Um Klage zu untermauern  Aktionsbündnis sucht Fälle fehlgeschlagener Notfallversorgung

| | 30.08.2023 07:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Patienten werden im ehemaligen Norder Krankenhaus – jetzt RGZ – nur noch zu eingeschränkten Zeiten behandelt. Foto: Rebecca Kresse
Patienten werden im ehemaligen Norder Krankenhaus – jetzt RGZ – nur noch zu eingeschränkten Zeiten behandelt. Foto: Rebecca Kresse
Artikel teilen:

Sie kämpfen weiter um den Erhalt des Norder Krankenhauses. Dafür hofft das Aktionsbündnis auf Hilfe aus der Bevölkerung. Die Trägergesellschaft spricht von einer „reißerischen Praxis“ des Bündnisses.

Norden - Das Aktionsbündnis zum Erhalt des Norder Krankenhauses sucht Fälle von fehlgeschlagener Notfallversorgung aus dem Altkreis Norden. Wie es in einer Pressemitteilung des Bündnisses heißt, soll damit die Klage gegen die Schließung der intensivmedizinischen Notfallversorgung untermauert werden. Das Bündnis hat ein entsprechendes Formular zur Meldung solcher Fälle auf seiner Internetseite hinterlegt. Die Trägergesellschaft der Kliniken wehrt sich gegen die Art und Weise, wie das Aktionsbündnis ihren Kampf führt. In einer Stellungnahme spricht die Unternehmenskommunikation von einer „reißerischen Praxis“, die der medizinischen Versorung in Ostfriesland schade.

Hintergrund: Seit 1. Juli 2023 ist die Ubbo-Emmius-Klinik in Norden offiziell kein Krankenhaus mehr. Die Klinik-Trägergesellschaft baut das Krankenhaus im Auftrag des Landkreises Aurich zu einem Regionalen Gesundheitszentrum (RGZ) ohne intensivmedizinische Notfallversorgung um. Der Rat der Stadt Norden hatte sich geschlossen dagegen ausgesprochen. Die Verwaltung sah aber keine Möglichkeit, gerichtlich gegen diese Entscheidung vorzugehen (wir berichteten). Anders das Aktionsbündnis: Gegen die Schließung der Intensivstation wird zurzeit mit Hilfe eines Klägers, der anonym bleiben möchte, geklagt. Dafür sucht das Aktionsbündnis jetzt aktuelle Erfahrungen mit der Notfallversorgung im Altkreis Norden. Es geht um Fälle, die wegen der fehlenden intensivmedizinischen Notfallstation im Krankenhaus Norden für betroffene Patienten „kritisch bis schlecht verlaufen sind“, heißt es vom Aktionsbündnis. Die Fälle sollen laut Mitteilung im laufenden Gerichtsverfahren als Nachweise eingebracht werden, dass in Norden ein Krankenhaus mit intensivmedizinischer Notfallversorgung gebraucht werde. Deshalb werden jetzt Ärzte, Patienten und Angehörige dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen auf der Internetseite des Aktionsbündnisses niederzuschreiben.

Aktionsbündnis bestreitet sichere Notversorgung für Bevölkerung

Wie berichtet, hat der Landkreis Aurich hat dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg auf dessen Anforderung hin vor Kurzem mitgeteilt, dass die gesundheitliche Notversorgung der Bevölkerung gesichert sei. Die Versorgungssituation soll sich trotz der fehlenden Intensivbetten in Norden nicht verschlechtert haben. Auch habe der Landkreis dem Bericht mitgeteilt, dass der Rettungsdienst und die Notfallstationen in den Krankenhäusern Aurich und Emden maßgeblich aufgestockt worden seien, teilte das Aktionsbündnis mit. Das Bündnis bestreitet, dass es eine gesicherte intensivmedizinische Notversorgung für die Norder Bevölkerung gibt. Durch die Schließung des Krankenhauses in Norden sei die Notfallversorgung der gesamten Region verschlechtert worden, heißt es in der Mitteilung.

Zur Untermauerung greift das Aktionsbündnis auf Zahlen zurück, die die Trägergesellschaft selbst veröffentlich hat. Demnach habe es im Jahr 2022 rund 13.000 Kontakte in der Notaufnahme des Krankenhauses Norden gegeben. Davon wurden nach Angaben der Trägergesellschaft 40 Prozent der Fälle stationär aufgenommen. Das sind nach Rechnung der Trägergesellschaft im Jahr 2022 also 5200 Notfälle mit einem stationären Bedarf. Hochgerechnet seien das bis zur geplanten Inbetriebnahme der Zentralklinik in fünf Jahren etwa 26.000 Notfälle in Norden. Anke Lohmann, Sprecherin des Bündnisses: „Wer übernimmt die Verantwortung für die Fälle mit schwerem Verlauf, die im RGZ nicht stabilisiert werden können oder die im Rettungswagen wegen gleichzeitig abgemeldeter Intensivstationen in Aurich und Emden weiter entfernte Kliniken nicht rechtzeitig erreichen können?“ Die Notfallversorgung im Landkreis Aurich sei schon längere Zeit unzureichend, so Lohmann. Das sei auch öffentlich nachgewiesen worden. Zuletzt hätten Mitarbeiter des Rettungsdienstes darauf aufmerksam gemacht, so Lohmann. Trotzdem stelle der Träger diesen Mangel nicht ab, so der Vorwurf. „Die Verantwortung wird den Ärzten aufgebürdet, die in der Not zur Triage gezwungen werden“, so Anke Lohmann.

Trägergesellschaft weist Behauptungen als unwahr zurück

Aus Sicht des Aktionsbündnisses habe die Schließung der Notfallstation im Krankenhaus Norden die Situation in der gesamten Region dramatisch verschärft. Nach Information des Aktionsbündnisses würden in den Krankenhäusern Aurich und Emden „die Mediziner wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen offenbar in Scharen kündigen“. Allein in Aurich soll es nach Informationen des Aktionsbündnisses in den letzten Monaten sieben Kündigungen von Medizinern gegeben haben, zudem schreibe das Personal auf der Intensivstation Überlastungsanzeigen, heißt es.

Auf Anfrage kann die Trägergesellschaft die aufgeführten Behauptungen aber nicht bestätigen. „Es ist nicht das erste Mal, dass im Zusammenhang mit den Maßnahmen an der UEK Norden unwahre Gerüchte als Fakten deklariert wurden“, heißt es von der Unternehmenskommunikation. Die Trägergesellschaft stelle sich entschieden gegen diese „reißerische Praxis, die perspektivisch der medizinischen Versorgung in Ostfriesland“ schade, so die Antwort der Trägergesellschaft.

Ähnliche Artikel