Sydney  Gefälschte Abschlüsse: Wie chinesische Studenten eine australische Universität betrügen

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 24.08.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die University of Sydney Foto: imago images/Pond5 Images
Die University of Sydney Foto: imago images/Pond5 Images
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Eine der renommiertesten australischen Universitäten hat einen Betrug im großen Stil aufgedeckt: Zahlreiche, vor allem chinesische Studenten sollen sich über gefälschte High-School-Abschlüsse und Englisch-Sprachtests den Zugang zur University of Sydney erschlichen haben.

Tatort Universität: Zahlreiche Studenten wollten sich anscheinend den Zugang zur altehrwürdigen University of Sydney erschwindeln. Ein Artikel der lokalen Tageszeitung „Sydney Morning Herald“, die die Betrugsfälle öffentlich machte, bezog sich auf einen internen Bericht der Hochschule, der einen Anstieg von betrügerischen Aktivitäten offenlegte.

Über 250 angehende oder eingeschriebene Studenten sollen im vergangenen Jahr demnach gefälschte Bewerbungen eingereicht haben. 2021 waren es – wohl auch bedingt durch die geschlossenen Grenzen während der Pandemie – nur 15 Fälle gewesen. In diesem Jahr wurden bereits 64 Fälle aufgedeckt.

Die Sündigen seien in der Regel chinesische Bewerber, hieß es in dem Bericht, auf den sich die australische Tageszeitung stützt. Die Schwindeleien konnten im Wesentlichen auf zwei Ursprungsquellen zurückgeführt werden: Gefälschte High-School-Abschlüsse, die fast ausschließlich aus der kanadischen Provinz Ontario stammten, sowie gefälschte Englisch-Sprachtests. Bei den gefälschten Hochschulreifen scheint es sich ausnahmslos um kanadische Online-Angebote gehandelt zu haben.

Die meisten Fälle deckte die australische Universität wohl bereits vor der Zulassung der potenziellen Studenten auf, doch ein Fünftel der betrügerischen Bewerber war bereits eingeschrieben gewesen. Auch die zweite große Universität in Sydney, die University of New South Wales, bestätigte gegenüber der lokalen Zeitung, dass sie im vergangenen Jahr einen Anstieg an Betrugsfällen mit den gefälschten kanadischen Diplomen registrieren musste. Sie gab jedoch keine Angaben zur Anzahl der Fälle. Laut der University of Sydney soll die Überprüfung der Qualifikationen nun nochmals verschärft werden.

Andrew Norton, ein Hochschulexperte der Australian National University in der australischen Hauptstadt Canberra, sagte, dass die australischen Universitäten allgemein die Erfahrung gemacht hätten, dass der Betrug unter chinesischen Studenten ziemlich hoch sei. „Wenn sie so viele erwischen, dann möchte ich nicht wissen, wie hoch die wirkliche Zahl ist“, wurde er im „Sydney Morning Herald“ zitiert. Letzten Endes seien die wahren Opfer die legitimen Studenten, denn derartige Aktivitäten würden die Integrität eines Abschlusses untergraben.

Die Betrugsfälle, die nun ans Tageslicht gekommen sind, sind nicht die einzigen Fälle, in denen chinesische Studenten versucht haben, Regeln zu brechen. Über die vergangenen Jahre hinweg berichteten Medien immer wieder über erschwindelte Hausarbeiten und vor allem über Ghostwriter, die gegen Gebühr Arbeiten für Studenten schreiben. Derartige Dienste hat das australische Gesetz 2020 offiziell für illegal erklärt. Wer diesen akademischen Betrug anbietet, dem drohen Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis und Geldstrafen von bis zu 100.000 Australische Dollar. Umgerechnet sind dies fast 60.000 Euro. Die Strafen gelten unabhängig davon, ob die Dienstleistungen innerhalb Australiens oder im Ausland erbracht wurden.

Eine Untersuchung des australischen Senders SBS im Jahr 2021 ergab, dass die dafür zuständige Organisation Tertiary Education Quality and Standards Agency, kurz TEQSA, weltweit 2000 Websites im Auge hat, die Betrugsdienste für Studenten anbieten. Allein 300 davon seien in Australien aktiv, hieß es damals. Die meisten davon würden direkt auf chinesische Studenten abzielen.

Obwohl es TEQSA gelungen ist, inzwischen eine ganze Reihe an Online-Angeboten sperren zu lassen, sind andere nach wie vor aktiv. Darunter ist beispielsweise die Seite von Assignment Joy. Ein Ghostwriter der chinesischen Firma, der im vergangenen Jahr zum Whistleblower wurde, sagte der australischen Zeitung „The Australian“: „Wenn Sie all die Dinge gesehen hätten, die ich gesehen habe, wären Sie überwältigt.“ Der aus Kenya stammende Mann meinte, dass ihm klar geworden sei, „dass das Bildungssystem nur eine Täuschung ist“. Er habe einige Studenten, für die er seit ihrem ersten Jahr gearbeitet und sämtliche ihrer Aufgaben erledigt habe, bis sie ihren Abschluss gemacht hätten. „Was mir Sorgen bereitet, sind die Medizinstudenten, die seit ihrem ersten Tag noch nie eine einzige Hausaufgabe erledigt haben“, meinte er.

Der regierungsnahe Thinktank Aspi warnte den australischen Hochschulsektor bereits 2020 in einem Bericht vor der „übermäßigen Abhängigkeit von Einnahmen internationaler Studierender, insbesondere aus der Volksrepublik China“. Das ungebremste Wachstum in diesem Sektor verändere alles, von der Gestaltung der australischen Innenstädte bis hin zur Qualität der Studentenerfahrung auf dem Campus, schrieben die Autoren Marcus Hellyer und Peter Jennings. Sie forderten die Hochschulen schon damals auf, ihr Geschäftsmodell zu verändern, um nicht langfristig daran zu scheitern.

In einem Bericht des Lowy Institute, einer unabhängige Denkfabrik in Sydney, hieß es im März diesen Jahres, dass die australische Regierung und der Hochschulsektor befürchten würden, dass die Betrügereien akademische Standards untergraben und das Image der australischen Hochschulen im internationalen Vergleich gefährden könnten. Der Bericht weist aber auch auf Folgerisiken hin: Denn durch den Betrug würden die Studierenden automatisch „erpressbar“ werden und könnten damit sogar ein Sicherheitsrisiko für Australien darstellen.

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