Eutin Ratekau Ostholstein Vietnam  Sie sahen den Mord an ihrer Mutter: Kinder werden nicht nach Vietnam abgeschoben

Constanze Emde
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Von Constanze Emde
| 07.09.2023 11:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sie sind vorerst erleichtert, die Pflegeeltern Jürgen und Gabi Roks (v.l), Matthias und Heike Steinebach sowie Hans und Anja Kemeny aus Ratekau. Foto: Constanze Emde
Sie sind vorerst erleichtert, die Pflegeeltern Jürgen und Gabi Roks (v.l), Matthias und Heike Steinebach sowie Hans und Anja Kemeny aus Ratekau. Foto: Constanze Emde
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Den vier Kindern der getöteten Hoa (37) im Asia-Imbiss drohte bis Mittwoch die Abschiebung nach Vietnam. Doch Ostholsteins Landrat Timo Gaarz hat sich umentschieden. Was die Pflegeeltern dazu sagen und wie es jetzt für die Kinder weitergeht.

Ratekau oder Vietnam? Bis zuletzt setzten sich die Pflegeeltern für die vier Kinder (drei bis zwölf Jahre) ein, denen nach dem Tod ihrer Mutter im Asia-Imbiss die Abschiebung nach Vietnam drohte. „Die Zukunft der Kinder hängt heute von der Entscheidung des Landrates ab“, sagte Anja Kemeny Mittwochmorgen, bevor sie gemeinsam mit den anderen Pflege-Elternpaaren und einem Anwalt ins Kreishaus zum Termin mit Landrat Timo Gaarz (CDU) und Mitarbeitern des Jugendamtes ging. „Wir haben Angst und rechnen mit dem schlimmsten“, begründete ihr Mann Hans Kemeny im Vorfeld die juristische Begleitung.

Weiterlesen: Nach Mord an ihrer Mutter – Kinder sollen nach Vietnam abgeschoben werden

Nach einer Stunde öffnet Anja Kemeny sichtbar gezeichnet die Tür und verlässt die Besprechung. „Ich muss raus, es ist im Moment so....“, sie stockte, sammelte sich in einer Nische des Flurs und ging wenige Minuten später wieder hinein.

Eine halbe Stunde danach treten Landrat Timo Gaarz und Pflegevater Hans Kemeny vor die zahlreichen Medienvertreter und verkünden die erleichternde Nachricht: Die Kinder dürfen vorerst in Deutschland bleiben.

In offiziellen Statements sagte Gaarz bislang: „Der Fall ist geprüft und abgewogen worden. Es entspricht dem Kindeswohl, seiner eigenen kulturellen, sprachlichen und familiären Herkunft entsprechend, aufzuwachsen.“ Es wäre ein tiefgreifender Einschnitt, ein Kind seiner kulturellen Wurzeln zu entreißen. Doch die kleinen Kinder, so die Pflegeeltern, sind in Deutschland geboren, sahen Vietnam nie, sprechen weder Sprache noch leben sie die Kultur. Die zwölfjährige Tochter brachte der Vater mit in die Ehe, sie wurde von ihrer Mutter in Vietnam als Säugling getrennt, kam mit dem Vater nach Deutschland.

„Die Kinder sind hier integriert, haben ihre Freunde, gehen in die Schule“, machen die Pflege-Eltern immer wieder deutlich. In ihrer Verzweiflung und mit der drohenden Abschiebung im Rücken, haben sie eine Petition ins Leben gerufen, die binnen kürzester Zeit zehntausende unterzeichnet haben. Das Ziel von 75.000 Unterschriften könnte in wenigen Stunden erreicht sein.

Für Gaarz, erst zwei Monate im Amt, war das der erste Härtefall. Er habe sich intensiv eingelesen, sagt er Mittwoch vor laufenden Kameras, sich mit Ministerin Aminata Touré (Grüne) und anderen Gesprächspartnern ausgetauscht. „Das Kindeswohl wird in der Rechtsprechung in einem solch besonderen Fall nicht berücksichtigt. Ich habe die Möglichkeit, auch wenn die Behörden nach Recht und Gesetz entschieden haben, in einer Einzelfallentscheidung anders zu entscheiden und das habe ich getan: Es wird keine Rückführung seitens des Kreises Ostholstein stattfinden.“ Und: „Wir werden künftig in engem Austausch miteinander sein, und ich werde die Pflegeeltern im weiteren Verfahren unterstützen.“

Stellvertretend für die drei Elternpaare dankte Hans Kemeny dem Landrat und stellte eines klar: „Wir distanzieren uns von Worten, die als Anfeindungen gegen die Person von Herrn Gaarz gingen. Wir interessieren uns für den Schutz unserer Kinder und ihr Kinderwohl und wir freuen uns nach diesem Gespräch, dass sich Timo Gaarz und auch das Jugendamt im Interesse des Kindeswohls einsetzen.“

Das Jugendamt habe nach dem Tod der Mutter besonnen gehandelt, so Heike Steinebach, die mit ihrem Mann Matthias für das dreijährige Geschwisterkind sorgt. Denn das Jugendamt habe die drei Pflege-Elternpaare gezielt so ausgewählt, dass alle Kinder binnen ein bis zwei Minuten beieinander sein können, alle „in einer Ecke von Ratekau“ leben.

„Wir sind zu einer richtigen Großfamilie geworden durch die Kinder, das ist wunderbar“, sagt Hans Kemeny. „Zwar haben die Kinder jeweils ihre Pflegefamilie, aber alle zusammen sind wir eine Großfamilie und die Kinder sind ständig zusammen in Kontakt“, ergänzt Heike Steinebach. Sie spüre langsam die Erleichterung, die jetzt einkehre. „Wir haben Angst um sie gehabt, Angst, dass sie abgeschoben und Gefahren ausgesetzt sind“, so Heike Steinebach.

„Bitte lasst uns hier“: Mit diesen Worten hatte sich die Zwölfjährige als älteste der vier Kinder der Getöteten an den Sozialausschuss am Montag in Ratekau gewandt um ihre Situation zu erklären. Früher seien sie oft allein gewesen, jetzt habe sie eine richtige Familie. „Es ist so schön. Ich möchte, dass alles so bleibt. Ich möchte nicht weg und ich möchte nicht, dass meine Geschwister weggenommen werden. Wir sind eine Familie und wir haben neue Eltern. In Vietnam kennen wir niemanden. Bitte lasst uns hier!“, danach musste auch sie weinen. Die letzten Wochen seien sehr angespannt und schlaflos gewesen - für alle Familien, weiß ihr Pflegevater Hans Kemeny zu berichten.

Gemeinsam mit seiner Frau Anja hat Hans Kemeny die zwölfjährige und vierjährige Tochter der im Asia-Imbiss getöteten Hoa (37) aufgenommen. „Unsere Große wird Luftsprünge machen, wenn wir ihr das erzählen und ihr achtjähriger Bruder auch“, ist Kemeny überzeugt, die großen Kinder haben verstanden, um was es geht, die Kleinen die Anspannung gespürt.

„Wir sind alle sehr erleichtert und im Sitzungssaal sind Tränen geflossen, als Landrat Timo Gaarz seine Entscheidung mitteilte“, so Kemeny. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass der Landrat seine erste Entscheidung kippen könnte“, sagt Gabi Roks sichtlich erleichtert vorm Kreishaus. „Jetzt können wir endlich wieder schlafen und die Kinder auch“, fügt ihr Mann Jürgen Roks dazu, beide kümmern sich um den Sohn (8) der Verstorbenen. Dieser habe sie am Morgen gar nicht loslassen wollen beim Abschied in die Schule. „Er ist so ein intelligenter, lieber Junge, den lassen wir nicht weg“, sagen Gabi und Jürgen Roks.

Ein Happy End sei die Entscheidung des Landrats aber noch nicht - eher ein wichtiger Etappensieg, wie Kemeny sagt. Vor den Kindern und ihren Pflegefamilien liegt nun ein Verfahren beim Familiengericht. Wie lange sie nun „Ruhe haben“, sei ungewiss. Aber die Unterstützung des Landrates und Jugendamtes im Rücken, sei ein gutes Gefühl.

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