Auricher Stadtfest  „Beschwipste Pflaume“ war in den 80ern ein Renner

Udo Hippen
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Von Udo Hippen
| 16.08.2023 07:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Lustiger Balance-Akt auf der Kindermeile am Georgswall: Bürgermeister Werner Stöhr (2. von rechts) nimmt die Stadtspitze zur Stadtfesteröffnung mit auf ein überdimensionales Luftkissen. Während MTV-Vorsitzender Wilfried Theessen (links) naturgemäß leichtfüßig über das wankende „Parkett“ gleitet, haben Aurichs „Schwergewichte“ so ihre Schwierigkeiten. Der stellvertretende Bürgermeister Alfred Meyer (rechts) verliert dabei zuerst das Gleichgewicht. Foto: Archiv ON
Lustiger Balance-Akt auf der Kindermeile am Georgswall: Bürgermeister Werner Stöhr (2. von rechts) nimmt die Stadtspitze zur Stadtfesteröffnung mit auf ein überdimensionales Luftkissen. Während MTV-Vorsitzender Wilfried Theessen (links) naturgemäß leichtfüßig über das wankende „Parkett“ gleitet, haben Aurichs „Schwergewichte“ so ihre Schwierigkeiten. Der stellvertretende Bürgermeister Alfred Meyer (rechts) verliert dabei zuerst das Gleichgewicht. Foto: Archiv ON
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Das 46. Auricher Stadtfest steht vor der Tür und der Blick fällt 40 Jahre zurück: 1983 ist vieles anders, es gibt aber auch Parallelen.

Aurich - Er hält vermutlich eine einsame Bestmarke. „Für 400 Meter Stadtfest brauchte ich damals acht Stunden“, erinnert sich Werner Stöhr (SPD) schmunzelnd im ON-Gespräch an das Bürgerfest der 1980er Jahre. Der Rundgang der Stadtspitze gehört damals zum festen Bestandteil der offiziellen Eröffnungszeremonie. „Wir sind kaum vorangekommen, blieben an jedem Stand stehen und führten unzählige Gespräche“, spricht der Bürgermeister, dessen erste Amtszeit von 1980 bis 1991 geht, von einem rekordverdächtigen Lauf, bester Stimmung und dem einen oder anderen Bier, das seinen Mann gefunden hat.

Mittendrin statt nur dabei: Der Stadtfestrundgang darf bei der offiziellen Eröffnung nicht fehlen. Bürgermeister Werner Stöhr hält dabei einen Rekord. „Für 400 Meter habe ich einmal acht Stunden gebraucht“, sagt er schmunzelnd im ON-Gespräch. Foto: Archiv ON
Mittendrin statt nur dabei: Der Stadtfestrundgang darf bei der offiziellen Eröffnung nicht fehlen. Bürgermeister Werner Stöhr hält dabei einen Rekord. „Für 400 Meter habe ich einmal acht Stunden gebraucht“, sagt er schmunzelnd im ON-Gespräch. Foto: Archiv ON

Der Blick in das ON-Archiv kann dies nur bestätigen. Der damalige stellvertretende ON-Chefredakteur Heinz-Werner Theesfeld schreibt in seinem Nachbericht am 15. August 1983 von „zigtausend Bürgern und Gästen, die das Stadtfest in den Kernbereich der ostfriesischen Metropole lockte“ und hebt außerdem hervor, „dass viele Besucher noch in den Stunden nach Mitternacht die Stände und Tanzflächen belagerten und dies spricht für die volkstümliche Atmosphäre der Veranstaltung“. Auch der dazugehörige Bilderbogen unterstreicht diese Einschätzung.

Bildergalerie
27 Bilder
Auricher Stadtfest 1983
15.08.2023

Ansprachen auf abgedecktem Springbrunnen

Damals wie heute ist die offizielle Eröffnung fester Bestandteil der Veranstaltung. Während sich Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) am Freitag um 20 Uhr auf die Hauptbühne begibt und mit dem Anstich des Fasses Freibier für ein hoffentlich spritziges Vergnügen sorgt, startet das Stadtfest der 1980er erst einen Tag später. Die Ansprachen der Honoratioren gehören vormittags zum guten Ton der Veranstaltung. „Einmal habe ich die Rede in Reimform gehalten“, erklärt der ehemalige Schulleiter im ON-Gespräch. „Ich wollte es einfach mal anders machen. Es kam gut an.“

Stadtfest im besten Sinne: „Dass viele Besucher noch in den Stunden nach Mitternacht die Stände und Tanzflächen belagerten, spricht für die volkstümliche Atmosphäre der Veranstaltung“, heißt es im ON-Nachbericht. Cheforganisator Theodor Koll schätzt das Besucheraufkommen auf bis zu 20.000 Partygäste. Nach Ansicht der ON liegt er damit aber an der unteren Grenze. Foto: Archiv ON
Stadtfest im besten Sinne: „Dass viele Besucher noch in den Stunden nach Mitternacht die Stände und Tanzflächen belagerten, spricht für die volkstümliche Atmosphäre der Veranstaltung“, heißt es im ON-Nachbericht. Cheforganisator Theodor Koll schätzt das Besucheraufkommen auf bis zu 20.000 Partygäste. Nach Ansicht der ON liegt er damit aber an der unteren Grenze. Foto: Archiv ON

Bewölkter Himmel und Nieselregen kennzeichnen die Eröffnung der achten Auricher Bürgerfete am 13. August 1983. Pünktlich um 10 Uhr starten auf dem abgedeckten Marktplatz-Springbrunnen die Ansprachen. In seiner Rede appelliert Werner Stöhr an die Bürger, das Stadtfest nicht zu einem Sauffest verkommen zu lassen. „Zum Feiern und zum Fröhlichsein gehört auf den Volksfesten auch das eine oder andere alkoholische Getränk. Insofern sollte das Angebot reichhaltig sein. Ich halte es aber für gefährlich und dem von mir skizzierten Sinn des Stadtfestes auch für absolut abträglich, wenn der Verzehr alkoholischer Getränke zum Selbst- oder Alleinzweck denaturiert.“

Bürgermeister beschwört maßvolles Feiern

Während der Auricher Bürgermeister vor 40 Jahren ein maßvolles Feiern beschwört, schreibt die ON in ihrem Nachbericht dagegen von „Bierstandproblemen“. Konkret heißt es damals von Heinz-Werner Theesfeld: „Schon vor zwei Jahren hatten die ON in ihrer Berichterstattung die Ansicht der Stadt zum Ausdruck gebracht, die Zahl der Bier- beziehungsweise Schnaps-Inseln zu reduzieren. Diesmal waren es mehr als je zuvor. Einige haben 35 Anlaufstationen dieser Art gezählt, andere fast 50.“

Auricher Kultband: Die Bisch-Basch-Band „massierte dem meist jugendlichen Publikum das Zwerchfell“ wie ON-Redakteur Heinz-Werner Theesfeld in seinem Nachbericht launig schreibt. Bandleader Enno Jakobs (rechts) ist auch heute noch regelmäßig auf den Bühnen der Stadt zu finden. Foto: Archiv ON
Auricher Kultband: Die Bisch-Basch-Band „massierte dem meist jugendlichen Publikum das Zwerchfell“ wie ON-Redakteur Heinz-Werner Theesfeld in seinem Nachbericht launig schreibt. Bandleader Enno Jakobs (rechts) ist auch heute noch regelmäßig auf den Bühnen der Stadt zu finden. Foto: Archiv ON

Im Nachgang des Stadtfestes betont Stöhr: „Es ist falsch, die Zahl der Bierstände in einem Verhältnis zu den Trunkenheitsfällen zu setzen.“ Dies belegt auch der dazugehörige Polizeibericht, der von „keinen Ausschreitungen im Vergleich zu Veranstaltungen ähnlicher Art“ spricht.

Damals hieß von „Von Aurichern für Auricher“

Während das 46. Stadtfest am Wochenende mit fünf Bühnen, einem DJ-Tower und 15 Bands aufwartet, ging es vor 40 Jahren beschaulicher zu. „Der Charakter der ersten Feste ist mit dem der heutigen nicht zu vergleichen“, erklärt Johann Stromann, Chef des Stadtmarketings und somit verantwortlich für die heutige Innenstadtfete, im ON-Gespräch. „Die Veranstaltungen wurden früher weniger von außen, sondern mehr von innen organisiert.“ Er zielt damit auf die Tatsache ab, dass ausschließlich regionale Akteure – getreu dem Motto „Von Aurichern für Auricher“– zu den Beschickern zählen.

Auricher Original mit regionaler Prominenz: Der Shantychor darf auf keinem Stadtfest fehlen und erfreut sich großer Beliebtheit. Chorleiter Hein Buß verteilt sogar Autogramme. Foto: Archiv ON
Auricher Original mit regionaler Prominenz: Der Shantychor darf auf keinem Stadtfest fehlen und erfreut sich großer Beliebtheit. Chorleiter Hein Buß verteilt sogar Autogramme. Foto: Archiv ON
Ideengeber: Verkehrsvereinsvorsitzender Hilmar Dunkmann und Geschäftsführer Heinz Rudkowski heben das Stadtfest 1975 aus der Taufe. Foto: Archiv ON
Ideengeber: Verkehrsvereinsvorsitzender Hilmar Dunkmann und Geschäftsführer Heinz Rudkowski heben das Stadtfest 1975 aus der Taufe. Foto: Archiv ON

„Auch die Kaufleute waren in großer Zahl mit von der Partie und bauten vor ihren Geschäften Verkaufstische auf“, erinnert sich Stromann, der mit der Feuerwehrkapelle Walle in den 1980ern auf der Bühne steht und am Sonnabendnachmittag zum Akteur des Musikzuges Middels zählt, zum Beispiel an den legendären Tresen der Weinkellerei Winter (heute OLB) in der Osterstraße oder an das Geschäft der Familie Blesene in der Norderstraße. „Da gab es immer die beschwipste Pflaume.“ Klingt fast wie ein Stadtfest-Motto.

Stadtfest-Historie

Die Entstehung des Auricher Stadtfestes geht zurück in das Jahr 1975 und hat mit den heutigen Festen – außer der Bezeichnung – nichts mehr gemein. Als im Spätsommer 1975 der erste Bauabschnitt der Auricher Fußgängerzone fertiggestellt wurde, beschloss man seitens des Auricher Verkehrsvereins, eine große Feier auszurichten. Es handelte sich um die 200. Fußgängerzone in Deutschland und so organisierten der damals ganz junge Verkehrsverein um Geschäftsführer Heinz Rudkowski und den Vorsitzenden Hilmar Dunkmann dieses Fest. Ein Fest „von Aurichern für Auricher“ lautete das Motto.

Der Charakter der ersten Stadtfeste, die nur am Sonnabend stattfanden, war eher der eines großen Marktes in der Innenstadt. Die damals ausschließlich inhabergeführten Geschäfte beteiligten sich vollständig mit Verkaufsständen vor dem eigenen Geschäft. Die Auricher Gastronomen, damals noch sehr zahlreich vorhanden, sorgten für die Verpflegung der Besucher mit Leckereien und Bier. Ein großer Flohmarkt auf dem Marktplatz gehörte ebenfalls zum Stadtfest. Diesen Charakter wahrte das Stadtfest zunächst viele Jahre und wurde zum Publikumsmagneten in der Region.

Nach Jahren des Wachsens erlebte man einen Umbruch der Stadtfeste Anfang der 2000er Jahre in der Ära von Bürgermeisterin Sigrid Griesel, als der damalige Verkehrsvereinsgeschäftsführer im Frühsommer 2001 aus seiner Tätigkeit ausschied. Bis dato war der Verkehrsverein (VV) allein verantwortlich für die Stadtfest-Organisation. Um das nur halb fertig geplante Stadtfest nicht in Gefahr zu bringen, stellte Bürgermeisterin Griesel Johann Stromann ab, der zunächst die kommissarische Geschäftsführung des VVs übernahm und gemeinsam mit Kräften aus dem Kaufmännischen Verein und dem Verein Stadtmarketing Aurich das Fest innerhalb weniger Wochen auf die Beine stellte. Um das Musikprogramm zu gewährleisten, wurde die Organisation dieses Parts an die Veranstaltungsagentur Marema übertragen, die heute noch in Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing an Bord ist.

Freitag startet das 46. Stadtfest

Das 46. Stadtfest steht bevor: Am Wochenende heißt es Party in der Innenstadt. Offizieller Auftakt ist am Freitag um 20 Uhr mit Bürgermeister Horst Feddermann auf der Hauptbühne. Was folgt, ist eine Party bis in die Nacht hinein. Der Flohmarkt auf dem Georgswall eröffnet um 6 Uhr stets den Sonnabend. Von 10 bis 17 Uhr lockt dann das Tagesprogramm mit Familienaktionen, ehe es am Abend ab 20.30 Uhr mit der Partymusik auf den Stadtfestbühnen weitergeht. Der ökumenische Gottesdienst am Sonntag ab 11 Uhr auf dem Schlossplatz bildet traditionell den Abschluss.

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