Osnabrück Daniel Libeskind im Interview: Hubert Aiwanger hätte zurücktreten sollen
Stararchitekt Daniel Libeskind fordert den Rücktritt von Bayerns stellvertretendem Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger (Freie Wähler). „Er hat zu Verstand zu kommen und zu gehen“, sagte Libeskind in Osnabrück im Hinblick auf die Debatte um antisemitische Flugblätter aus Aiwangers Schulzeit.
Daniel Libeskind beobachtet den weltweit wachsenden Antisemitismus mit großer Sorge. In Osnabrück besuchte er das Felix-Nussbaum-Haus, das nach seinen Plänen erbaut und vor 25 Jahren eröffnet wurde. Das Museum zeigt die Bilder des 1944 von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordeten jüdischen Künstlers Felix Nussbaum. Der 1946 im polnischen Lodz geborene Libeskind gehört zu den weltweit prominentesten Architekten und Stadtplanern. Er entwarf unter anderem das Jüdische Museum in Berlin und den Kö-Bogen in Düsseldorf. Libeskinds nächstes Projekt wird das Einstein Discovery Center in Ulm sein.
Frage: Neben dem Felix-Nussbaum-Haus natürlich – was verbinden Sie mit Osnabrück?
Antwort: Osnabrück ist eine schöne, historisch geprägte Stadt, in der ich ja schon so viele Male gewesen bin. Nicht nur der Westfälische Frieden prägt die unglaublich vielfältige Geschichte dieser Stadt. Ich finde hier eine Stadt mit interessanten Menschen, die ihre Werte lebt.
Frage: Wie im Jahr der Eröffnung des Felix-Nussbaum-Hauses 1998 feiert Osnabrück den Jahrestag des Westfälischen Friedens erneut. Was bedeutet Ihnen dieser historische Augenblick?
Antwort: Was könnte wichtiger sein als der Frieden? Frieden ist allerdings nichts Abstraktes. Das zeigt uns der Krieg, der sich jetzt gerade ereignet. Tausende Menschen sterben jeden Tag in der Ukraine. Das ereignet sich nicht fern von uns und es nichts, über das wir uns keine Sorgen zu machen bräuchten. Wir sehen zugleich, dass Demokratien weltweit schwächer werden und autoritäre Regime, ja Diktaturen gewinnen. Frieden ist das wichtigste aller Themen. Es geht darum, dass wir alle dabei Position beziehen.
Frage: Denken Sie, dass Osnabrück beim Kampf für Frieden eine gute Rolle spielt?
Antwort: Ich denke ja. Osnabrück ist eine progressive Stadt mit vielen Aktivitäten. Diese Stadt erschöpft sich nicht darin, einen schönen Dom zu haben und ein guter Aufenthaltsort zu sein. Es gibt hier eine Menge Leute, die sich für die richtigen Themen einsetzen.
Frage: Wo sehen Sie denn eine Möglichkeit, den Krieg in der Ukraine zu beenden und wieder Frieden zu gewinnen? Was würden Sie machen?
Antwort: Wir brauchen einen Frieden, aber keinen Frieden, der einseitig autoritär diktiert wird. Kriege haben zu enden. Es ist schlecht, wenn dies nicht geschieht.
Frage: Könnte der Westfälische Frieden ein Vorbild sein für jene Verhandlungen, die den Krieg in der Ukraine beenden könnten?
Antwort: Ja, ich denke schon. Damals war es nicht einfach, den Krieg nach 30 Jahren zu beenden. Es ging darum, Kompromisse zu finden. Um Frieden zu erreichen, braucht es Menschen mit offenem Geist, die bereit sind, über Frieden zu sprechen und auszuhandeln. Frieden kann niemals gelingen, wenn er einseitig durchgesetzt wird.
Frage: Unweit des von Ihnen errichteten Felix-Nussbaum-Museums soll ein neues Museum eingerichtet werden, das sich mit Hans Calmeyer beschäftigt. Derzeit wird das Projekt kontrovers diskutiert. Was denken Sie über diese Debatte?
Antwort: Ich habe diese Diskussion nicht intensiv verfolgt, aber ich denke, dass es immer darum geht, Transparenz in das Thema zu bringen, die historischen Vorgänge zu durchleuchten und klarzumachen, was das Neue an dem Konzept genau sein soll. Es kann nicht hilfreich sein, Aspekte der Sache im Dunklen zu lassen. Nur dann kann klargemacht werden, was uns diese historischen Vorgänge heute wirklich sagen können.
Frage: Manche halten Hans Calmeyer für einen neuen Oskar Schindler, der 1200 Juden vor der Ermordung bewahrte. Was halten Sie von diesem Vergleich?
Antwort: Ich kann das nicht hinreichend genau beurteilen. Ein neues Museum sollte jedenfalls die wahre Geschichte erzählen und keine Reinwaschung von Vergangenheit betreiben.
Frage: Haben Sie das Kunstprojekt von Ibrahim Mahama wahrgenommen, der das Osnabrücker Galeria Kaufhof-Gebäude mit Jutesäcken verhüllt hat?
Antwort: Nein, ich habe nur davon gehört. Aber es gibt offenbar eine große Kontroverse um das Projekt.
Frage: Das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus ist Ihr erster fertiggestellter Bau. Wie blicken Sie auf das Projekt zurück, wie hat es Ihr weiteres Werk inspiriert?
Antwort: Es war ein wundervolles, aber kein einfaches Projekt. Es gab auch darüber viele Kontroversen darüber, wie ich das Museum konzipiert hatte und was es aussagen sollte. Es geht bei Architektur ja nicht nur um Wände und mechanische Aspekte, es geht gerade auch um Architektur als ein Teil der Kultur. Deshalb sprechen wir ja auch von einer Kunst der Architektur. Ja, es ist mein erstes vollendetes Gebäude und das bedeutet mir sehr viel.
Frage: Hat dieses Museum Ihre Karriere wesentlich vorangebracht?
Antwort: Da bin ich mir nicht einmal so sicher, weil ja auch mein Projekt des Jüdischen Museums in Berlin sehr kontrovers diskutiert worden ist. Aber natürlich hat mich das Felix-Nussbaum-Haus auf meinen ganz eigenen Weg der Architektur gebracht. Der Bau ist ja auch für einen ganz eigenen Ort gedacht und deshalb einzigartig. Ein Gebäude ist ja niemals etwas Abstraktes, sondern immer eine neue Realität. Deshalb hat mein Museum auch so starke Reaktionen ausgelöst.
Frage: Sie werden bisweilen zu jenen Baumeistern gezählt, die Label-Architektur bauen. Haben Sie selbst das Gefühl, ein Teil einer Architektur zu sein, die mit Markenzeichen arbeitet?
Antwort: Wer kann das wissen? Es ging mir darum, mein Bestes zu geben. Ich wollte nie Teil einer Gruppe von Architekten sein oder gar einer ideologischen Bewegung der Architektur. Jedes Projekt, ganz gleich, was es auch immer ist, erfordert eine ganz besondere Verantwortung. Ganz gleich, ob es sich um einen Kulturbau oder ein Warenhaus handelt, sie haben dafür Verantwortung zu übernehmen.
Frage: Sie haben viele Projekte ausgeführt, darunter etwa den Kö-Bogen in Düsseldorf oder das Kriegsmuseum in Dresden. Bedeuten Ihnen diese Projekte das Gleiche oder machen Sie Unterschiede zwischen diesen Bauvorhaben?
Antwort: Jedes Bauprojekt ist für sich genommen wichtig. Es kann um ein Museum gehen, ein Einkaufszentrum, ein Bürogebäude oder um eine Stadtplanung – immer ist es wichtig. In der Architektur ist jedes Detail wichtig, es gibt nichts Unwichtiges dabei. Das hat man natürlich ernst zu nehmen. Deshalb teile ich diese Projekte nicht auf in etwas, was ich mit der einen Haltung an einem Tag mache und mit einer anderen am nächsten Tag.
Frage: In Bremen sollten Sie einmal ein Konzerthaus bauen. Das Projekt ist nicht verwirklicht worden. Haben sie denn jemals ein Konzerthaus gebaut? Sie sind ja auch Musiker.
Antwort: Ja, ich habe eines gebaut, in Dublin. Es ist ein großes Haus für Konzerte und Opern. In Bremen waren viele Leute für das Projekt. Leider ist nichts daraus geworden. Es genügt nicht, einen Wettbewerb zu gewinnen. Manchmal haben Sie Glück als Architekt.
Frage: War es etwas Besonderes für Sie, ein Konzerthaus zu bauen?
Antwort: Aber sicher. In meinem früheren Leben dachte ich einmal, ein professioneller Musiker zu werden. Das Projekt in Dublin habe ich nicht als architektonische Struktur gedacht, sondern von der Frage her, wie es sein würde, dort auf der Bühne zu stehen und wie die Akustik funktionieren würde. Ich wollte einen Raum bauen, der eine gute Akustik hat – auch ohne Mikrofone. Und es funktioniert.
Frage: Macht es für Sie einen Unterschied, welchen Typ von Gebäude Sie konzipieren?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch für die New Yorker Housing Company Wohnhäuser konzipiert. Es ging um Sozialwohnungen und ich habe dieses Projekt sehr ernst genommen. Jedes Projekt ist für mich ein Teil der Welt, in der wir leben, unabhängig davon, wie teuer oder aufwendig es ist.
Frage: Kann Architektur eine Gesellschaft oder das Leben von Menschen verändern?
Antwort: Architektur kann das Leben von Menschen nicht planen oder steuern. Es gab diese Meinung, Architektur könne einen neuen Menschen hervorbringen. Aber das war die Auffassung von Kommunisten und Faschisten. Ich denke, dass Architektur dem Leben Bedeutung geben kann. Architektur kann dazu beitragen, dass das Leben relevant und kreativ ist. Große Architektur hat immer diese Funktion.
Frage: Mit Ihrer Architektur wollen Sie Erinnerung unterstützen, Orte des Gedächtnisses bilden. Die Erinnerung an die Shoah ist dabei zentral. Hat sich diese Erwartung für Sie erfüllt?
Antwort: Diese Erwartung kann niemals erfüllt werden. Es geht nicht nur um jene sechs Millionen Menschen, die in der Shoah ermordet wurden, es geht ja auch um die vielen anderen Millionen Menschen, die im Verlauf des Krieges ermordet wurden. Die Erinnerung ist keine Sache, die wir irgendwann als abgeschlossen betrachten können, sie bleibt eine lebenslange, ja eine ewige Aufgabe. Es gibt dabei kein Ende. Erinnerung ist auch Teil einer permanenten Arbeit für die Zukunft.
Frage: Liegt darin auch der Gedanke einer Architektur ohne Ende?
Antwort: In gewisser Weise ist das so. Nehmen Sie das Felix-Nussbaum-Haus. Es ist für diesen bestimmten Ort gebaut und es bewahrt das Werk dieses Künstlers. Aber es ist für so viele andere Felix Nussbaums, die wir nicht einmal kennen. Ich habe gerade das Holocaust Memorial Center in Amsterdam vollendet. Wenn Sie all diese Namen sehen, von Juden und auch von Sinti und Roma, dann sehe ich zum Beispiel auch den Namen von Anne Frank. Aber da gibt so viele andere Anne Franks ganz verschiedenen Lebensalters. Wir erkennen daran, wie klein unser Wissen wirklich ist über das, was geschehen ist. Die Aufgabe der Erinnerung bleibt.
Frage: In Deutschland, aber nicht nur hier, sehen wir ein Anwachsen von Rassismus und Antisemitismus. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Macht Ihnen das Angst?
Antwort: Natürlich, wer ist nicht bedrückt von Rassismus, von der Zurückweisung von Flüchtlingen? Das gilt genauso für den Antisemitismus. Ich sehe auch mit großer Besorgnis, wie antidemokratische Kräfte an Boden gewinnen, überall in der Welt. In vielen Ländern nimmt die Tendenz zur Autokratie zu. Niemand ist dagegen immun.
Frage: Was können Kunst und Architektur dagegen bewirken?
Antwort: Natürlich können sie etwas bewirken, sie können die Wahrnehmung verändern und damit auch die Haltung von Menschen.
Frage: Nehmen Sie das Erstarken rechtspopulistischer oder gar rechtsextremer Positionen in Deutschland wahr?
Antwort: Aber ja, natürlich. Ich finde es sehr verstörend zu sehen, wie die Alternative für Deutschland (AfD) an Boden gewinnt, eine Partei die niemals Teil des politischen Diskurses sein dürfte. Wir wissen doch, wofür diese Partei steht. Sie können das ja regelrecht aus der Entfernung riechen. Ich finde das sehr verstörend, mehr noch die Tatsache, dass diese Partei in manchen Milieus in Deutschland eine solche Zustimmung gewinnt. Was in anderen Ländern geschieht, ist mindestens ebenso verstörend.
Frage: Von der Debatte um Bayerns stellvertretender Ministerpräsident Hubert Aiwanger und das antisemitische Flugblatt, das er nach Medienberichten als Schüler geschrieben haben soll, werden Sie gehört haben. Aiwanger bleibt trotz heftiger Kritik im Amt. Wie nehmen Sie diesen Vorgang wahr?
Antwort: Natürlich habe ich das wahrgenommen. Ich finde das alles nicht akzeptabel. Es kann nicht angehen, Antisemitismus einfach unter den Teppich zu kehren, erst recht, wenn man sich in so exponierter Position befindet. Es kann nicht sein, einfach zu sagen, dass nun alles einfach weitergeht. Personen haben Verantwortung zu übernehmen, erst Recht Autoritäten. Demokratie ist sehr verwundbar. Ein Mangel an Demokratie führt zu Diktaturen.
Frage: Hätte Hubert Aiwanger zurücktreten sollen?
Antwort: Aber natürlich, sein Verhalten ist einfach nicht zu akzeptieren. Wenn er wenigstens eine Erklärung abgegeben hätte, die zeigen würde, dass er bedauert und wirklich verstanden hat. Wenn er gesagt hätte, dass er das Ausmaß seiner Äußerungen nicht verstanden hätte. Er hätte diese Ideologien ablehnen müssen. Nach meiner Kenntnis hat er das nie gesagt.
Frage: Könnten Sie seine Entschuldigung akzeptieren?
Antwort: Eine Entschuldigung ist natürlich nicht genug. Eine Entschuldigung kann man immer abgeben. Wir haben schon viele Entschuldigungen für schreckliche Taten gehört. Aber das reicht nicht. Er hat zu Verstand zu kommen und zu gehen. Er hat sich klarzumachen, wie die Vergangenheit war und wie wir dazu kommen, dass sie sich niemals wiederholt. Menschen sind verletzbar. Die Gesellschaft hat diese Herausforderung anzunehmen und sich klarzumachen, wie Traumata wirken.
Frage: Ihr nächstes Projekt wird das Einstein Discovery Center in Ulm sein. Wird dieses Haus ein Zeichen für das jüdische Leben in Deutschland werden, ein Hoffnungszeichen?
Antwort: Ja, das hoffe ich. Wer kann uns mehr inspirieren als Albert Einstein? Er zeigt uns, was der menschliche Verstand vermag, wenn es darum geht, die Welt zu verändern. Das neue Center soll vor allem junge Leute begeistern. Jeder soll dort auf seine Entdeckungsreise gehen können.
Frage: Wie fasziniert Albert Einstein Sie?
Antwort: Für mich bedeutet Albert Einstein die Berührung mit einem Verstand, der wirklich die Welt verändert hat. Er hat uns die Macht des Denkens gezeigt. Er hatte keine große Ausrüstung, er hatte vor allem seinen Verstand. Seine Relativitätstheorie bedeutet weiterhin eine große Inspiration.
Frage: Was denken Sie über die neue Ausstellung #nichtmuedewerden im Felix-Nussbaum-Haus?
Antwort: Ich finde die Ausstellung großartig. Sie nimmt Nussbaum heraus dem Thema Holocaust und zeigt ihn vor allem als großen Künstler, der heute uns wieder ganz zeitgenössisch vorkommt, weil er zeigt, was Menschen und der Menschheit gerade wieder widerfährt. Der Dialog mit zeitgenössischen Künstlern funktioniert ganz hervorragend. Es ist inspirierend.