Osnabrück Warum Sie die Jubiläumsausstellung im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück nicht verpassen sollten
Das Felix-Nussbaum-Haus feiert seinen 25. Geburtstag mit einer repräsentativen Ausstellung. Dabei wird Nussbaum mit zeitgenössischer Kunst in unsere Zeit übersetzt. Was Rucksäcke vermeintlicher Klimaaktivisten, der Totentanz Nussbaums und Ironie damit zu tun haben, lesen Sie hier.
Im vorletzten Raum sollten die Besucher auf Betriebstemperatur sein. Rucksäcke liegen auf dem Boden oder lehnen an der Wand, „Backpacks“. Darin finden sich Megafon, Bolzenschneider oder Kochgeschirr – was man halt so braucht, um einen Forst zu besetzen oder lautstark zu demonstrieren.
Gut, wahrscheinlich werden die wenigsten Besucher nach dem Ausstellungsrundgang auf die Straße gehen oder sich an einem Baum festketten. Aber im Idealfall hat die Ausstellung „#nichtmuedewerden“ einen Denkprozess ausgelöst über die Frage nach persönlicher Haltung in gesellschaftlichen Herausforderungen. Die „Backpacks“ von Nasan Tur kann man übrigens ausleihen, sagt Niels-Arne Kässens, der Direktor des Osnabrücker Museumsquartiers und damit auch Leiter des Felix-Nussbaum-Hauses.
„Haltung“ ist ein Wort, das häufig fällt bei der Präsentation der Ausstellung, mit der das Felix-Nussbaum-Haus seinen 25. Geburtstag feiert. Denn vieles dreht sich, ausgehend vom Schicksal Nussbaums, um Verfolgung, Diktatur, Rassismus, Flucht – gesellschaftliche Herausforderungen, die einem Haltung abverlangen. Und so versteht sich die Ausstellung zum Teil als Appell, passend zum 375-jährigen Jubiläum des Westfälischen Friedens, das die Stadt Osnabrück in diesem Jahr ebenfalls feiert. Und wie verträgt sich nun der Friedensgedanke mit der Kampfausrüstung für politische Aktivisten?
Sehr gut. Die „Backpacks“ sind die ironische Pointe, mit der die Ausstellung die Zuschauer entlässt, und dafür kann man dem sechsköpfigen Kuratorenteam nur dankbar sein. Dabei agieren sie auf schwierigem Terrain: Die verwinkelte Architektur von Daniel Libeskind bleibt, trotz neuer Einbauten, eine Herausforderung und lässt Ironie ebenso wenig zu wie das schreckliche Schicksal in Nussbaums Leben und in seiner Kunst. Oder?
Den Schlüssel zu neuen Perspektiven finden die Ausstellungsmacher in Nussbaums „Triumph des Todes.“ Kässens fügt dem Totentanz auf dem Bild eine Deutungsebene hinzu: Einerseits sei es „Sinnbild für Entmenschlichung“, sagt Kässens. Aber: „Dieses Bild zeigt den Triumph der Kunst“, fügt er hinzu. Damit fokussiert die Ausstellung die Kunst schärfer als bisher üblich, ohne das Schicksal als Emigrant und Opfer in Auschwitz zu vernachlässigen. Das dürfte im Sinn Nussbaums sein – von ihm stammt auch der Titel der Ausstellung.
Denn natürlich sind Kunst und Leben bei Nussbaum untrennbar verbunden. Das belegen die Nussbaum-Bilder, die das Museumsquartier aus Tel Aviv, New York oder Berlin geliehen hat, darunter ein „Selbstbildnis mit Schlüssel“ und das „Selbstbildnis im Lager“. Sie erzählen wie das „Selbstbildnis mit Judenpass“ von Verfolgung, Gefangenschaft, Angst.
Ihre immense Sogwirkung verdankt die Ausstellung aber renommierten Positionen zeitgenössischer Kunst. Sie schreibt Nussbaums Intentionen für die heutige Welt fort, konfrontiert mit Vertreibung, Verfolgung und Flucht, Antisemitismus und Rassismus, Krieg und Entmenschlichung.
Nicht alles ist dabei repräsentativ. Ai Wei Weis „Illumination“ aus dem Jahr 2009 zeigt ihn, wie er im Moment der Verhaftung ein Selfie schießt – bewegend, aber keine seiner besten Arbeiten. Ungleich packender – und wiederum von Ironie geprägt – ist die Videoarbeit „Whiteface“, in der sich Candice Breitz mit dem Rassismus befasst, wie er im Internet sein Unwesen treibt.
Das zeigt, welche Türen der Wahrnehmung „#nichtmuedewerden“ aufstößt, und zwar von Beginn an. Im Glasgang vom Foyer zum Museumsbau stellt Documenta-Künstler Dan Perjovschi mit seiner exklusiv angefertigten „Osnabrück Drawing“ den Bezug zum tagesaktuellen Geschehen her, am Ende des Gangs wartet ein dunkler Monolith von geradezu brachialer Wucht. „The Resilience oft he 20 %“ heißt die Arbeit, mit der die Künstlerin Cassils auf die steigende Mordrate an Transmenschen aufmerksam macht. Dazu hat sie einen Betonblock vor dem Aushärten mit Fäusten, Füßen und unter vollem Körpereinsatz – Bilder im Obergeschoss des Hauses zeigen das – bearbeitet. Entstanden ist ein quaderförmiger 900-Kilo-Koloss, der nicht nur Hiebe und Schläge, sondern auch die Wut der Künstlerin konserviert hat. Ein eindrucksvolles Eingangsstatement.
Von perfider Schönheit ist die Installation von Mona Hatoum, denn der filigrane Würfel offenbart erst beim genauen Blick seine zynische Brutalität: „Impenetrable“ besteht aus Stacheldrahtstäben. Die Wandtapete der vor dreißig Jahren nach Deutschland emigrierten iranischen Künstlerin Parastou Forouhar befasst sich mit dem Phänomen des Beobachtetseins, mit Augen, die unweigerlich an die großen Augen erinnern, mit denen Nussbaums Porträts ihre Betrachter anschauen.
In drei Teile haben die Kuratoren den Gang durchs Haus gegliedert: Mitfühlen, Mitdenken und Mithandeln. Zettel zum Mitnehmen erläutern die Kunstwerke – auf deutsch, englisch und in einfacher Sprache – und ergeben am Ende einen sehr persönlichen Ausstellungskatalog. Das Finale aber kommt weitestgehend ohne Erläuterung aus.
Ihren Abschluss findet „#nichtmuedewerden“ im Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museums. Dort ist ein „Forum“ installiert, mit der beweglichen Installation „Post-Ruin (Pink)„ von Andreas Angelidakis. Die Einzelteile aus Schaumstoff und Vinyl können wie riesige Bauklötze nach Lust und Laune gruppiert werden, um Räume für Kommunikation zu gestalten: Hier sollen die Besucher sich austauschen über das, was sie gesehen haben, über das, was aus dem Gesehenen folgt. Danach, im Treppenhaus wartet schließlich ein Epilog und mit ihm die eigentliche Pointe der Ausstellung. Die wird hier nicht verraten, nur so viel: Es geht um Haltung, kein bisschen ironisch, sondern sehr ernsthaft. Felix Nussbaum, der Kunst und dem Gedenken an den Westfälischen Frieden angemessen, wie die ganze Ausstellung.