Berlin Tochter im Iran hingerichtet: Mutter schildert ihren Leidensweg
Vor neun Jahren wurde Shole Pakravans Tochter Reyhaneh im Iran hingerichtet. Einen Deal, der ihre Leben hätte retten können, lehnte sie ab. Im Interview spricht die Mutter über das Grauen der iranischen Justiz und über Reyhanehs enormen Mut.
2014 wurde die iranische Studentin Reyhaneh Jabbardi hingerichtet. Sieben Jahre vorher hatte sie einen Mann erstochen: Morteza Sarbandi. Wie sie es berichtete: in Notwehr. Der Mann hatte die junge Frau demnach unter einem Vorwand in eine Wohnung gelockt und zu vergewaltigen versucht. Am Ende eines international kritisierten Verfahrens wurde Reyhaneh zum Tode verurteilt und gehängt. Auf eine Begnadigung verzichtete sie wegen der Bedingung: Sie hätte den Vergewaltigungsvorwurf widerrufen müssen.
Im Interview spricht ihre Mutter Shole Pakravan, die inzwischen nach Deutschland geflohen ist, über den verlorenen Kampf um Reyhanehs Leben. Neben ihr sitzt die Regisseurin Steffi Niederzoll, die den Fall im Film „Sieben Winter in Teheran“ nachzeichnet. (Kinostart 14. September.) Hin und wieder lässt Pakravan ihren Bericht von Niederzoll ergänzen.
Frage: Frau Pakravan, wie haben Sie erfahren, dass Ihre Tochter – offenbar in Notwehr – einen Mann getötet hat?
Antwort: Aus der Zeitung. Als Reyhaneh an dem Tag nach Hause kam, hat sie von einem Verkehrsunfall gesprochen. Auch die Polizei hat uns zuerst im Unklaren gelassen. Dass sie in Sarbandis Appartement war, dass sie ihn niedergestochen hatte – das alles haben wir uns in den nächsten Tagen aus Zeitungsberichten zusammengereimt. Mit ihr selbst durften wir erst 58 Tage nach der Verhaftung sprechen.
Frage: Wie haben Sie reagiert?
Antwort: Damals haben wir jeden Glauben verloren – an uns und auch an Reyhaneh. Wir hatten dem iranischen System vertraut. Man sagte uns, Reyhaneh sei eine Partisanin gewesen. Sie sei an der Waffe ausgebildet worden. Irgendwann wurde ich skeptisch: Wann soll das alles gewesen sein? Sie war an der Uni; mein Mann hatte sie immer abgeholt. Als wir endlich mit Reyhaneh sprechen konnten, wurde klar: Die Behörden lügen.
Frage: Wie sah der juristische Kampf aus? Haben Sie einen Anwalt genommen?
Antwort: Sechs, sieben Monate lang hat der Ermittler uns die Akteneinsicht verweigert. Wir mussten einen Anwalt mit Verwandten im Polizeiapparat bestechen, dass er die Polizeiberichte einsieht und für uns zusammenfasst. Aus den Akten ging hervor, dass Sarbandi Geheimdienstler war. Das machte es schwer, einen Verteidiger zu gewinnen. Alle hatten Angst. Am Ende haben wir einen Spezialisten für Jugendstrafrecht gefunden, der sonst Kinder gegen drohende Todesurteile verteidigt.
Niederzoll ergänzt, dass viele Indizien für die Angeklagte sprachen: Am Tatort wurden Kondome gefunden, auf dem Sofa war ein Bettlaken ausgelegt, in Reyhanehs Saftglas wurde ein Beruhigungsmittel gefunden. Spuren an der Tür belegten, dass Reyhaneh sie von innen mit Gewalt zu öffnen versucht hatte. Nach dem Kampf hatte Reyhaneh sofort einen Krankenwagen gerufen. Laut Amnesty International ist der Iran nach China das Land mit den weltweit meisten Hinrichtungen; 2022 wurden hier mindestens 576 Todesurteile vollstreckt.
Frage: Wie erinnern Sie den Prozess?
Antwort: Anfangs waren wir hoffnungsvoll. Der erste Richter hinterfragte das Bild, das die Sarbandis von ihrem Vater zeichneten. Er wollte weitere Ermittlungen – und wurde ersetzt. Während der erste Richter ausgebildeter Jurist war, kam nun ein Religionsgelehrter aus dem Umfeld der Revolutionsgarde, einer wichtigen Stütze des Regimes. Er hatte die Scharia studiert, nicht Jura. Nach kurzer Zeit stand fest, dass es keine Gerechtigkeit geben wird.
Frage: Was haben Sie gemacht, nachdem das Todesurteil gefallen ist?
Antwort: Wir haben Bestechungsgelder bezahlt, damit Reyhanehs Vollstreckungsbefehl in der Schublade ganz unten bleibt. Wir haben Zeit gekauft. In der haben wir Vermittler zu Sarbandis Familie geschickt, damit sie Reyhanehs Leben verschont.
Das iranische Vergeltungsrecht, die Qisās, erlaubt es den Angehörigen eines Mordopfers, den Täter zu begnadigen. Falls sie auf einer Hinrichtung bestehen, müssen sie den Tötungsmechanismus selbst auslösen. Im Fall von Reyhaneh lag dieses Recht bei Jalal Sarbandi, dem ältesten Sohn des mutmaßlichen Vergewaltigers. Laut Niederzoll bestätigte ein iranischer Beamter, dass Sarbandi die junge Frau eigenhändig hingerichtet hat.
Frage: Wie haben Sie über das Leben Ihrer Tochter verhandelt?
Antwort: Wir hatten nicht mal die Kontaktdaten der Sarbandis. Es gibt in dem Prozess nur ein offizielles Friedenstreffen. Mein Cousin ist den Sarbandis danach gefolgt, um an die Adresse zu kommen. In der Regel spricht man dann über Geld und es wird gefeilscht wie auf dem Basar. Unser Problem war: Die Sarbandis sind reich und brauchen kein Geld. Ich habe einen Mullah vorgeschickt, der der Familie nahestand. Wir haben auch Prominente angesprochen, die sich für Reyhaneh eingesetzt haben. Erst spät hatte ich mit Jalal auch direkten Kontakt.
Der Trailer zu „Sieben Winter in Teheran“:
Frage: Sie mussten auch mit Reyhaneh ringen, die ihr Leben hätte retten können – wenn sie den Vorwurf der Vergewaltigung zurückgenommen hätte. Was haben Sie ihr gesagt?
Antwort: Ich habe gebettelt. Ich habe sie angeschrien. Tausendmal. Schreib den Brief. Tu es für mich. Ich habe sie emotional unter Druck gesetzt. In Farsi gibt es eine Redewendung: Jeder steht in der Schuld der Frau, deren Muttermilch er getrunken hat. Also habe ich Reyhaneh mit meinem Milchrecht konfrontiert. Bei meiner Milch: Schreib diesen Brief. Das ist das Drastischste, was man sagen kann, ein letztes Argument, das jede Diskussion beendet. Sie hat es nicht getan.
Frage: Was haben Reyhanehs Schwestern Shahrzad und Sharare und ihr Vater Fereydoon zu ihr gesagt?
Antwort: Ich erinnere mich, dass auch Shahrzad mit Reyhaneh gestritten hat: Schreib den Brief; sonst ist unser Leben zerstört. Nur Fereydoon hat ihren Entschluss von Anfang an akzeptiert. Er hat sie nicht mehr als Kind gesehen. Sie ist jetzt weiter als wir, hat er gesagt; sie weiß mehr. Damals habe ich geantwortet: Ferey, was redest du? Ich habe nicht akzeptiert, dass sie sterben könnte. Ich habe es auch nicht für möglich gehalten und Druck gemacht.
Frage: In der Haft wurde Reyhaneh zur Stütze für ihre Mitinsassinnen und zur Symbolfigur für den iranischen Feminismus. Woher hat sie ihre Stärke genommen?
Antwort: Wenn man erlebt, wie über Nacht die Zellengenossin hingerichtet wird, verändert das die Bedeutung des Lebens. Bei unserem letzten Treffen hat Reyhaneh gesagt: Stellt euch vor, ich schreibe diesen Brief und werde 80 Jahre alt - was würden die Jahre bedeuten, wenn ich gelogen habe? Denkt nicht darüber nach, wie lange ich gelebt habe, sondern wie tief. Im Gefängnis hat Reyhaneh die Bedeutung der Zeit verstanden. Sie fand das Leben kurz. Es stimmt. Ich selbst bin bald 60 Jahre alt; aber wenn ich an meine Vergangenheit denke, war es ein Augenblick.
Frage: Was ging damals in Reyhaneh vor?
Antwort: Sieben Jahre lang hat Reyhaneh in der Haft Erfahrungen gemacht, die uns verschlossen bleiben. Für meine anderen Töchter dreht sich das Leben in Deutschland heute um die Wohnung, ums Geld, um den Partner. Für Reyhaneh ging es um etwas anderes. Ich glaube nicht, dass sie über ihre Stärke nachgedacht hat. Sie dachte einfach nur, dass es getan werden muss. Dass über Vergewaltigungen gesprochen werden muss. Gerechtigkeit ist wichtiger als Essen. Wahrheit ist wichtiger als das Leben.
Frage: Wie haben Sie die Verhandlungen mit Jalal Sarbandi erlebt, dem Sohn des mutmaßlichen Vergewaltigers?
Antwort: Es ging Jalal um Ehre. Also habe ich ihm gesagt: Ich begreife, dass du deine Ehre verloren hast. Aber Reyhaneh kann sie dir wiedergeben – auch wenn sie den Brief nicht schreiben will. Wenn du sie begnadigst, verspreche ich dir eine Versammlung von Irans berühmtesten Künstlern, mitten in Teheran. Die größten Stars werden dich und deine Familie auf die Bühne holen und euch applaudieren. Wir waren wie Wasser und sind in die kleinste Lücke vorgestoßen. Er hat sich auf nichts eingelassen.
Tatsächlich, erklärt Niederzoll, wurde eine solche Künstler-Gala schon vorbereitet. Außerdem wollte Shole Pakravan eine „Sarbandi-Hilfsorganisation“ gründen, die für Menschen in der Todeszelle eintreten sollte.
Frage: Reyhaneh wurde am 25. Oktober 2014 hingerichtet. Die Doku zeigt die Minuten, in denen Sie vor dem Gefängnis noch auf eine Begnadigung in letzter Minute hoffen. Ausgerechnet in diesem Moment sprechen Sie über Ihre Liebe zu Jalal. Wieso Liebe?
Antwort: Jalal hat mir einmal gesagt: Du darfst mich erst um Vergebung bitten, wenn du mich so liebst wie Reyhaneh. Vor dem Gefängnis war mein Körper dann wie in Flammen und mein Hirn war gefroren. Plötzlich hatte ich das Gefühl: Reyhaneh ist etwas passiert. Alle haben mich beruhigt und getröstet und gefragt: Was würdest du sagen, wenn Jalal jetzt mit Reyhaneh aus dem Gefängnis kommt? Dann, habe ich gesagt, würde ich ihn meinen Sohn nennen - weil er mir alles gegeben hätte.
Frage: Wie war Ihre Beziehung zu dem Menschen, der das Leben Ihrer Tochter in der Hand hatte?
Antwort: Es entwickelte sich eine Art von Freundschaft, in der er mich beeinflussen wollte und ich ihn. Manchmal wollte Jalal mitten in der Nacht mit mir chatten. Meine Familie hat mich damit aufgezogen: Ob ich schon wieder mit meinem Freund spreche? Ich war immer zur Stelle.
Frage: Was für Nachrichten haben Sie ausgetauscht?
Antwort: Er sagte: Gib du mir meinen Vater wieder, dann gebe ich dir deine Tochter wieder – vorher bitte mich um nichts. Ich sagte: Gut, ich bitte dich nichts. Aber denk nach: Wie willst du weiterleben, wenn du einen Menschen tötest? Dann habe ich mit Menschen gesprochen, die in seiner Situation waren. Mit einer Frau, die wie er das Recht gehabt hatte, einen zum Tode Verurteilten zu begnadigen. Diese Frau wollte den Mann sterben sehen – bis er als letzten Wunsch um eine Flöte gebeten hat. Als sie ihn spielen hörte, konnte sie ihn nicht mehr töten. Ich habe auch einen Angehörigen gefunden, der auf einer Hinrichtung bestanden hatte. Geh und frag ihn, wie er sich heute fühlt, habe ich zu Jalal gesagt. Dann entscheide.
Frage: Was hat er geantwortet?
Antwort: Mal waren seine Antworten ausweichend, mal hat er gar nicht reagiert.
Auch die iranische Justiz, erklärt Niederzoll, wollte den entlastenden Brief erzwingen. Reyhaneh wurde demnach tagelang zum Stehen gezwungen. Shole Pakravan berichtet auch, dass ihre Tochter manipulativen Gesprächen mit Psychologen ausgesetzt war. Reyhanehs Fall erregte internationale Aufmerksamkeit; das Regime war vor der Hinrichtung mit Protesten seitens der UNO, des US-Außenministeriums und des EU-Parlaments konfrontiert.
Frage: Kann man es so paradox formulieren: Hat der Iran Reyhaneh gefoltert – um sie nicht töten zu müssen?
Antwort: Ich habe zumindest geglaubt, dass der Brief sie gerettet hätte. Andere vermuten, dass das Regime nur Sarbandis Namen reinwaschen wollten und die Hinrichtung trotzdem durchgeführt hätte. Sehen Sie sich den aktuellen Aufstand im Iran an; auch heute werden Angeklagte hingerichtet, trotz erzwungener Geständnisse. Reyhaneh hat uns damals vor eventuellen Geständnissen oder Abschiedsbriefen gewarnt, die nur mit ihrem Fingerabdruck gezeichnet sind. Fingerabdrücke kann man auch von einer Leiche nehmen.
Frage: Wie sah Ihr eigenes Leben in den Jahren der Haft aus?
Antwort: Sieben Jahre lang habe ich meinen Urlaub auf die Besuchstage gelegt. Shahrzad und Sharare haben die Schule geschwänzt und später die Uni-Kurse so gelegt, dass sie Reyhaneh besuchen konnten.
Frage: Ihr Mann unterstützte Reyhanehs Entscheidung, sie nicht. Sie haben die Öffentlichkeit gesucht, er hielt das für gefährlich. Wie hat Ihre Ehe das überstanden?
Antwort: Ich bin damals nur dem Mutterinstinkt gefolgt. Ich war wie eine Löwin oder ein Orang-Utan, der seine Kinder schützt. Ich war wild. Und vielleicht hatte Ferey Angst vor mir. Seine Perspektive war weiter. Er hat auch mich und unsere anderen Töchter gesehen. Ich kannte nichts außer Reyhaneh. Selbst nach ihrem Tod habe ich nur an sie gedacht. Damals hat Ferey sich hingelegt und unsere Töchter in seine Arme geholt. Sie haben zusammen geweint. Mir hat das gar nichts bedeutet. Ich habe Gott angefleht, mich sterben zu lassen und nicht ansatzweise an meine lebenden Töchter gedacht.
Frage: Haben Sie später darüber gesprochen?
Antwort: Shahrzad sagt, dass sie mich nicht mehr lieben konnte und mich nicht mehr als Mutter erkannt hat. Es stimmt. Ich war nicht mehr ich selbst. Heute stehen wir uns wieder sehr nah.
Frage: Ihr Mann durfte als einziger aus der Familie das Land nicht verlassen. Wird er unter Druck gesetzt? Gefährdet der Film oder sogar unser Interview ihn?
Antwort: Zum Glück nicht. Bevor der Film auf der Berlinale lief, wurde er befragt, wann immer ich mich in den sozialen Netzwerken geäußert habe. Mit der Premiere hat sich das geändert. Die Aufmerksamkeit, die der Film mit sich bringt, schützt ihn eher.
Frage: Was sie im Iran auch zurücklassen mussten, ist das Grab von Reyhaneh. Vermissen Sie es?
Antwort: Reyhaneh ist im Süden von Teheran begraben und in den ersten Monaten nach ihrem Tod waren Fereydoon und ich täglich dort. Als ich nach Deutschland kam, habe ich Blumen in eine Box gestellt und mir vorgestellt, das wäre ihr Grab. Alle drei Tage habe ich eine Kerze angezündet. Später habe ich eine Frau getroffen, die in derselben Situation war wie ich. Sie hat mir gesagt: Wenn wir jetzt über meinen Sohn sprechen, dann ist er wieder am Leben. Und eine Person, die lebt, braucht kein Grab.