Sydney  Drohnen aus Pappe: Ein Beispiel moderner Kriegsführung

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 07.09.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Ende August beschädigten ukrainische Drohnen Kampfjets im Westen Russlands. Die Drohnen stammen aus Australien und sind ein einfacher Bausatz aus Pappe. Ein Experte erklärt, warum Drohnen die Kriegsführung maßgeblich verändern werden.

Bei einem ukrainischen Angriff auf den Flughafen im russischen Kursk sollen insgesamt 16 aus Karton gefertigte Drohnen zum Einsatz gekommen sein. Drohnen bestimmen seit Längerem die Kriegsführung in der Ukraine. Yuriy Shchyhol, Chef der ukrainischen Cyber-Abwehr, sagte Ende August im ukrainischen Fernsehen, dass das Drohnen-Programm deutlich ausgebaut werde. „Dieser Krieg hat die Herangehensweise an den Einsatz von Drohnen verändert“, sagte er.

Drohnen würden sowohl auf kurze Distanz zur Aufklärung wie auch zur Feuerkontrolle eingesetzt. Laut Shchyhol dienen Angriffsdrohnen aber auch dazu, „feindliche Arbeitskräfte und Ausrüstung zu vernichten“. Deswegen sei das Ziel, so viele Drohnen wie möglich bereitzustellen. „Wir kaufen fast alles, was auf dem Markt erhältlich ist“, sagte er.

Paul Cureton, ein Experte der britischen Lancaster University, glaubt, dass Konflikte in Zukunft „durch Drohnen geprägt sein“ werden. Dies werde Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen, die Sicherheit und die Verteidigung haben, schrieb er in einem Aufsatz im akademischen Magazin „The Conversation“. „Es ist wahrscheinlich, dass kleine Drohnen zu geringen Kosten in Zukunft weitere Missionserfolge erzielen werden.“ Letzteres erklärt den Erfolg der Fluggeräte: Sie erzielen Ergebnisse, sind dabei aber deutlich kostengünstiger als anderes Kriegsgerät.

In diesem Fall handelte es sich bei den „kleinen Drohnen zu geringen Kosten“ um ein australisches Modell, ein Fakt, der Ulrike Franke, einer Verteidigungsexpertin vom European Council on Foreign Relations, besonders ins Auge stach, wie sie auf dem Kurznachrichtendienst X (früher Twitter) bemerkte: „Was mir an dieser Stelle fast am interessantesten erscheint, ist, dass es sich um *westliche* (australische) Drohnen handelt, die auf russischem Territorium eingesetzt werden.“

Die australischen Drohnen der Melbourner Firma Sypaq sind kostengünstige Produkte in Flatpack-Form, die sich zusammenfalten und dadurch leicht transportieren lassen. Die Drohnen bestehen aus gewachster Pappe und können damit auch regnerisches Wetter überdauern. Das Corvo Precision Payload Delivery System oder kurz Corvo PPDS genannt, ist ähnlich einfach zusammenzubauen wie ein Ikea-Bausatz: Notwendig sind nur eine Klebepistole, ein Messer, ein Stift, ein Klebeband und Gummibänder. Um den Propeller anzubringen, reicht ein Schraubenschlüssel.

Die Drohnen werden über ein Katapultsystem abgeschickt und lassen sich über ein leicht verständliches Interface auf einem Android-Tablet programmieren. Eine menschliche Steuerung ist damit nicht notwendig. Je nach Modell können die Drohnen Lasten von drei bis fünf Kilo transportieren, das heißt, sie können durchaus auch für den Beschuss feindlicher Ausrüstung eingesetzt werden. Die Drohnen haben eine Gesamt-Reichweite von bis zu 120 Kilometer. Obwohl die Drohne mit GPS arbeitet, kann die Steuerungssoftware die Position der Drohne auch aus Geschwindigkeit und Kurs berechnen. Damit funktioniert sie auch dann noch zuverlässig, sollte das GPS-System einmal gestört sein.

Ein weiteres Konstruktionsprinzip, das die Drohnen so interessant mache, sei ihre Schwarmfähigkeit, erklärte der Experte Cureton. „Drohnenschwärme können durch ihre schiere Größe Luftverteidigungssysteme überwältigen oder als Lockvögel bei Spionageabwehroperationen eingesetzt werden.“ Allerdings würden diese Schwärme auf Künstliche Intelligenz aufbauen, die noch in den Kinderschuhen stecke.

Wie groß das Potenzial jedoch ist, ließ ein Drohnen-Wettfliegen an der Universität Zürich erst Ende August wieder erkennen. Bei dem Wettbewerb schlug eine autonome Drohne drei internationale Drohnen-Champions auf einem abgesteckten Kurs gleich mehrmals. Bis vor Kurzem hatten Robo-Drohnen noch doppelt so lange gebraucht wie solche, die von Menschen gesteuert wurden. Laut Cureton zeigt all dies das Potenzial der Fluggeräte. Die australischen Drohnen, die die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten derzeit zum Einsatz bringen, seien schon jetzt ein gutes Beispiel dafür, dass „Innovation der Schlüssel zur modernen Kriegsführung ist“, so Cureton.

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