Lancaster Unter Nudisten, Waffenfans und Staatsfeinden: Festival der rechten Anarchisten in den USA
Amerikanische Libertäre wollen in New Hampshire einen eigenen Staat gründen. Jedes Jahr treffen sich dort Tausende am Porcupine Freedom Festival, um ihr Projekt voranzutreiben und ihr Verständnis von Freiheit zu zelebrieren.
Am Porcupine Freedom Festival in Lancaster bringt ein Schild im Rasen das Credo der Libertären auf kurze Formeln: „Steuern = Diebstahl“, „Staat = organisiertes Verbrechen“, „Massenmedien = Propaganda“, „Waffengesetze = Übergriff“, „Krieg = böse“. Das Festival ist der jährliche Treffpunkt der Libertären. Hier feiert eine bunte Mischung aus Freiheitsliebenden den Sieg über den Staat, der zumindest in dieser ländlichen Ecke im Nordosten der USA ihrer Meinung nach kurz bevorsteht.
Libertäre sind eine Art „rechtsliberale Anarchisten“, die sich gelegentlich auch Anarchokapitalisten nennen und vor allem in den USA verbreitet sind. Die Libertarian Party ist dort nach den Demokraten und den Republikanern die drittgrößte Partei. Die Libertären wollen den Staat und die Steuern auf das Minimum reduzieren oder ganz abschaffen, öffentliche Institutionen privatisieren und ein Maximum an Freiheit zulassen. Prominente Befürworter dieser Ideen sind zum Beispiel der Paypal-Mitbegründer Peter Thiel oder der frühere Abgeordnete Ron Paul und sein Sohn, der Senator Rand Paul.
Die Libertären berufen sich auf die Philosophie John Lockes, nach der Eigentum auf Arbeit beruhen soll. Solches rechtmäßiges Eigentum, wozu auch das Eigentum am eigenen Selbst gehört, gilt es zu schützen; jeder staatliche Ein- und Zugriff wird als Übergriff, ja Diebstahl betrachtet. Ein weiterer Leuchtturm ist der österreichische Ökonom Ludwig von Mises – insbesondere sein Postulat, dass eine Verpflichtung immer nur aus einer freien Willensübereinkunft von Individuen resultieren könne. Ein dritter Säulenheiliger ist der Amerikaner Murray Rothbard, der zwar in vielerlei Hinsicht konservativ eingestellt war, dessen „Antipaternalismus“ ihn jedoch zum Gegner von Wehr- und Schulpflicht, aber zum Befürworter von Abtreibung und Prostitution machte. Generell ist der amerikanische Libertarismus gerade deshalb so virulent, weil er quer zu den verhärteten ideologischen Fronten im Land steht.
Im Jahr 2001 riefen Libertäre in den USA das Free State Project ins Leben. Als Ort für die Umsetzung ihrer Utopie wählten sie New Hampshire, wegen seiner Berge, Seen und seiner Freiheitsliebe auch Switzerland of America genannt. Der kleine Gliedstaat im Nordosten der USA mit seinem Motto „Live Free or Die“ („Lebe frei oder sterbe“) komme ihrem radikalliberalen Ideal am nächsten, befanden sie. So ist New Hampshire beispielsweise der einzige Gliedstaat, der keine Gurtpflicht kennt.
Die „Free Staters“ erklärten 2001, dass 20.000 Gleichgesinnte aus ganz Amerika dorthin ziehen sollten, um das Eldorado der Freiheit aufzubauen. Inzwischen sind dem Aufruf nach Aussagen der Organisatoren etwa 6000 Leute gefolgt, hinzu kommen die Anhänger, die bereits seit langem in New Hampshire leben.
25 Abgeordnete im 400-köpfigen Repräsentantenhaus von New Hampshire sind erklärtermaßen Libertäre, aber sehr viele mehr sind inoffiziell mit der Bewegung verbunden. So viele, dass die „Free Staters“ laut dem „Boston Globe“ inzwischen de facto die dortige Republikanische Partei beherrschen, die über eine Mehrheit im Repräsentantenhaus verfügt. Noch beunruhigender für viele Gegner der Libertären ist allerdings, dass diese mehr und mehr Posten in kleinen Orten übernehmen, wo es jeweils nur wenige Kandidaten für öffentliche Ämter und wenig Wähler gibt.
So sorgte die Gemeinde Croydon mit ihren lediglich 800 Einwohnern vor einem Jahr für Schlagzeilen. Nachdem es einer Free-State-Anhängerin gelungen war, Präsidentin der Schulbehörde zu werden, versuchten sie und ihr Mann, das Schulbudget um die Hälfte zu kürzen. Sie fanden, Fächer wie Sport oder Musik seien nicht nötig und überhaupt könnten die Kinder ja in Privatschulen wechseln oder die Lehrmittel aus dem Internet beziehen. Die Bewohner waren schockiert, und es gelang ihnen, den Entscheid in einer Abstimmung rückgängig zu machen. Ein großer Artikel über den versuchten „lokalen Putsch“ in der „New York Times“ sorgte für nationale Aufmerksamkeit für die „Free Staters“, von denen viele Amerikaner auch in New Hampshire bisher noch gar nie gehört hatten.
Doch die Ambitionen der Libertären gehen weit über die Lokalpolitik hinaus. Sie wollen, dass der Gliedstaat New Hampshire sich von den USA abspaltet und ein unabhängiger Staat wird. Letztes Jahr versuchte ein Abgeordneter in New Hampshire ein Gesetz einzubringen, das die legalen Voraussetzungen für eine Sezession geschaffen hätte. Er kam damit nicht durch, aber die Anstrengungen gehen weiter.
Seit 2004 findet in New Hampshire jährlich das Porcupine Freedom Festival, kurz Porc-Fest, statt. Porcupine, also das Stachelschwein, ist das Wappentier der Libertären. Das große Treffen in der Kleinstadt Lancaster wird als „Woodstock für Rationale“ angepriesen. Diesen Sommer fanden so viele wie noch nie den Weg zu Roger’s Campground, wo das Treffen jeweils stattfindet – nämlich 4000. Die meisten reisten mit ihrem Wohnmobil an, was gut passt zu den Autonomieträumen der Libertären.
Überwältigend beim Porc-Fest ist die wilde Mischung. Es gibt Stände, wo man sich mit Bitcoins vertraut machen kann, andere verkaufen die alternative Währung Goldback mit 24-Karat-Gold drin. Es gibt Vertreter von Grundstück- und Immobilienfirmen für Einwanderungswillige. In mehreren Zelten kann man Cannabis, psychedelische Pilze und Ayahuasca kaufen oder auch gleich, umgeben von Batiktüchern und meditativer Musik, unter kundiger Führung einnehmen.
Es gibt vegane Imbissbuden und eine Sauna, aber auch einen Stand mit Blasrohren, Steinschleudern und Klappmessern. Sogar eine kleine Kirche wurde errichtet, mit dem biblischen Motto „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“. Ein Riesenskelett wirbt für einen „Schießstand für die ganze Familie“ („Super fun family friendly shoots“). Sogar eine Anlaufstelle für assistierten Suizid gibt es, natürlich unter dem Motto „frei sterben“.
New Hampshire hat eine der lockersten Waffenregelungen der USA. Das offene Tragen einer geladenen Handfeuerwaffe ist ohne Lizenz erlaubt. Tatsächlich sieht man viele Festivalbesucher mit einer Pistole am Gurt herumgehen. An verschiedenen Ständen werden Holster verkauft. Sogar ein Jeep mit einem aufgebockten Gewehr fährt herum, als befände man sich in Mogadiscio. Das Recht auf die Waffe ist ein wichtiger Teil des libertären Freiheitsverständnisses.
Ein anderer auffälliger Aspekt ist die Impfskepsis. So meint einer der Teilnehmer: „Oh, Sie kommen aus der Schweiz? Einem der gefährlichsten Länder der Welt?“ Zu dieser ungewöhnlichen Einschätzung kommt er, weil die Stiftung „Gavi, die Impfallianz“, an der auch Bill Gates beteiligt ist, ihren Sitz in Genf hat.
Für viele Libertäre waren die Covid-Impfungen und generell die Pandemiemaßnahmen nichts als Versuche eines tollwütigen Staates, die Menschen zu kontrollieren und zu unterdrücken. Deshalb wurde Robert Kennedy, der sich für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr bewirbt, als Redner ans Porc-Fest eingeladen, obwohl er nicht libertär ist. Aber er ist ein Impfgegner und hasst Anthony Fauci, den maßgeblichen Berater von Donald Trump und Joe Biden in Covid-19-Fragen – das reicht.
Naheliegender war der Auftritt von Vivek Ramaswamy, ebenfalls Anwärter auf die Präsidentschaftswahl. Der 37-jährige Unternehmer sieht sich zu 80 Prozent als Libertärer, und zwar seit seiner College-Zeit. Der Sohn indischer Einwanderer erachtet den „Wokeismus“ und die „Klimareligion“ als größte Gefahren für die Freiheit. Den „war on drugs“ betrachtet er als gescheitert, so wie er generell gegen Krieg eingestellt ist, sei es im Irak, in Afghanistan oder in der Ukraine.
Drogen würde er entkriminalisieren, allerdings versuchen, den chinesischen Nachschub der Bestandteile, aus denen Fentanyl hergestellt wird, zu stoppen, so wie er überhaupt das Reich der Mitte wirtschaftlich von den USA abkoppeln möchte. Als Vertreter des freien Handels tritt der Erzliberale also nicht auf. Allerdings würde er Julian Assange und Edward Snowden begnadigen. Auch die amerikanische Mitgliedschaft bei der Nato und der Uno hinterfragt er.
Das zentrale Motiv seiner Rede ist allerdings der „Deep State“. Seine Empörung über die „aufgeblähte Administration“ mit ihren „anmaßenden Bürokraten und Beamten“ ist grenzenlos. Für einen Europäer ist die Kombination von Positionen, nicht nur bei Ramaswamy, sondern überhaupt bei vielen Libertären, verwirrend. Sie sind, was Regierung, Zentralisierung und Steuern angeht, im klassischen Sinne liberal beziehungsweise rechts, treten also für einen schlanken Staat ein.
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Ihre tolerante Einstellung in gesellschaftlichen Fragen (Drogen, Sexualität) ist an sich ebenfalls liberal, wird in Europa jedoch eher links verortet, wie auch ihr Pazifismus und das Eintreten für freie Migration. Diese Mischung ist, abgesehen von den transatlantischen Unterschieden, allerdings auch Ausdruck davon, dass sich viele Libertäre als „jenseits der Parteienpolitik“ verorten oder sich überhaupt als „postpolitisch“ verstehen.
Das gilt auch für Carla Gericke. Die 52-Jährige ist Anwältin, Immobilienhändlerin, Autorin („The Ecstatic Pessimist“) und ehemalige Präsidentin des Free State Project. Sie zog im Jahr 2008 aus New Yorks Chinatown nach New Hampshire. Es gefällt ihr, dass man hier weder Einkommens- noch Vermögenssteuern zahlen muss und der Gliedstaat bloß 1,3 Millionen Einwohner hat. Die libertäre Philosophie fasst sie mit den Worten zusammen: „Tu niemandem weh, nimm niemandem etwas weg.“
Aufgewachsen ist Gericke in Südafrika. „Ich war schon immer eine Rebellin“, sagt sie. „Wenn du in einem repressiven Apartheidstaat aufwächst und ein bisschen aufgeweckt bist, beginnst du das Gegebene zwangsläufig infrage zu stellen.“ Diese skeptische Haltung bleibe, auch wenn man dann woanders sei. Aus Empörung über die Ungerechtigkeit sei sie Anwältin geworden. 1996 gewann sie in der Lotterie eine Green Card und kam in die USA.
Auf die vielen Bewaffneten am Porc-Fest angesprochen, sagt Gericke, die als Hobbys Yoga und Schießen angibt, es sei doch bemerkenswert, dass es in New Hampshire so viele Waffen gebe, aber am wenigsten Tötungen in ganz Amerika, nämlich 0,9 pro 100.000 Einwohner. Kalifornien mit den strengsten Waffengesetzen der USA verzeichnet 6,1 Tötungen pro 100.000.
Ist die libertäre Abneigung gegen Steuern letztlich nicht einfach egoistisch und asozial – die Ideologie von Reichen, die nur für sich selbst schauen? „Es ist doch eher das jetzige System, das ungerecht ist“, sagt sie. „Nur Wohlhabende können sich in den USA gute Bildung und Gesundheitsversorgung leisten, und die Polizei geht vor allem gegen Arme vor. Ist die gegenwärtige Schule noch zeitgemäß? Braucht es im Zeitalter von Internet noch Lehrer als Gatekeeper des Wissens, die den Willen der Schüler brechen und Gehorsam verlangen?“ Sie habe auch keine ideale Lösung, aber finde, man müsse über Alternativen zu den herrschenden Institutionen nachdenken, mehr Vielfalt und freien Markt mit Anreizen schaffen – also mit Diversität das Monopol der Bürokraten brechen.
2010 drohte ihr eine siebenjährige Gefängnisstrafe, weil sie einen Polizeibeamten filmte, der sie in ihrem Auto kontrollierte. Was heute dank Smartphones alltäglich ist, war damals noch ein Novum. Nach einem langen Marsch durch die Instanzen wurde sie schließlich in einem Prozess 2014 freigesprochen.
Gericke tritt generell für Dezentralisierung ein, und deshalb arbeitet sie auch auf die Sezession von New Hampshire hin: „Die USA werden auseinanderfallen wie das British Empire.“ Gericke, die lange durch Afrika und Asien trampte, ist eine erfrischend kreative, spontane, lebendige Frau, die einfach frei sein möchte. Jedes Dogma ist ihr fremd. Das Free State Project ist für sie ein Spielplatz, ein Experimentierfeld.
Viele andere befremden jedoch durch ihre fanatische oder freakige Art; sie erweisen dem Eintreten für Selbstverantwortung und gegen Bevormundung einen schlechten Dienst. Dazu gehört auch der verbreitete Umschlag des Freiheitlichen ins Autoritäre. Der 38-jährige Jeremy Kauffman zum Beispiel ist Tech-Unternehmer, der unter anderem das Blockchain-basierte Network LBRY zum Teilen von Dokumenten und Filmen lancierte; damit gehört er zu den auffällig vielen Libertären in der Internet- und Krypto-Szene. Letztes Jahr kandidierte er – erfolglos – für einen Senatssitz. Mit seiner eloquenten Art ist er allgegenwärtig an den Vorträgen und Podien am Porc-Fest.
Auf den ersten Blick wirkt er sympathisch, offen und intelligent; aber seit Jahren irritiert er mit Aussagen, die nicht zur propagierten Freiheitsliebe passen. Demokratie sieht Kauffman als eine sanfte Art von Kommunismus; Fauci und Politiker, die für Corona-Maßnahmen eintraten, möchte er nach Guantánamo schicken, und jüngst forderte er gar die Legalisierung der Kinderarbeit. Staatlich subventionierte öffentliche Schulen umschreibt er so: „Die Autoritären denken, es sei in Ordnung, jemanden auszurauben, um für das College seines Nachbarn zu bezahlen.“ Dabei ist sein eigener Tonfall ebenfalls autoritär: „Wir wollen niemanden hier, der unsere Positionen nicht übernimmt.“ Das Recht, Waffen mit dem 3D-Drucker herzustellen, ist ihm besonders wichtig.
Nichts irritiert am Porc-Fest so sehr wie die Mischung aus Hippietum und Waffenkult. Die typisch libertäre Kombination aus wilder Freiheitsliebe und Militanz kommt am letzten Abend besonders frappant zum Ausdruck, als im kleinen Nudistencamp eine Radical Expression Dance Party stattfindet. Die meisten sind nackt, auch ein langhaariger Blonder, der während des ganzen Festivals mit einer Pistole über das Gelände marschierte. Hier bei der Party hat er zwar alle Kleider ausgezogen, aber seine Waffe – wozu auch immer – baumelt beim Tanzen immer noch am Gurt.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.