Leerstand auf Marktplatz Erst Brauhaus, dann Markthalle und sogar ein Knusperhaus
Wie geht es weiter mit Aurichs Glaspalast? Zieht das Café Extrablatt ein? Vor mehr als 25 Jahren stand das Gebäude erstmals am Scheideweg.
Aurich - Die Schlagzeile „Brauhaus leergetrunken!“ sorgte am Montag, 13. Mai 1991 in den Ostfriesischen Nachrichten für Furore: „Was niemand für möglich gehalten hatte, war eingetreten: Viele durstige Väter am Himmelfahrtstag und eine Vielzahl trockener Kehlen am Freitag hatten es geschafft, das Brauhaus unter den Tisch zu trinken.“
Als Grund dafür geben die Betreiber Jürgen Garrels („Brems Garten“) und Günther Held („Waldhof Wiesens“) damals die zu geringen Kapazitäten der Ausschanktanks von insgesamt nur zehn Hektoliter an. Ein Tagesausschank von acht Hektolitern Bier an guten Tagen sei damals keine Seltenheit gewesen und davon habe es in den Anfangsjahren etliche gegeben.
Die glorreichen Zeiten sind längst Geschichte
Die glorreichen Zeiten sind längst vorbei und die Erinnerungen an das einstige Brauhaus fast verblasst. Der Glaspalast im Zentrum Aurichs hat in seiner mehr als drei Jahrzehnte andauernden Geschichte viele Gesichter gezeigt. Begonnen 1991 als Brauhaus, fristet er zwischenzeitlich als Leerstand ein unansehnliches Dasein. Mehr als 20 Jahre beherbergt er als Markthalle ein vielfältiges Angebot mit reichem Mittagstisch und wird in der Weihnachtszeit sogar zehn Jahre lang zu Deutschlands größtem Knusperhaus.
Wie das gläserne Bauwerk in der Mitte des Marktplatzes zukünftig aussehen wird, daran wird nach Aussagen von Stadtsprecher Johann Stromann hinter den Kulissen eifrig gearbeitet. Als heißester Kandidat für ein Engagement ist die Caféhauskette „Extrablatt“ im Gespräch, die an der Absicht arbeite, dort einen Standort zu eröffnen. Die ON berichteten mehrfach.
„Abenteuerliche Erfahrung“ mit dem Brauhaus
Erneut steht die Markthalle am Scheideweg. Diese Situation gibt es vor mehr als 25 Jahren erstmals, als die Zeit des Brauhauses endete. Für die goldenen Zeiten der Marktplatz-Kneipe steht Jürgen Garrels, der als Küchenchef, Hotelier und Wirt jahrzehntelang die Auricher Gastronomie-Szene prägt. Im Gespräch mit den ON erinnert er sich lebhaft an das Brauhaus, spricht von einer „abenteuerlichen Erfahrung“ und davon, dass die ersten zwei Jahre „echt super“ gewesen seien.
„Wir dachten uns: Ein Brauhaus mitten auf dem Marktplatz, was soll da schon schief gehen“, erinnert sich Garrels daran, dass damals ein echter Brauhaus-Trend in Deutschland geherrscht habe. Beim Blick auf die alten Bilder zeigt sich der Auricher immer noch begeistert. „Das war ein richtiges Highlight für Aurich.“, erzählt er weiter. „Es hat eine große Lust darauf in der Bevölkerung geherrscht.“
Brauerei war etwas fürs Auge, aber nicht für den Geschmack
Allerdings ist auch die erfolgreiche Anfangszeit nicht frei von Problemen. „Strukturell hat es in der Markthalle einfach nicht gepasst“, berichtet der Auricher von fehlendem Platz, um eine typische Brauhaus-Küche anbieten zu können. Auch habe die Brauerei nicht den notwendigen Anforderungen entsprochen. „Die war etwas für das Auge, aber nicht für den Geschmack“, erinnert er sich an Zeiten, in denen das selbst gebraute Bier geschmacklich nicht passt.
In dieser Zeit macht auch der von den ON geschaffene Begriff der „Auricher Maracujabrause“ die Runde. Solange das Bier von der Prinz-Luitpold-Brauerei aus Bayern kommt, läuft der Betrieb. „Das Bier schmeckte den Aurichern“, erklärt Garrels weiter. „Wenn wir dann selber brauten, war der Geschmack wieder anders. Da wurden die Leute langsam misstrauisch.“
Trotz aller Begeisterung, die in der Auricher Bevölkerung für das Brauhaus geherrscht hat, lässt sich der Niedergang nicht verhindern. „Es ging langsam bergab“, spricht der Gastronom davon, dass für ihn und Kompagnon Günther Held das Kapitel im Oktober 1994 bereits beendet ist. „Das Brauhaus war dann passé.“ Auch wenn mit einem weiteren Betreiber noch einmal versucht wird, das Steuer herumzureißen, das Ende der Marktplatz-Kneipe ist besiegelt.
„Maracujabrause“ schmeckt nicht
Der Weg von der Gastronomie zur späteren Markthalle
Die 1990 errichtete und aus viel Glas bestehende Markthalle beherbergt ursprünglich im Mittelschiff des damals filigran wirkenden Baukörpers das „Brauhaus Aurich“. In den Anfangsjahren ist das Brauhaus ein echter Renner in der Kneipen- und Gastronomieszene der Kreisstadt. Mit dem aus Bayern stammenden Bier treffen die Betreiber im wahrsten Wortsinn den Geschmack der Auricher. Stammt der Gerstensaft jedoch aus dem eigenen Braubetrieb, dreht sich das Blatt. Geschmacklich kommt das Bier nicht uneingeschränkt an und so macht sich der von den ON geschaffene Begriff der „Auricher Maracujabrause“ in der Bevölkerung breit. Mitte der 1990er Jahre stellt das Brauhaus seinen Betrieb ein, und der Mittelpunkt des Marktplatzes wird schnell zu einem unansehnlichen Leerstand, der zeitweise sogar von Bauzäunen abgesperrt wird.
Das ruft die Auricher Kaufleute auf den Plan, die vom damaligen Bürgermeister Werner Stöhr (SPD) Abhilfe verlangen. Die Lösung findet sich Ende der 1990er Jahre in der frisch gegründeten Markthallenbetreibergesellschaft, die umgerechnet 1,3 Millionen Euro in das Gebäude investiert. In einem damals mit der Stadt Aurich geschlossenem Betreibervertrag wird der Gesellschaft ein jährlicher „Zuschuss“ von 80.000 Euro gewährt, der im Prinzip als Darlehensrückzahlung zu bezeichnen ist. Dieser Vertrag ist Ende März 2018 ausgelaufen.