Hamburg  Krisen brauchen ein Gesicht: Warum diese Robert Habecks trägt

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 09.09.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Hass auf ihn ist nur ein Symptom: Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Foto: Imago Images/Chris Emil Janßen
Der Hass auf ihn ist nur ein Symptom: Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Foto: Imago Images/Chris Emil Janßen
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Während in Europa ein Krieg tobt und die Folgen des Klimawandels immer sichtbarer werden, hat Deutschland eine heruntergewirtschaftete Infrastruktur – und ein massives Mentalitätsproblem. Für viele an vielem Schuld: Robert Habeck. Eine Analyse.

Jüngst machte ein Lokal auf Rügen Schlagzeilen, weil es sich umbenannte: Es wollte nicht mehr heißen wie der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck. Aus „Habeck’s“ wurde die „KostBar“. Danach kochte für einige Tage die Volksseele.

Inhaberin Vanessa Wellbrock wurde als Nazi beschimpft, es hagelte miese Google-Bewertungen – heutzutage ja die Rache des kleinen Mannes: Ohne jemals dagewesen zu sein, bewerten Menschen Lokale schlecht, deren Inhaber sich politisch positioniert haben. Wäre es nicht so ärgerlich für die Betroffenen und in manchen Fällen gar existenzgefährdend, müsste die Reaktion auf solcherlei dümmliche Shitstorms eigentlich lauten: Gähn.

Existenzgefährdend war die Rüganer Umbenennung immerhin nicht, das Lokal samt Inhaberin wurden deutschlandweit bekannt. Und glaubt man Vanessa Wellbrock, dann war eher der Ursprungsname ein Problem als die Emanzipierung davon. Was wiederum die Frage aufwirft, wie sehr man einen Wirtschaftsminister hassen kann, dass man ein Lokal nicht mehr betritt, das zufällig denselben Namen trägt wie er.

Auf Rügen sind sie sauer wegen des schwimmenden LNG-Terminals, das die Bundesregierung im Hafen Mukran errichten will. „Dass ausgerechnet Habeck als Grüner so etwas macht, das hat uns hier unglaublich enttäuscht“, sagt auch Vanessa Wellbrock. So ein FSRU birgt Risiken. Es regasifiziert durch LNG-Tanker geliefertes Flüssiggas, so dass man es durch Pipelines pumpen kann – und leitet dabei je nach Bauweise nicht ganz unerhebliche Mengen Chlor ins jeweilige Gewässer ein. Daran gibt es nicht nur auf Rügen, sondern auch an anderen FSRU-Standorten wie Wilhelmshaven Kritik.

Die Boddenlandschaft ist ein einzigartiges Naturerbe – das wiederum kann man aber mindestens genau so gut übers Wattenmeer sagen. Und obwohl auch in Hooksiel an der Jade Umweltverbände mobil gemacht haben gegen das dort vertäute FSRU, ist es seit Inbetriebnahme dort leise geworden. Im strukturschwachen Nordwesten freuen sich Kommunen über jeden Steuerzahler und jeden Arbeitsplatz, der durch die neue Energie-Infrastruktur entsteht. Und ist die nicht dringend nötig, seit Putin Deutschland das Gas abgedreht hat? Eigentlich herrschte darüber doch Einigkeit, zumindest im letzten Winter.

Das Argument aber verfängt auf Rügen offenbar nicht mehr. Hier boykottieren Menschen ein Lokal, weil es „Habeck“ heißt – und man fragt sich: Wo hört sachliche Kritik auf und fängt die Hysterie an?

Robert Habeck kann es spätestens seit Amtsübernahme keinem mehr recht machen. Den Grünen ist er nicht grün genug, Eigenheimbesitzer misstrauen ihm wegen des Hin und Her beim Heizungsgesetz. Rüganer nehmen ihm das FSRU vor ihrer Haustür übel, und der Rest wundert sich über fehlende Kenntnisse zur Pendlerpauschale oder Gemauschel im Ministerium, wo jeder mit jedem verheiratet schien.

Das sind alles keine guten Voraussetzungen für eine gelungene Wirtschaftspolitik, zumal es in der gesamten Koalition einfach nicht aufhören will zu knirschen. Der Bonus, den der ewig zerstrubbelte, vermeintlich uneitle, nahbare und dabei intellektuelle Habeck in der Öffentlichkeit einmal hatte – auch und gerade, weil er unideologisch zu Werke geht –, scheint im Alltagsgeschäft einfach aufgerieben worden zu sein.

Das gilt allerdings für die gesamte Ampel. Und das ist ein Problem, dessen gesellschaftliche Dimensionen noch gar nicht abschätzbar sind: Während in Europa ein Krieg tobt und die Folgen des Klimawandels immer sichtbarer werden, hat Deutschland eine heruntergewirtschaftete Infrastruktur – und ein massives Mentalitätsproblem.

Anstatt anzupacken, wird lamentiert, und zwar auf allen Ebenen. Das fängt beim Rüganer Inselkauz an, der wegen eines LNG-Terminals ein Café „Habeck’s“ nicht mehr besuchen will und hört beim Impfgegner noch lange nicht auf.

Der Hass auf Habeck ist dabei nur ein Symptom – denn Krisen brauchen ein Gesicht. Und Habeck hat das Pech, dass eine der größten Krisen – der Wandel der Energieinfrastruktur – seines trägt. Das Problem lösen kann – wenn überhaupt – nur die Ampel gemeinsam: Sie muss Aufbruchsstimmung verbreiten, wo bislang nur Katerstimmung herrscht. Ob ihr das gelingt: Zweifelhaft.

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