommen. Denn der komme nach der Schließung des Norder Krankenhauses seinem Versorgungsauftrag nicht mehr nach, so die Ärzte.
Eine Ärztin rechnet vor: Sie hat nach eigenen Angaben zwei Arztsitze – das bedeutet für sie und ihre Praxis, dass sie pro Jahr zwischen 14 und 16 KV-Dienste übernehmen müsste. „Das kostet mich ab dem kommenden Jahr dann pro Vertretungsdienst 500 Euro zusätzlich“, sagte sie. Ein kleiner Teil dieser Summe komme über die Kassenärztliche Vereinigung wieder rein, aber den Rest müsse sie selbst tragen – und das nur, weil das Norder Krankenhaus geschlossen sei, so die Ärztin.
Kräfte für Bereitschaftdienst und Praxis reichen nicht
Statt des Geldes die Dienste einfach wieder selbst zu übernehmen, ist aus Sicht vieler Hausärzte keine Option. „Die Hausärzte können das kräftetechnisch kaum stemmen in der Region“, heißt es. Nach einer Nacht, in der ein Arzt mehrmals rausfahren oder mehrfach telefonieren müsse, sei die Intensität einer Sprechstunde am nächsten Morgen nicht zu schaffen. Und die Schließung der Praxis käme die Ärzte letztlich noch teurer, denn die Mitarbeiter müssen trotzdem weiter bezahlt werden.
Aus der Ärzteschaft ist zu hören: Die Situation sei in höchstem Maße demotivierend. Der Alltag sei seit der Schließung des Norder Krankenhauses ohnehin deutlich anstrengender geworden. Jetzt würden Versprechen nicht gehalten und Kosten auf die Praxisärzte abgewälzt.
KVN sieht Situation bisher gelassen
Die Tatsache, dass jetzt am ehemaligen Norder Krankenhaus auch noch ein Regionales Versorgungszentrum (RVZ) aufgebaut werden soll – ohne dass die Hausärzte in die Planungen mit einbezogen würden – lasse bei vielen Hausärzten in Norden die Frage aufkommen, „ob wir als Hausarztpraxen überhaupt noch erwünscht sind“, heißt es. Die Stimmung sei schlecht. Es sei nicht ausgeschlossen, dass das mittelfristig zu einer Begrenzung des Angebotes führen werde.
Die KVN sieht die Situation deutlich gelassener. Auf die steigenden Kosten angesprochen, heißt es von Sprecher Dieter Haffke: „Die Nutzung von Vertreterdiensten ist freiwillig und kein Muss.“
Außerdem würden die Bereitschaftsdienste nicht über Gebühr in Anspruch genommen. Ob sich an dieser Situation nach der Schließung des Norder Krankenhauses etwas geändert hat, konnte Haffke allerdings nicht sagen.