Istanbul  Zweifel an Saudi-Arabiens Megaprojekt „The Line” wachsen

Thomas Seibert
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Von Thomas Seibert
| 05.09.2023 14:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das riesige Bauwerk „The Line“ soll 170 Kilometer lang werden. Foto: imago images/Abacapress
Das riesige Bauwerk „The Line“ soll 170 Kilometer lang werden. Foto: imago images/Abacapress
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Es sind ehrgeizige Baupläne, die der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman aktuell umsetzt. Doch an dem Riesenprojekt „The Line“ hängen nicht nur hunderte Milliarden Dollar, sondern auch die Zukunft des Prinzen.

Bagger und Bulldozer fressen sich in der Einöde im Nordwesten Saudi-Arabiens durch den Wüstensand, eine endlose Kette von Lastwagen transportiert das ausgehobene Erdreich ab. Tausende Arbeiter, Ingenieure und Architekten bauen in der Wüste am spektakulärsten Gebäude der Welt, wie Drohnenaufnahmen zeigen: Das 500 Meter hohe Doppel-Hochhaus „The Line“ soll sich schnurgerade 170 Kilometer von der Küste des Roten Meeres nach Osten ins Landesinnere erstrecken. Neun Millionen Menschen sollen eines Tages in der Stadt leben. Als „zivilisatorische Revolution“ preist die saudische Regierung das Projekt an. Doch nun wachsen Zweifel, ob das riesige Gebäude jemals fertig wird.

„The Line“ ist der Kern der Zukunftsstadt Neom, mit der Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman das Königreich vom Öl-Staat zu einem Hightech-Land umbauen will. Der 38-jährige Prinz, genannt MBS, ist überzeugt, dass die Monarchie nur eine Zukunft hat, wenn sie sich bald von Öl und Gas verabschiedet.

Deshalb schiebt der Prinz, der als designierter Nachfolger des 87-jährigen König Salman schon jetzt der starke Mann in Saudi-Arabien ist, ein Modernisierungsprojekt nach dem anderen an. Das Geld dafür kommt aus dem staatlichen Investitionsfonds, der dank reicher Öleinnahmen des Landes mit mehr als 600 Milliarden Dollar prall gefüllt ist.

Für „The Line“ hat sich MBS nichts weniger als eine Revolution des urbanen Lebens im 21. Jahrhundert vorgenommen. Im eigenen Land begeistert der Thronfolger mit solchen Hightech-Projekten viele junge Leute, deren Unterstützung er für seine Pläne zum Umbau des Staats braucht. Im Ausland wirkt der Ehrgeiz des Prinzen auf manche Beobachter eher arrogant als mitreißend: Mohammed bin Salman glaube offenbar, dass sich selbst die Natur seinem Wort beugen werde, spottete die „New York Times“.

„The Line“ soll aus zwei 500 Meter hohen und 170 Kilometer langen Hochhäusern bestehen, die nach außen verspiegelt sind und in einem Abstand von 200 Meter parallel nebeneinanderstehen. Der Zwischenraum soll trotz des saudischen Wüstenklimas ein „optimales Gleichgewicht von Sonnenlicht, Schatten und natürlicher Belüftung“ haben, wie es auf der Neom-Internetseite der saudischen Regierung heißt. Vertikale Gärten sollen Nahrungsmittel für die Bewohner liefern; die Energie für die Mega-Stadt kommt laut Plan komplett aus erneuerbaren Quellen: „The Line“ soll klimaneutral sein.

Straßen oder Autos gibt es nicht. Höchstens fünf Minuten sollen die Bewohner zu Schulen, Restaurants, Parks oder Supermärkten gehen müssen. Unter der Stadt soll eine superschnelle U-Bahn bereitstehen, mit der die Bewohner von „The Line“ in maximal 20 Minuten die 170 Kilometer von einem Ende zum anderen fahren können. Das Projekt wird nach saudischen Angaben bis zu 200 Milliarden Dollar kosten.

Nach dem ursprünglichen Plan sollen die ersten Bewohner schon im kommenden Jahr in Teilen von „The Line“ einziehen, doch dieser Termin erscheint inzwischen unwahrscheinlich. Berichte saudischer Regierungsmedien legen nahe, dass die Behörden das Jahr 2030 für den Einzug der ersten Bewohner anpeilen. Unabhängige Angaben über den Fortschritt der Bauarbeiten gibt es nicht, weil „The Line“ von den saudischen Behörden als Geheimprojekt vorangetrieben wird; die Drohnenaufnahmen von der Baustelle wurden mit Genehmigung der Neom-Verwaltung veröffentlicht.

Selbst einige der namhaften Architekten, die MBS für „The Line“ gewinnen konnte, sind skeptisch. Der Brite Peter Cook sagte bei einer Neom-Ausstellung in Venedig in diesem Frühjahr, ihn fasziniere die „wunderbare Absurdität“ von „The Line“. Die geplante Höhe von 500 Metern für das Doppel-Hochhaus sei allerdings „ein wenig dumm und unvernünftig“. Er selbst halte eine Höhe von 150 bis 200 Metern für besser. Cook sagte voraus, dass „The Line“ am Ende nicht höher als 50 Meter sein werde. Das wäre nur ein Zehntel der ursprünglich angepeilten Höhe und würde bedeuten, dass „The Line“ viel weniger Einwohner hätte als vorgesehen.

Kritik gibt es auch am Anspruch der Umweltverträglichkeit des Projekts. Mitten in der Wüste sollen Neom und „The Line“ Trinkwasser für Millionen Menschen bereitstellen, doch selbst moderne Methoden wie Meerwasserentsalzung sind umstritten, weil dabei schädliche Salzlake zurückbleibt. „Wie man hört, wird die Lake mit Baggern einfach in die Wüste gebracht“, sagt Tobias Zumbrägel, Experte an der Universität Heidelberg für Klimapolitik und Umweltschutz in der arabischen Welt. „Das wäre dann keine wirklich nachhaltige Lösung“, sagte Zumbrägel.

Trotz der vielen Probleme dürfte Saudi-Arabien am Traum von „The Line“ festhalten, auch wenn Abstriche gemacht werden müssen. Es gebe viele Zweifler an Projekten in seinem Land, räumte Kronprinz Mohammed bin Salman im Fernsehsender Discovery ein. „Wir werden sie eines Besseren belehren.“ MBS investiert nicht nur viel Geld, sondern auch viel politisches Kapital in die futuristische Mega-Stadt: Wenn „The Line“ scheitert, scheitert auch der Prinz.

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