Hamburg  Wie ein Armbruch mein Vertrauen ins deutsche Gesundheitssystem zerstörte

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 10.09.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
„Dr. Love“ hat unserer Autorin den Bruch erklärt und dafür ihren Arm auf ein Stick Papier gekritzelt. Weil das Krankenhaus in Hamburg zuerst den Stick nicht annehmen wollte, konnte sie zuerst nur dieses Bild vorzeigen. Foto: Laura Wolfert
„Dr. Love“ hat unserer Autorin den Bruch erklärt und dafür ihren Arm auf ein Stick Papier gekritzelt. Weil das Krankenhaus in Hamburg zuerst den Stick nicht annehmen wollte, konnte sie zuerst nur dieses Bild vorzeigen. Foto: Laura Wolfert
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Unsere Autorin bricht sich in Schweden den Oberarm, wird vor Ort bestens versorgt. In Deutschland jedoch wird sie von Praxis zu Praxis weitergereicht, ohne Hilfe. „Dieses Krankensystem ist so kaputt“, sagt eine Frau am Empfang eines Allgemeinmediziners. Ein Debakel in mehreren Akten.

Ihr Hausarzt ist im Urlaub, ohne Vertretung, ihr Physiotherapeut möchte kündigen. Unsere Autorin will eigentlich nur, dass jemand ihren gebrochenen Oberarm behandelt. Vergebens. Eigentlich kennt man solche Horrorgeschichten nur vom Land, doch selbst in Großstädten scheint die medizinische Versorgung grenzwertig zu sein. Es folgt die – zugegebenermaßen – sehr subjektive Wahrnehmung unserer Autorin:

29. Mai, Montag: Irgendein doofer Wasserfall, Kristianstad – Schweden.

Es ist der erste Tag im ersten gemeinsamen Urlaub mit meinem Freund. Er möchte mich überraschen und führt mich auf eine romantische Aussichtsplattform im Wald, mit Blick auf einen Wasserfall. Ich komme auf die glorreiche Idee, einen zehn Meter steilen Hang nach unten zu klettern – da, wo das Wasser plätschert. Doch der Boden ist feucht, übersät mit Moos. Ich rutsche aus, überschlage mich und krache wenige Sekunden später zu Boden - drei Meter freier Fall. Romantik? Kann ich!

Ich kann meinen linken Arm nicht bewegen, meine Rippen schmerzen. Wir fahren in das nächstgelegene Krankenhaus. 

Hier sehen Sie, wie unsere Autorin den Hang herunterklettert, wenige Sekunden vor dem Sturz:

29. Mai, Montag: Krankenhaus 1, Kristianstad - Schweden.

Wir sind in der Notaufnahme, ziehen eine Nummer, warten zehn Minuten - dann werden wir schon aufgerufen und in ein Einzelzimmer gebracht. Der Arzt gibt meinem Freund und mir die Hand, stellt sich persönlich vor. Natürlich heißt der nette Kerl mit Vornamen auch noch „Love“. Er kniet sich vor mich, um mit mir auf Augenhöhe zu reden. 

Er fragt, ob er mich anfassen darf, um die Rippe und den Arm abzutasten. Das macht er in aller Seelenruhe. Er sagt bitte, danke und fragt, ob das alles so in Ordnung ist. Great! Großartig mache ich das. Ob ich Wasser brauche, mir schwindelig sei? Er legt mir eine blaue Schlinge um meinen Arm, schneidet sie der Länge nach ab, damit sie meiner Größe entspricht. „Für das erste sollte das okay sein. Passt das so? Okay, great!“, sagt er und verschwindet aus dem Raum. 

Die nächsten Arbeitskräfte im Krankenhaus – sei es der Mann, der mich auf der Liege in die Radiologie fährt, die Damen, die mich röntgen oder die Krankenpfleger, die Wasser und Schmerztabletten bringen – alle sind nett und klopfen an die Tür, bevor sie das Zimmer betreten. Nach knapp einer Stunde kommt Dr. Love mit den Röntgen-Bildern. Es tue ihm sehr leid, mein linker Oberarm sei komplett durchgebrochen. 

Wir könnten unseren Urlaub fortsetzen. Ich müsse den Arm nur ruhen, nicht bewegen – da könnten die Ärzte in Deutschland aktuell auch nicht mehr machen. Nach einer Woche solle ich aber in ein deutsches Krankenhaus, direkt in die Notaufnahme. Die Ärzte würden mich dann noch einmal röntgen und untersuchen, sagt er. Mein aktuelles Röntgenbild und alle anderen wichtigen Daten mache er fertig, ziehe sie auf einen Stick – einen Tag später könnten wir einen USB-Stick an der Rezeption abholen. 

Die ambulante Behandlung im Krankehaus kostet mich 30 Euro. Für 15 Euro bekomme ich in der Apotheke 50 Schmerztabletten mit Oxycodon und 100 Tabletten mit Paracetamol. 

04. Juni, Sonntag: Krankenhaus 2, Hamburg.

Wir kommen Samstagabend in Deutschland an. Ich mache mich am nächsten Tag direkt auf den Weg in die Notaufnahme in ein Hamburger Krankenhaus (im folgenden „Krankenhaus 2“ genannt) - mit der Hoffnung, eine neue, bessere Armschlinge zu bekommen. 

Ich stehe am Empfang. „Gehen Sie zurück, da ist eine Linie, warten Sie da!“, sagt die Dame. Ich gehe einen Schritt zurück. Warte. Fünf Minuten. Zehn Minuten. „Jetzt, ja“, sagt sie. Ich erkläre ihr meinen Fall. Die Dame schaut mich grummelig an. „Na, wenn der Arm schon eine Woche gebrochen ist, ist das kein Notfall mehr“, sagt sie. „Heute ist Sonntag, wir nehmen keine Patienten auf. Sie müssen morgen wieder kommen und einen Termin ausmachen.“

05. Juni, Montag: Krankenhaus 2, Hamburg.

Ich gehe zum Empfang der Unfallchirurgie: „Hallo, ich war gestern schon hier. Mein Arm muss nach einer Woche kontrolliert werden, ich brauche eine neue Armschlinge und eine Krankmeldung“, sage ich. Die Dame, ein bisschen freundlicher als die von gestern, meint: „Tut mir leid, heute sind wir schon voll.“

Der nächstmögliche Termin ist am Mittwoch. Eine Krankschreibung könne mir in diesem Fall nur mein Hausarzt geben. Sie steckt mir einen Zettel zu, mit einer Liste von Praxen für Unfallchirurgie und Orthopädie. „Versuchen Sie es da mal“, sagt sie. Ich rufe alle Praxen an, entweder geht keiner ran oder es heißt, sie nehmen keine neuen Patienten mehr auf. 

Ich laufe zu meinem Hausarzt und erzähle ihm meine Geschichte, er schreibt mich zwei Wochen krank - ohne ein einziges Mal meine Unterlagen aus Schweden anzuschauen, oder meinen Arm überhaupt nur anzufassen. Wie es mir geht, ob ich noch Schmerzen habe? Pff. Egal. Er fragt nur, ob ich eine Überweisung in ein Krankenhaus brauche. Davon hat die Dame am Empfang nichts gesagt, aber besser haben als brauchen, denke ich. 

07. Juni, Mittwoch: Krankenhaus 2, Hamburg.

Wieder im Krankenhaus, ich melde mich bei der Dame am Empfang. „Haben Sie eine Einweisung, Unterlagen, ein Foto von ihrem Röntgenbild?“ Ich reiche ihr einen Briefumschlag mit allem, was ich habe. „Den Stick können wir nicht annehmen“, sagt sie. Da könne ein Virus drauf sein. Ob ich das Foto nicht ausgedruckt, oder auf CD hätte? Ne. „Ja, das ist schlecht“, sagt sie.

Ich solle im Warteraum Platz nehmen – um 11 Uhr habe ich (eigentlich) einen Termin. Ich warte. Eine Stunde. Zwei Stunden. Ob ich mal kurz aufstehen kann, um mir um die Ecke am Snackautomaten einen Riegel zu holen? Nein, sagt die Arzthelferin. In 15 Minuten sei ich dran, ich solle bitte warten. 

Eine weitere Stunde später werde ich aufgerufen und in eines der Zimmer gebracht. Ich sitze auf der Liege und warte erneut. 20 Minuten. 40 Minuten. Vor mir steht ein Computer. Ob ich da einfach mal meinen Stick hereinstecken soll? Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer, stelle mich provokativ davor. „Hallo?“, frage ich. „Hat mich jemand vergessen?“ So langsam werde ich richtig wütend. Ein Patient streckt im Zimmer rechts neben mir den Kopf raus und sagt:. „Ich habe insgesamt sechs Stunden gewartet, das kann also dauern.“

Weitere zehn Minuten später kommt ein junger Arzt in mein Zimmer. Er sagt, er würde mich ungern noch einmal röntgen. Deswegen sei es wichtig, dass er das Röntgenbild meines gebrochenen Arms sehe. Er versuche, das mit dem Stick irgendwie zu regeln. Ich solle mich wieder in das Wartezimmer begeben. Habe ich jetzt fast vier Stunden gewartet, nur um meinen Stick zu übergeben? Mein Puls steigt auf 180.

Eine halbe Stunde später ruft mich der Arzt erneut auf. „Habe das für Sie geregelt, hat geklappt“, sagt er. „Sieht ja schlimm aus, der ist komplett durch. Das muss definitiv operiert werden.“ Er schickt mich mit einem Laufzettel zum Röntgen. Zurück beim Arzt, hat dieser bereits das Röntgenbild ausgedruckt und erklärt mir, wie das eigentlich „richtig“ aussehen sollte – dabei benutzt er medizinische Fachbegriffe, von denen ich keine Ahnung habe. 

Später bin ich verunsichert, ob er mir da nun das erste Röntgenbild aus Schweden, oder schon das aktuelle gezeigt hat. „Also“, fängt der Arzt an und drückt mir ein paar Seiten in die Hand, in denen die Operation an meinem Oberarm erklärt ist. Das einzige, was ich nach mehreren Stunden nervigem Warten höre: Das kann schiefgehen, das auch, das auch – eigentlich kann alles schiefgehen, man müsse mich nur darauf hinweisen. Die Schrauben? Die bleiben für immer drin. Dazu Vollnarkose.

„Tut mir leid, so wie das aussieht, führt kein Weg an einer OP vorbei“, sagt er. „Aber Sie sind eine junge, gesunde Frau. Sie bekommen das hin.“ Ich solle hier und da unterschreiben. Die OP soll am kommenden Montag stattfinden. „Das ist toll, das ist früh“, sagt der Arzt. Ganz toll. Ich wurde noch nie operiert, habe mir noch nie etwas gebrochen. Ich habe panische Angst vor dem Eingriff. Vor allem, weil ich mich in dem Krankenhaus bisher nicht gut aufgehoben fühle. Mir schießen Tränen in die Augen.

Am nächsten Tag müsse ich wieder in das Krankenhaus, zur Vorbereitung für die OP.

08. Juni, Donnerstag: Krankenhaus 2, Hamburg.

Zuerst bekomme ich Blut abgenommen, dann sitze ich im nächsten Wartezimmer für das Narkosegespräch. Eine Hamburger Nummer ruft mich an, der Arzt ist am Telefon: „Wir haben uns gestern in großer Runde beraten. Wir sehen von einer OP ab. Der Arm wächst soweit gut zusammen. Sie sind eine junge gesunde Frau, sie schaffen das auch so.“ Ich freue mich, bin trotzdem verunsichert. Gestern fielen noch die Worte „schlimm“ und „es führt kein Weg an einer OP vorbei“. 

Und jetzt? „Nichts, sie müssen sich jetzt einen Orthopäden suchen.“ Der Arzt will mir am Telefon eine Liste mit Praxen durchgeben, die Liste, die ich schon vor drei Tagen durchtelefoniert habe. Am Empfang müsse ich mich nicht mehr melden. Ich gehe aus dem Krankenhaus, ohne richtige Entlassung. Ich bin wieder auf mich allein gestellt. 

Über die App Doctolib buche ich einen Termin bei einem Orthopäden. Der nächste freie Termin: in zehn Tagen. Bis dahin kann ich nichts machen, ich laufe mit einer provisorischen Armschlinge durch die Gegend in der Hoffnung, dass mein Oberarm nicht falsch zusammenwächst. 

16. Juni, Freitag:  Orthopäde, Hamburg.

Ich komme in das Zimmer des Doktors, er schaut sich das Röntgenbild an. „Das kann nicht sein, dass sie nicht operiert werden müssen“, sagt er. „Der ist ja komplett durch. Da müssen sie ins Krankenhaus.“ Ach! Er meint, „Krankenhaus 2“ sei nicht gut, die seien immer überlastet. Ich solle in ein anderes Hamburger Krankenhaus – ich nenne es „Krankenhaus 3“. 

Jetzt sofort, Notaufnahme. „Nicht, dass der Arm noch falsch zusammenwächst“, sagt der Doktor. Meinen Arm anfassen, testen, inwiefern ich ihn bewegen kann? Macht er nicht. Auf meine Anmerkung, dass meine Rippe nach wie vor weh tut, geht er nicht ein. „Aber sie haben schon mit einer Physiotherapie angefangen, oder?“, fragt er mahnend. Ne, habe ich nicht. „Na, das müssen sie schon machen.“ Als sei das selbstverständlich und mein Versagen. 

16. Juni, Freitag:  Krankenhaus 3, Hamburg.

Der Empfang im Haupteingang schickt mich zur Unfallchirurgie, die Unfallchirurgie zur Notaufnahme. Wartezimmer 34902382 diese Woche. Eine Stunde, zwei Stunden vergehen. Ich werde aufgerufen, soll auf einer Liege im Gang Platz nehmen. 

Ich erkläre einer Ärztin meinen Fall. Sie möchte mich ein weiteres Mal röntgen, ob das okay sei. Gesagt, getan. Ich warte eine weitere Stunde, werde erneut aufgerufen. Mitten im Gang sagt mir die Ärztin im Stehen: „Tatsächlich muss ich meinen Kollegen recht geben, der Oberarm wächst gut zusammen. Aber es kann nicht sein, dass man sie ohne Papiere entlässt.“ Man hätte mir zudem eine festere Schlinge umlegen müssen, so eine, mit der ich meinen Arm kaum bewegen und stabilisieren kann. Und eine Physiotherapie? Die hätte ich schon längst starten sollen. „Kümmern Sie sich darum, machen Sie noch heute einen Termin“, sagt sie und händigt mir Entlassungspapiere aus. 

Zu Hause mache ich einen Termin bei einem Physiotherapeuten über die App Doctolib – Montag, 10 Uhr. 

19. Juni, Montag: Physiotherapeut, Hamburg.

„Hast du eine Überweisung deines Hausarztes?“, fragt mich der Physiotherapeut. Ne, nur den Zettel mit der Diagnose vom Krankenhaus – auf der steht, dass eine Physiotherapie empfohlen wird. „Tut mir leid, das reicht mir nicht, so kann ich dich nicht behandeln“, sagt er. „Ich brauche das vom Hausarzt.“ 

Genervt laufe ich eine halbe Stunde zu meinem Hausarzt. Vor der Tür hängt ein Schild: „Wir sind bis zum 26. Juni im Urlaub.“ Darunter eine Hamburger Notfallnummer. Keine Vertretung, keine andere Praxis, zu der ich hingehen kann. Und jetzt?

Ich suche in Google Maps nach Hausarztpraxen in der Nähe. In der ersten heißt es: „Wie, ihr Hausarzt hat keine Vertretung? Das kann nicht sein.“ In der zweiten: „Tut mir leid, da können wir Ihnen nicht weiterhelfen. Wir sind schon viel zu voll.“ Die dritte: „Nein, hier nicht. Gehen Sie in die Praxis über uns.“ In Praxis Nummer vier beschwert man sich über die Praxis darunter: „Wir sind keine Auffangstation!“, sagt die Dame am Empfang. Ich kann nicht mehr, werde in meinem Ton laut und wütend „Bitte entschuldigen Sie, Sie können wirklich nichts dafür. Aber ich brauche jetzt Hilfe. Jetzt!“ Ich erkläre ihr meine Situation, sie bekommt Mitleid: „Warten Sie einen Moment.“

Sie huscht um die Ecke und kommt mit einer Überweisung für eine Physiotherapie, unterschrieben von der Hausärztin zurück. „Dieses Krankensystem ist so kaputt“, ergänzt sie. „Für Ihren Hausarzt kann keiner die Vertretung übernehmen, weil wir alle voll sind.“

20. Juni, Dienstag: Physiotherapeut, Hamburg.

Ich starte einen Tag später die Behandlung bei meinem Physiotherapeuten. Er wirkt sehr nett, redet aber unglaublich viel. Vielleicht kündigt er bald, erzählt er mir. Was er lediglich macht, ist meinen Arm langsam hin- und herzubewegen. 20 Minuten dauert eine Sitzung, sechs habe ich verschrieben bekommen. Ob mein Arm davon heilt? Keine Ahnung.

Nach drei Wochen mit der Armschlinge hängen meine Schultern schräg. Das liege vermutlich nur an meiner verkrampften Schutzhaltung, so der Physiotherapeut. “Wenn das so bleibt, muss das aber jemand röntgen”, sagt er. 

Nach der fünften Sitzung ruft mich eine Frau an und teilt mir mit, dass besagter Mitarbeiter leider nicht mehr da ist. Ich könne online über die App „Doctolib“ einen Ersatztermin bei seiner Kollegin buchen. Nächster freier Termin: in zwei Wochen. 

Sechs Wochen lang habe ich eine Armschlinge getragen und versucht, mich mit kleinen Bewegungsübungen selbst zu heilen. Was wäre gewesen, wenn ich mir nicht meinen Arm, sondern mein Bein gebrochen hätte? Wenn ich allein auf mich gestellt wäre, Single, und nicht wüsste, dass es Apps wie „Doctolib“ gibt.

Diesen Text habe ich mit beiden Armen tippt. Meine Fraktur scheint mittlerweile wieder zusammengewachsen zu sein. Glaube ich. 

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