Lehrermangel  Rückkehr der Pensionäre in die Schulen als Lösung?

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 25.08.2023 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Immer wieder fallen Stunden aus, weil es in Niedersachsen nicht genug Lehrer gibt. Foto: DPA
Immer wieder fallen Stunden aus, weil es in Niedersachsen nicht genug Lehrer gibt. Foto: DPA
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In Niedersachsen fehlen Lehrer. Seit Jahren werden daher pensionierte Kräfte umworben. Es kehren aber nur wenige Lehrer in die Schule zurück. Auch in Aurich geschieht das selten – mit Ausnahmen.

Aurich - Seit gut einer Woche müssen die Kinder in Niedersachsen wieder in die Schule gehen. Dort treffen sie auf ein altes Problem: Es gibt zu wenig Lehrkräfte. Eine Lösung kann es sein, pensionierte Lehrkräfte zurück in die Klassenräume zu holen. In Deutschland bemühen sich mittlerweile 13 Bundesländer darum, ehemalige Lehrer zu reaktivieren. Darunter ist auch Niedersachsen. Das Land stellt hierfür die Gelder zur Verfügung, kontaktieren müssen die Schulen die Pensionäre jedoch selbst.

In der Hermann-Tempel-Schule IGS Ihlow scheint das allerdings nicht unbedingt als notwendig angesehen zu werden. Die stellvertretende Schulleiterin Martina Fecht sagt auf ON-Anfrage, die Schule stehe ganz gut da. Deswegen habe man auch noch nicht versucht, Kontakt zu ehemaligen Lehrern aufzunehmen.

Berufsschulen greifen schon lange auf Pensionäre zurück

Doch das ist nicht an jeder Schule so. Detlef Penske ist Schulleiter der Berufsbildenden Schulen II in Aurich. Er sagt, dort würden derzeit vier Kollegen arbeiten, die bereits pensioniert seien. Generell würden Berufsschulen schon seit Jahren auf ehemalige Kollegen zurückgreifen, um die Unterrichtsverpflichtungen erfüllen zu können.

Rüdiger Musolf, Schuleiter des Gymnasiums Ulricianum Aurich, geht das Thema relativ entspannt an. „Wir kommen über die Runden“, so Musolf auf ON-Anfrage. An seiner Schule herrsche zwar ein fächerbezogener Lehrkräftemangel. Im Vergleich zur Gesamtsituation stehe das Gymnasium aber gut da. „Besonders schwierig haben es die Grundschulen“, erklärt er. Um zu unterstützen, seien daher auch einige Lehrer des Auricher Gymnasiums an diese abgeordnet. Derzeit ist laut Musolf am Ulricianum nur ein pensionierter Lehrer angestellt. Die Lehrkraft wollte ursprünglich frühzeitig den Ruhestand genießen. Damit die Schüler jedoch weiter lernen können und kein Fach entfallen muss, ist er nahtlos einfach weiter dabei geblieben. Allerdings nicht als Vollzeitkraft, sondern als Vertretungslehrer.

Eltern könnten Kompetenz in Frage stellen

An sich sei das Rückholen von pensionierten Lehrern eine gute Idee. Aber es gebe auch Probleme. Ob ein vollwertiger Unterricht stattfinden könne, sei vom Gesundheitszustand und der Lust, noch weiter zu unterrichten, abhängig, so Musolf. Daher sei es auch nicht möglich, pauschal zu sagen, ob jemand bereits zu alt für den Beruf sei. Ebenso ist seiner Meinung nach ein großes Thema die Digitalisierung. „Die Digitalisierung geht immer schneller voran. Selbst aktive Lehrer haben da manchmal ihre Probleme“, erklärt der Schulleiter. Und doch ist er der Überzeugung: „Man kann sich da einarbeiten.“

Eine Auricher Lehrerin, die bereits seit neun Jahren die Pension genießt, empfindet den Einsatz pensionierter Lehrer als nicht sinnvoll. „Die Probleme werden nicht gelöst, sondern nur kaschiert“, erklärt die Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte. Themen wie die Digitalisierung seien ein großes Problem. Ebenso hätten sich Lehrpläne stark verändert und es gebe inzwischen andere pädagogische Konzepte. Zudem sieht sie ein Problem darin, dass von den Eltern die Kompetenz der älteren Lehrer in Frage gestellt werden könnte. Sie befürchtet, dass Eltern sogar gegen den Einsatz der Pensionäre klagen könnten. Dazu komme nachlassende körperliche Fitness und die Einschränkung der Freizeit durch einen Wiedereinstieg.

Beruf muss für junge Leute attraktiv werden

Der ehemalige Didaktische Leiter der IGS Aurich-West Volker Rudolph kann sich nicht vorstellen, wieder in den Schulbetrieb einzusteigen. Er unterrichtete in seiner aktiven Zeit Naturwissenschaften und Musik, heutzutage setzt er seine Prioritäten allerdings anders. Nach seiner Pension ist er als Mitglied des Auricher Stadtrates in die Kommunalpolitik eingestiegen und geht seinem Hobby Musik nach. Er kenne allerdings viele ehemalige Lehrer, die wieder für ein paar Stunden wöchentlich Unterricht geben und dies auch gerne täten.

Einer ähnlichen Meinung ist auch Alexander Wiebel. Früher unterrichtete er an der IGS Aurich, er ist seit einem Jahr pensioniert. Die Idee, im Ruhestand stehende Lehrer wieder zurückzuholen, sei „grundsätzlich nichts Schlechtes“, so der 64-Jährige. Sicher sei aber, dass nur Teilzeitstellen in Betracht kämen. Er selbst würde aus gesundheitlichen Gründen aber nicht zurückkehren wollen.

Klaus Reisgies ist bereits seit 2009 pensioniert. Zuletzt unterrichtete er an der Grundschule in Westerstede. In seinem Leben gab er schon an mehreren Schulen Unterricht in Deutsch, Erdkunde, Mathe und vielem mehr. Er hat eine genaue Vorstellung davon, wie das Schulsystem sein sollte. „Ich habe damals gerne in der Schule gearbeitet“, so der 77-Jährige. Allerdings störe ihn die Differenzierung der einzelnen Schulzweige. Eine Schule, welche alle Ebenen zusammenbringe, sei besser. Damit wäre der Beruf Lehrer auch etwas attraktiver für junge Leute. Die Idee, ältere Lehrer zurückzuholen, sei dagegen eher problematisch. „Den Kolleginnen und Kollegen muss man auch einen Ruhestand gönnen“, so Reisgies.

Bürokratische Hürden zu hoch

Ihren Ruhestand genießen Gerald und Ulrike Fiene bereits seit 2014. Zuletzt waren sie an der IGS Waldschule Egels beschäftigt. Gerald Fiene war Deutsch-, sowie Technik- und Arbeitswirtschaftslehrer. Bei der Frage, ob er denn in seinen alten Beruf zurückkehren würde, hat er gemischte Gefühle. Mit seinen über 70 Jahren möchte er dieses nicht machen. Früher allerdings, als er noch 65 war, hätte er unter bestimmten Bedingungen zugestimmt.

Gerald Fiene war Lehrer an der IGS Waldschule Egels. Foto: Romuald Banik
Gerald Fiene war Lehrer an der IGS Waldschule Egels. Foto: Romuald Banik

Zu seinen Zeiten wurden wiedereinsteigende Lehrer frei verteilt. Er aber wolle lieber an seiner alten und bekannten Schule bleiben. Auch die Bewerbungsunterlagen mussten alle noch mal vorgezeigt werden, einschließlich eines polizeilichen Führungszeugnisses. „Das war zu schwer“, so Fiene. Wenn diese Bedingungen besser werden, wäre es allerdings eine gute Idee. Seine Frau Ulrike Fiene unterrichtete Geschichte, sowie Gesellschafts- und Arbeitslehre. Sie ist ähnlicher Meinung wie ihr Mann. Ob das aber der richtige Weg sei, bezweifelt die über 70-Jährige. „Das kann nur eine Zwischenlösung sein“, sagt sie. Es gebe Einzelfälle, die glücklich seien, noch in ihrem Beruf zu arbeiten. Allerdings solle man eher den jungen Leuten den Beruf schmackhafter machen.

Wendt: Traue mir Unterricht noch zu

Mit seinen 75 Jahren ist Helmut Wendt bereits seit zehn Jahren pensioniert. Dennoch könnte er sich vorstellen, wieder in die Schule zurückzukehren. Allerdings dürften dafür die bürokratischen Hürden nicht zu hoch sein. So sei der Lebenslauf ja bereits im System hinterlegt. Den müsse man nicht unbedingt noch einmal schreiben.

Helmut Wendt ist seit zehn Jahren pensioniert. Er kann sich eine Rückkehr in die Schule vorstellen. Foto: Romuald Banik
Helmut Wendt ist seit zehn Jahren pensioniert. Er kann sich eine Rückkehr in die Schule vorstellen. Foto: Romuald Banik

Im Augenblick, so Wendt, herrsche an den Schulen eine Notsituation. Daher würden sich die pensionierten Lehrer, die das wollten, auch bei ihren Schulen melden. Er selbst habe durch seine Tätigkeit im Schwimmverein nie den Kontakt zu jungen Leuten verloren und traue sich das Unterrichten daher noch immer zu.

Ehemaliger Bürgermeister unterrichtet wieder

Das geht Friedrich Völler genauso. Der ehemalige Bürgermeister von Wiesmoor steht seit Sommer vorigen Jahres wieder am Lehrerpult in seiner alten Schule, der KGS Wiesmoor. Bis zu seiner Wahl 2014 hat er dort die Fächer Deutsch und Religion unterrichtet. „Damals habe ich der Schulleiterin Ulrike Sieckmann angeboten, dass sie mich anrufen könne, wenn Not am Mann ist“, erinnert Völler sich im ON-Gespräch. Der Anruf kam im Sommer vorigen Jahres. Seitdem unterrichtet Völler einige Stunden in einer zehnten Realschulklasse Deutsch und Religion.

Wiesmoors ehemaliger Bürgermeister Friedrich Völler unterrichtet seit einem Jahr wieder an der KGS Wiesmoor. Foto: privat
Wiesmoors ehemaliger Bürgermeister Friedrich Völler unterrichtet seit einem Jahr wieder an der KGS Wiesmoor. Foto: privat

„Ich war immer gerne Lehrer, ich arbeite gerne mit jungen Menschen.“ Hinzu komme, dass er dank der Zeit als Bürgermeister relativ früh in Pension gegangen ist. Heute ist Friedrich Völler 62 Jahre alt. Was hat sich in der Schule verändert? „Es gibt keine Kreide mehr“, sagt der Ex-Bürgermeister. Seit seinem Fortgang 2014 wurden Smartboards in allen Klassenräumen installiert. Darüber können Filme gezeigt, Recherchen im Internet erledigt und Präsentationen vorgeführt werden. Aufsteigend werden in Wiesmoor auch in allen Klassen Tablet-Computer für die Schüler eingeführt. „Dafür müsste ich mich noch einmal richtig reinknien“, sagt Völler. In seiner Klasse lernen die Schüler noch klassisch mit Büchern und Heften. Dieses Schuljahr will er auf jeden Fall noch in der KGS bleiben. Ob es dann weitergeht, hat er noch nicht entschieden. Genommen werden würde er wohl. Denn der Bedarf an Lehrern wird auch im kommenden Schuljahr wohl noch vorhanden sein.

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