Osnabrück Geldautomatensprengung in Gesmold: Das große Schweigen um die Hintermänner
Mit Automatensprengungen wird großes Geld verdient. Aber wer genau kassiert da eigentlich? Die Hintermänner bleiben im Dunkeln, ihr Einfluss reicht aber bis in deutsche Gerichtssäle. Das zeigt ein Fall aus Melle, der vor dem Landgericht Osnabrück verhandelt wird. Die Täter wurden im Emsland gefasst.
So gut wie täglich fliegt irgendwo in Deutschland ein Geldautomat in die Luft. Wie die Täter vorgehen, wissen deutsche Ermittler ziemlich genau. Sie kennen sogar die meistgenutzten Fluchtrouten, können immer wieder Verdächtige schnappen. Was unklar bleibt: Wer die Hintermänner der ausgeklügelten Verbrechen sind. Denn wer festgenommen wird, schweigt eisern. Aus Angst? Einblicke gibt ein Prozess vor dem Landgericht Osnabrück.
Der Älteste des Trios sitzt am Steuer des Audi. Er lenkt den Sportwagen mit teilweise mehr als 200 km/h durch die Nacht. Neben ihm der 18-Jährige, der mithilfe seines Mobiltelefons navigiert. Das Ziel sind die Niederlande. Als das Handy die Verbindung verliert, rasen sie orientierungslos weiter. Auf der Rückbank Täter Nummer Drei, der mit einem Laserpointer durch die Heckscheibe leuchtet. Der 20-Jährige versucht, die Polizei abzulenken, die längst die Verfolgung aufgenommen hat.
Wenige Minuten zuvor: Das Trio hat einen Geldautomaten in Gesmold, einem Stadtteil von Melle in Niedersachsen, mit zwei Sprengsätzen in die Luft gejagt. Trümmer fliegen umher, aber die Geldkassette wird nicht geknackt. Die jungen Männer fliehen ohne Beute. Eines ihrer Mobiltelefone klingelt. Der Lautsprecher ist eingeschaltet. Eine Stimme schreit Anweisungen ins Autoinnere. Es wirkt, als wisse derjenige sehr genau, wo sich die drei befinden.
Wer am anderen Ende der Leitung war? Das blieb am Dienstag vor dem Landgericht Osnabrück offen. Die drei Angeklagten räumten zwar entweder persönlich oder durch Erklärungen ihrer Anwälte ein, den Geldautomaten in Melle im Februar 2023 gesprengt zu haben. Ihre Schilderungen zur Tat und zur letztlich erfolglosen Flucht – ein Nagelbrett der Polizei schlitzte die Reifen des Audis auf – deckten sich. Zu den Hintermännern aber schwiegen sie.
„Vor diesen Menschen habe ich große Angst”, ließ der 20-Jährige das Gericht in einer Stellungnahme wissen, die sein Verteidiger vorlas. Er habe nicht nur Angst um sich selbst, „sondern auch um Eltern und Geschwister”. Die Personen seien „sehr mächtig. Es wird gesagt, die seien zu allem bereit”. So oder so ähnlich hatten sich auch in anderen Verfahren bereits Angeklagte geäußert.
Viele Bereiche im System der Automatensprengungen konnten Polizei und Justiz mittlerweile erhellen. Mehr als 50 Verdächtige wurden allein in diesem Jahr festgenommen, die im Zusammenhang mit Sprengungen stehen sollen. Im Schatten bleiben aber weiterhin diejenigen, die die Aktionen organisieren und am Ende mutmaßlich den Großteil der Beute abgreifen.
Auch im Osnabrücker Prozess war das so. Keiner der drei Angeklagten packte aus. Die unsichtbaren Hintermänner üben offenbar bis in deutsche Gerichtssäle ihren Einfluss aus. Weder in Deutschland noch in den Niederlanden konnte die Polizei bislang die Mauer des Schweigens durchbrechen.
Dass es solche Hintermänner geben muss, wurde durch die Aussagen der erfolglosen Meller Sprenger deutlich. Sie erzählten etwa, ihnen seien Lehrfilme auf dem Handy gezeigt worden, wie man einen Geldautomaten richtig sprengt. Die dazu notwendigen Utensilien wie Sprengstoff, Kabel, Batterie und so weiter seien ihnen zur Verfügung gestellt worden, auf niederländisch wird dieses Sprengerpaket fast liebevoll „Setje” genannt.
Mit der Anweisung, Luft in die Reifen des Audis zu pumpen, vollzutanken und hinter der deutschen Grenze ein Nummernschild zu stehlen, seien sie auf die Reise geschickt worden. Die Adresse des Automaten sei auf eines der Handys gesendet worden. Von Melle habe er vorher noch nie etwas gehört, so einer der Angeklagten.
Was der Anreiz gewesen sei mitzumachen, wollte der Vorsitzende Richter vom 18-Jährigen wissen: Er sei einer Art Gehirnwäsche unterzogen, es seien tolle Sachen versprochen worden. Die Kontaktleute hätten beispielsweise teure Schuhe getragen. Das habe er auch gewollt. Zumindest zwei der drei Angeklagten lebten zuletzt in Utrecht. Die Großstadt gilt als Hotspot der Automatensprenger, besonders der eher ärmere Stadtteil Overvecht.
Allerdings wären die Drei – sofern die Aussagen stimmten – mit einem vergleichsweise kleinen Betrag nach erfolgreicher Sprengung abgespeist worden: Von 2000 bis 3000 Euro sei die Rede im Vorfeld gewesen. In deutschen Geldautomaten lagern aber manchmal mehr als 100.000 Euro. Der Großteil der Beute hätte aber wohl an die Organisatoren der Sprengung abgegeben werden müssen.
Allein im vergangenen Jahr dürfte daher jede Menge Geld in das System geflossen sein: In Deutschland wurden 298 Geldautomaten erfolgreich gesprengt, 198 mal scheiterte das Vorhaben, wie folgende Statista-Grafik zeigt. Den meisten Tätern gelang die Flucht. Ziel- und Heimatland Nummer eins: die Niederlande.
Dahin könnten auch die drei Angeklagten im Osnabrücker Prozess zeitnah zurückkehren. Ihre Geständnisse werden sich wohl positiv auf die Höhe der möglichen Strafe auswirken, sodass sie möglicherweise nur kurz in einem deutschen Gefängnis einsitzen oder eine Bewährungsstrafe erhalten. Die Staatsanwaltschaft hat den Einsatz des Laserpointers zwar als Mordversuch gewertet. Das Gericht ließ aber bereits erkennen, diese Einschätzung wohl nicht zu teilen. Das Urteil wird im Oktober erwartet.
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