Istanbul Annäherung in Sicht? Saudi-Arabien empfängt den iranischen Außenminister
Nach jahrelanger Unterkühlung haben der Iran und Saudi-Arabien ihre Beziehungen wieder aufgenommen. Doch noch gilt Zurückhaltung, besonders Saudi-Arabien scheint dem Frieden noch nicht zu trauen.
Schon bevor der iranische Außenminister Hossein Amirabdollahian am Donnerstag zu seinem ersten Besuch in Saudi-Arabien eintraf, feierte die iranische Regierungspresse die eintägige Visite als Erfolg. Der Ministerbesuch werde „neuen Schwung“ in die iranisch-saudischen Beziehungen bringen, kommentierte die Zeitung „Tehran Times“. Der Iran setzt große Hoffnungen in die Normalisierung seines Verhältnisses zum langjährigen Erzfeind auf der anderen Seite des Persischen Golfes. Saudi-Arabien hat es dagegen nicht so eilig und will die Iraner vorerst auf Distanz halten.
Der Iran und Saudi-Arabien hatten nach Vermittlung durch China im März beschlossen, ihre 2016 abgebrochenen Beziehungen wieder aufzunehmen. Der saudische Außenminister Prinz Faisal bin Farhan besuchte im Juni seinen Kollegen Amirabdollahian in Teheran. Beim Gegenbesuch des iranischen Ministers am Donnerstag sollte der neue iranische Botschafter in Saudi-Arabien, Alireza Enayati, offiziell seine Arbeit aufnehmen, wie iranische Staatsmedien meldeten. Die Nachrichtenagentur Tasnim, die der iranischen Revolutionsgarde nahesteht, berichtete zudem, der Iran und Saudi-Arabien hätten den Austausch von Militärattachés vereinbart.
Das sunnitische Saudi-Arabien und die schiitische Theokratie Iran sind seit 1979 verfeindet; beide beanspruchen eine Führungsrolle in der muslimischen Welt. Geopolitisch stehen sie auf gegnerischen Seiten: Saudi-Arabien ist ein traditioneller Verbündeter der USA und arbeitet informell mit Israel zusammen, während der Iran die Amerikaner und Israelis als Todfeinde betrachtet. Beide Staaten tragen ihre Konkurrenz auch militärisch aus, etwa mit einem Stellvertreterkrieg im Jemen. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der starke Mann in Riad, verglich den iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei vor fünf Jahren mit Adolf Hitler.
Inzwischen betreibt Mohammed bin Salman eine gemäßigtere Politik und hat damit Spielraum für die Wiederannäherung zwischen Riad und Teheran geschaffen. Saudi-Arabien erhofft sich davon ein Ende des Jemen-Krieges, mehr Berechenbarkeit in der iranischen Politik und mehr Stabilität in der Golf-Region. Der mit westlichen Wirtschaftssanktionen belegte Iran verspricht sich ein Ende seiner regionalen Isolation, eine Schwächung der US-Position im Nahen Osten und mehr Handel.
Doch Saudi-Arabien ist vorsichtig. Riad hat den Iran im Verdacht, eine Atombombe bauen zu wollen, und unterstützte die anti-iranische Sanktionspolitik des früheren US-Präsidenten Donald Trump. In Verhandlungen mit Trumps Nachfolger Joe Biden verlangt Mohammed bin Salman nach Medienberichten amerikanische Sicherheitsgarantien als Absicherung gegen einen möglichen iranischen Angriff. Saudi-Arabien mache sich keine Illusionen über das „bösartige Verhalten“ der Iraner, sagte Joseph Brodsky vom amerikanischen Nahost-Institut der Nachrichtenplattform Al-Monitor.
Ein Aufschwung der Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten ist ebenfalls nicht garantiert. Die auf Nahost-Politik spezialisierte Internetseite Amwaj meldete, Saudi-Arabien wolle sich trotz Normalisierung der Beziehungen mit Teheran an die westlichen Handelssanktionen gegen den Iran halten. Wenn das die Line der saudischen Führung ist, wird es für den Iran – anders als von Teheran erhofft – in absehbarer Zeit keinen wirtschaftlichen Befreiungsschlag durch die Annäherung geben.
Schon jetzt ist das saudische Zögern spürbar. Wie iranische Staatsmedien bestätigen, haben saudische Diplomaten im Iran bisher weder ihre Botschaft in Teheran noch ihr Konsulat in der Stadt Maschhad bezogen, sondern wohnen in Hotels. Die beiden diplomatischen Vertretungen waren 2016 von anti-saudischen Demonstranten gestürmt worden, worauf die Regierung in Riad die Beziehungen zum Iran abbrach.
Nun muss der Iran aus saudischer Sicht mit konkreten Entscheidungen zeigen, dass es der Islamischen Republik ernst ist mit dem neuen Verhältnis zu Riad. Zu den saudischen Forderungen gehört laut Amwaj eine Änderung der aggressiven iranischen Militärdoktrin. Besonders das iranische Arsenal an Mittelstreckenraketen, die arabische Staaten treffen könnten, macht die Nachbarn nervös.
Ein saudischer Diplomat dämpfte deshalb laut Amwaj die Erwartungen auf rasche Veränderungen. An sich bedeute die Wiederaufnahme der Beziehungen nicht viel, ließ er sich zitieren: Der Westen habe ja auch diplomatische Beziehungen zu Russland, obwohl Russland im Ukraine-Krieg als Gegner gelte.