Moskau Prigoschins Absturz ist eine Warnung – auch an Deutschland
Die Nachricht vom wahrscheinlichen Tod des Wagner-Chefs Prigoschin ist eine Warnung an alle Putin-Gegner in Moskau – aber auch an Deutschland und den übrigen Westen. Wer den Kreml-Chef unterschätzt, begeht einen Fehler.
Nur zwei Monate liegt die Meuterei von Jewgeni Prigoschin und seiner berüchtigten Söldnerarmee zurück. Zwei Monate, in denen nicht ganz klar wurde, was Putins Zögling mit diesem seltsam anmutenden Putschversuch eigentlich bezwecken wollte. Der makabre Scherz geisterte schnell durch die Welt, der Wagner-Chef sollte besser offene Fenster meiden – in Anspielung auf die Serie tödlicher Fensterstürze von Funktionären, die in Ungnade des Kremls gefallen sind. Daher kommt die Nachricht vom wahrscheinlichen Tod von Putins ehemaligem Koch nicht wirklich überraschend.
Ob der Flugzeugabsturz ein Unglück oder ein Abschuss auf Befehl Putins war, sind Spekulationen, die sich jetzt Bahn brechen. Gewiss ist aber eins: Putin hat sich einmal mehr als Meister des Machterhalts gezeigt. Dass er acht Wochen nach dem Wagner-Aufstand gestärkt aus dem Konflikt hervorgeht, ist eine bittere Nachricht für die Ukraine und ihre Verbündeten.
Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Putins Herrschaftssystem kollabiert, tendiert jetzt gegen Null. Auf wichtigen Ebenen hat der Machthaber Säuberungsaktionen vorgenommen und zugleich die eigene Garde massiv aufgerüstet. Auch an der Front in der Ukraine zeigt sich, dass Russland aus seinen Fehlern des Vorjahres gelernt hat. Auch wenn es niemand gerne im Westen hört: Die ukrainische Großoffensive war bislang eine schmerzhafte und verlustreiche Enttäuschung.
Trotz massiver westlicher Waffenlieferungen ist es der Armee von Präsident Selenskyj nicht einmal gelungen, die Hauptverteidigungslinien der Russen auch nur an einer Stelle zu durchbrechen. Ein paar unwichtige Dörfer wurden befreit – mehr nicht. Der Krieg um die Ukraine ist in einer blutigen Pattsituation gefangen. Das liegt auch daran, dass Kampfmoral, Rüstungskapazitäten und Logistik der russischen Armee besser sind, als manche im Westen der Öffentlichkeit weismachen wollen. Oder wie auch das Schicksal Prigoschins zeigt: Putin zu unterschätzen, ist ein Fehler.
Der Westen sollte sich daher die Frage stellen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um mit dem Kreml ernsthaft über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Oder: Wie viele Menschen sollen noch ihr Leben an der Front lassen, bis die Konfliktparteien erkennen, dass es keine militärische Lösung in diesem Krieg gibt?