Reißverschluss brachte Hoffnung Wie Opti in einer Fehntjer Gaststätte die Produktion aufnahm
Als Opti nach Westrhauderfehn kam, konnte es gar nicht schnell genug gehen. In einer Gaststätte begann die Produktion. Und was hatten Fertighäuser aus Schweden mit dem Unternehmen zu tun?
Anmerkung: Dieser Artikel wurde erstmals am 24. August 2023 veröffentlicht.
Die Schifffahrt und der Handel mit Torf hatten für Wohlstand bei vielen Fehntjern gesorgt. Doch diese Zeiten waren längst vorbei. Vieles war im Wandel. Die Kleinbahn, die Westrhauderfehn mit dem Rest der Welt verband, sollte in jenem Frühjahr 1961 den Personenverkehr einstellen und durch den Omnibusverkehr ersetzt werden. Nicht einmal die Hälfte der 4449 Einwohner von Westrhauderfehn war erwerbstätig. Die Wirtschaft brauchte neue Impulse. Etwa so, wie der Schreibmaschinen-Hersteller Olympia wenige Jahre zuvor für die Stadt Leer für Aufschwung gesorgt hat.
Und der Impuls sollte kommen – und zwar aus dem rund 200 Kilometer entfernten Essen. Auch, wenn es in jenen Tagen noch nicht überall in Rhauderfehn spürbar war, sind es die Jahre des Wirtschaftwunders gewesen. Die Produktion in vielen Fabriken lief auf Hochtouren. Eines der größten Probleme jener Zeit: Woher das Personal nehmen? Der Schreibmaschinenhersteller Olympia beschloss ein Zweigwerg in Leer zu eröffnen. Und die Reißverschlussfabrik Opti in Essen hatte ähnliche Pläne. Ein Zweigwerk in Westrhauderfehn sollte entstehen. Und das möglichst schnell. Schneller als jene Fabrik an der 1. Südwieke errichtet werden konnte.
Produktion in Gaststätte und Bauhalle
Provisorisch wurden an zwei Stellen – der Gaststätte J. Freese am Rajen und in den Hallen des Bauunternehmens Vogelsang am Untenende – das Werk eingerichtet. Das Bauunternehmen war nicht nur kurzzeitig eine Heimat für das Opti-Werk, sondern war auch direkt am Bau an der 1. Südwieke beteiligt.
Rund 200 Beschäftigte erleben die ersten Tage von Opti im Frühjahr 1961 mit der provisorischen Fertigung. 80 davon arbeiten in der Gaststätte, 120 in der Bauhalle.
Fertighäuser aus Schweden für Mitarbeiter
Parallel dazu wird an der 1. Südwieke das Werk gebaut. 120 Meter lang soll die neue Fertigungshalle werden. Auf der anderen Seite des Kanals wurde ab Oktober 1961 ebenfalls gebaut. Dort hatte das Unternehmen ebenfalls Bauland gekauft. Drei Fertighäuser, die aus Schweden importiert wurden, sollen bis zur Eröffnung des Werkes Ende November ebenfalls fertig werden. Sie sollen von leitenden Angestellten bezogen werden. Die Bauteile des Holzhauses bestehen aus 30 Zentimeter breitem und 2,50 Meter langen Pressholz berichtet diese Zeitung in jenen Tagen. Je nach Ausstattung sollen die Gebäude zwischen 30.000 und 65.000 Mark kosten. Wie es weiter heißt, sei das fünf bis zehn Prozent günstiger als vergleichbare Häuser. Ende November ist es soweit. Für ein Wochenende stand die Produktion still. Von den beiden provisorischen Arbeitsstätten am Untenende sowie am Rajen musste der Umzug vollzogen werden. Am Montag, 20. November, ging es dann am heutigen Firmensitz mit der Wickelei und der Näherei los.
Es wurde in zwei Schichten gearbeitet. Die Werksleitung gab an jenen Tagen einen Einblick in die Struktur des Werkes. Nur sechs von den 200 Angestellten kamen aus Essen. Der Rest aus der Umgebung zwischen Papenburg, Backemoor und Strücklingen.
90 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen
90 Prozent waren Frauen. Noch könnten rund 80 Frauen und Mädchen eingestellt werden. In der „hellen und freundlichen Werkhalle“, so schrieb es der General-Anzeiger damals, wurden aus Fäden Reißverschlüsse hergesellt. In den ersten Monaten mussten die fast fertigen Teile aber noch nach Essen gefahren werden. Denn die Färberei konnte erst im Frühjahr 1962 öffnen. Dann veränderte sich auch der Anteil von Frauen und Männer, denn für die neue Abteilung wurden vor allem Männer gesucht. Der Geschlechteranteil werde dann deutlich ausgeglichener. Beim Werksbau wurde an vieles gedacht. Sogar eine eigene Transformatorenstation wurde auf der Rückseite des Geländes eingerichtet. Ein 20 mal 20 Meter großes Kesselhaus sorgte die Beheizung. Während in den Hallen schon fleißig gearbeitet wurde, mussten die Arbeiten an den Büro- und Sozialräumen noch abgeschlossen werden. Allein der Waschraum für die Frauen sollte 80 Plätze und zahlreiche Duschen bereithalten.
Der Aufschwung der Reißverschlussproduktion in Westrhauderfehn verläuft rasant. Die Planungen bis 1965 zwischen 300 und 400 Mitarbeiter einzustellen, wurde überholt. 1964 wurde bereits angebaut, vier Jahre später erneut. Die Gemeindeväter freuten sich, denn der Konzern spülte mit der Gewerbesteuer auch Geld in die klamme Gemeindekasse. „Die Umlagerung des Maschinenparkes von Essen nach Westrhauderfehn vollzog sich Zug um Zug. Fast jedes Wochenende rollten schwer beladene Lastzüge aus dem Ruhrgebiet nach Westrhauderfehn, wo die Maschinen ohne nennenswerten Produktionsausfall weiterliefen“, hieß es in dieser Zeitung zum zehnten Geburtstag des Fehntjer Werkes.
1969 beginnt eine neue Ära für alle
Ein großer Fortschritt sollte 1969 für viele Fehntjer kommen – vier Wochen nach der Mondlandung. Doch an jenem 12. August war nur ein kleiner Kreis auf das Werksgelände geladen. Westrhauderfehn wurde an jenem Dienstag – um 20 Uhr – die Versorgung von Heizöl auf Erdgas umgestellt. Damals noch etwas ganz Besonderes. Denn gerade einmal zehn Jahre zuvor, stellte Oldenburg als erste deutsche Stadt auf Erdgas um. „Das Westrhauderfehn als relativ kleine Gemeinde nun schon vor vielen anderen größeren Städten einen Erdgasanschluss erhalte, verdanke es vor allen Dingen dem Opti-Werk“, hieß es damals in dieser Zeitung. Bürgermeister Johannes Block zündete das mit bunten Bändern geschmückte Abfackelrohr an. Dies erinnerte ein wenig an einen Richtkranz. Die Erdgasfackel schoss in den Abendhimmel. Der Beginn einer neuen Ära – 55 Jahre nach dem in dem Ort erstmals elektrisches Licht brannte.
Im Oktober jenes Jahres gibt es die nächste positive Nachricht: Es arbeiten 1044 Menschen für Opti in Westrhauderfehn. Der Höchststand. Sogar eine eigens für das Unternehmen eingerichtete Buslinie brachte die Mitarbeiter zum Werk. Da es im Umfeld nicht genügend Personal gibt, nutzte auch Opti das Abwerbeabkommen. Es wurden 70 Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien eingestellt. 1971 sollten noch einmal 35 weitere kommen.
Täglich von Hamburg nach Paris
Auch, wenn nicht mehr ganz so viele Menschen im Jahr 1971 – zum zehnten Geburtstag des Werkes – dort beschäftigt sind, blieben die Meldungen positiv. Das Werk im Oberledingerland war mittlerweile das Herz der Opti-Gruppe – und der mit Abstand größte Arbeitgeber zwischen Leer und Papenburg. 600.000 Meter Reißverschluss verließen die Produktion pro Tag – das entsprach der Flugstrecke von Hamburg nach Paris. 680 Milliarden Meter Reißverschlussbänder und zwei Milliarden Schieber wurden auf dem Fehn insgesamt gefertigt. Würde man alle Reißverschlüsse aneinanderreihen, könnte der Äquator 18 mal umwickelt werden.
Der Höhenflug könnte so weiter gehen. Der Kunststoffreißverschluss ist ein Welterfolg, heißt es 1974 in einem Zeitungsbericht. Der Metallreißverschluss sei zum Rückzug gezwungen. Und Opti lieferte rund um die Welt – vom feinsten Kleidungsstück bis zum großen Zelt. Abnehmer waren die Textilindustrie und der Handel. Sogar Maschinen konnten abgesetzt werden. Es wurden unter anderem vier komplette Reißverschlussfabriken in der damaligen Sowjetunion ausgestattet. „Der größte Reißverschlusshersteller Europas wird damit auch zum Exporteur von Industriemaschinen“, hieß es damals.
Großfeuer bringt Jobs in Gefahr
Doch die Zeiten wurden schlechter. Sogar eine Schließung des Werkes wurde befürchtet. 1989 kam dann die Wende. Das schottische Bekleidungsunternehmen Coats kaufte Opti und machte Westrhauderfehn zum Hauptwerk in Mitteleuropa. So wurde auf wieder bessere Zeiten gehofft. Doch in der Nacht zum 15. März 1991 kommt eine Hiobsbotschaft. In einer Halle kommt es zum Großbrand. 218 Feuerwehrkräfte, einige davon arbeiteten selbst in dem Unternehmen, mussten ausrücken. „Uns war klar, wenn die Färberei fällt, dann sind unsere Arbeitsplätze in Gefahr“, erinnert sich Uwe Hunecke vor einigen Jahren.
Der Maschinenführer war als Feuerwehrmann in jener Nacht im Einsatz. Es war eines der größten Feuer in der Gemeinde. 50 Millionen Mark Sachschaden schlagen am Ende zu Buche. Entwarnung gab es von Opti noch am selben Tag: Geschäftsführer Dieter Laule erklärte auf einer Pressekonferenz, dass der Brand keine Auswirkungen auf die Arbeitsplätze haben werde. Heute arbeiten rund 150 Menschen in dem Werk.