Kapstadt  Putsch in Niger: Fünf Gründe warum der Westen seinen Einfluss in der Sahelzone verloren hat

Christian Putsch
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Von Christian Putsch
| 09.08.2023 15:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Noch im April besuchte Bundesverteidigungsminister Pistorius die Sahelregion. Besuche dieser Art scheinen nun unmöglich. Foto: dpa/Michael Kappeler
Noch im April besuchte Bundesverteidigungsminister Pistorius die Sahelregion. Besuche dieser Art scheinen nun unmöglich. Foto: dpa/Michael Kappeler
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Nachdem sich in Niger Generäle an die Macht geputscht haben, droht ein Krieg in der Region – und der Verlust der letzten westlichen Bastion in der Sahelzone. Wie konnte es so weit kommen?

Das Säbelrasseln um den Niger hat zuletzt besonders bedrohliche Ausmaße angenommen. Seit Sonntagabend riegeln die Generäle, die vor knapp zwei Wochen Präsident Mohamed Bazoum aus dem Amt putschten, den Luftraum mit Verweis auf angebliche Truppenmobilisierungen „benachbarter Länder“ ab. 

Das dürfte die anhaltenden Vermittlungsversuche des westafrikanischen Staatenbunds Ecowas weiter erschweren. Deren Militärchefs hatten noch am Wochenende bekräftigt, dass man die Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung notfalls auch mit Waffen durchsetzen werde. Ein entsprechendes Ultimatum war am Sonntagabend abgelaufen. Am Montag vermeldete die Nachrichtenagentur AFP dann mit Bezug auf „eine dem Bündnis nahestehende Quelle“, dass Ecowas „in diesem Stadium“ auf eine militärische Intervention verzichten werde. Man werde in „den kommenden Tagen“ über das weitere Vorgehen beraten.

Auffallend zurückhaltend präsentieren sich dabei die Europäer. Frankreich vermeldete vor einigen Tagen seine Unterstützung für Ecowas und geht seitdem wie auch Deutschland sparsam mit Verlautbarungen um. Italien, das ebenfalls Soldaten in dem westafrikanischen Land hat, forderte am Montag eine Verlängerung des Ultimatums. „Der einzige Weg ist der diplomatische“, sagte Außenminister Antonio Tajani. 

Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass Europa angesichts der geopolitisch wichtigen Rolle der Region einen Eingriff der Ecowas-Truppen vorantreibe. Schließlich bedienen die Generäle besonders auch anti-französische Strömungen in der Sahelzone. Der Westen droht seine letzte Bastion in der Sahelzone zu verlieren. Fünf Gründe, warum der Einfluss schon seit Jahren schrumpft.

Die Vorwürfe der politischen und wirtschaftlichen Unterdrückung haben nicht nur in Guinea, Mali, Burkina Faso und Niger Hochkonjunktur, sondern auch in vielen demokratisch regierten französischen Ex-Kolonien Westafrikas. Die Euro-Bindung des Franc CFA, der Währung in Zentralafrika, wird als Neoimperialismus empfunden, zumal die Währungsreserven weiterhin in Frankreich gelagert werden.

„Françafrique“, wie die enge Bindung genannt wird, ist zum Synonym für Ausbeutung geworden. Frankreichs Präsident Emanuel Macron räumte erst Anfang des Jahres indirekt ein, dass man Westafrika lange nicht auf Augenhöhe begegnet war. Es gebe keine „französischen Hinterhöfe mehr in Frankreich“, erklärte er. Doch seine Rhetorik einer „neuen Ära“ der gegenseitigen Beziehungen verpufft bislang.

Im Niger bemängeln viele, dass sie nicht von der Uran-Förderung profitieren. Für Europas Atomkraftwerke war das Land bislang der wichtigste Produzent. Auch von den Hunderten Millionen Euro an Nigers Regierung, die dafür Migranten aus Westafrika den Weg nach Libyen versperrte, kam besonders im Norden des Landes wenig an. Lukrative Jobs bei Transport und Unterbringung gingen verloren. Europäische Initiativen für neue Erwerbsquellen enttäuschten.

Weiterlesen: Putsch in Niger birgt Folgen für Migration nach Europa

Ausreichend Arbeitsplätze haben europäische Rohstoffkonzerne im Niger tatsächlich nicht geschaffen. Der Bedarf daran ist allerdings kaum zu decken, die Bevölkerung von Niger hat sich seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 versechsfacht, das Durchschnittsalter beträgt nicht einmal 15 Jahre. Die anderen Länder der Region wachsen nicht ganz so schnell, aber doch ähnlich rasant.

Deutschland war mit rund 1000 Soldaten zuletzt das größte Kontingent des UN-Stabilisierungseinsatz MINUSMA in Mali. Der aktuell laufende Truppenabzug sollte eigentlich über den Luftstützpunkt im Niger erfolgen, wegen des Putschs sucht man derzeit nach Alternativen. Doch das Mandat war für die zunehmende Gefahr durch Islamisten von Anfang an völlig ungeeignet.

Das Dreiländereck mit Mali, Burkina Faso und Niger hat gemessen an der Zahl getöteter Zivilisten den Mittleren Osten längst als Epizentrum des internationalen Terrorismus abgelöst. Selbst Verhaftungen von offensichtlichen Terroristen waren für die UN-Truppen laut Mandat weitgehend unmöglich. Die Sahelstaaten wollten dagegen Soldaten, die zusammen mit den eigenen Armeen auf Terroristenjagd gehen.

Die einzige Kampftruppe erwähnenswerter Stärke aber war die 2022 beendete „Operation Barkhane“, 3000 Soldaten aus Frankreich. Paris hoffte lange, dass sich unter anderem auch Deutschland mit eigenen Streitkräften anschließen würde, ohne Erfolg. Ab dem Jahr 2018 gab es dann die 5000 Mann starke „G5 Sahel“ – Streitkräfte von fünf Sahelstaaten. Sie kooperierte mit Frankreich und anderen europäischen Truppen. Doch immer wieder gab es Kritik, dass der Westen nicht ausreichend Waffen liefere.

Die vom Terror betroffenen Länder der Sahelzone haben kleine Armeen mit einer Stärke von je 10.000 bis 20.000 Soldaten, allein der Niger aber hat die dreifache Fläche Deutschlands. Auch dieses Ungleichgewicht ist ein Grund, warum diese Länder militärisch über Jahrzehnte nah an die ehemalige Kolonialmacht gebunden waren. Russland entdeckte das im Rahmen seiner im Jahr 2015 neu aufgestellten Afrika-Strategie als Schwachstelle, bot sich in Mali erfolgreich als Alternative an. 

Zuletzt war Burkina Faso gefolgt. Nachdem Terroristen 40 Prozent des Staatsgebiets übernommen hatten, kam es zum Putsch – wohl auch mit der Hilfe russischer Wagner-Söldner. Moskau hat gerade erst Waffen und Personal für „Trainings“ versprochen, im offiziellen Sprachgebrauch eine Art Codewort für die Söldnertruppe. Vor einigen Tagen, so berichtete die Nachrichtenagentur AP, baten nun auch die Generäle im Niger um Wagner-Hilfe.

Während der Westen Kooperationen mit Militärjuntas ablehnt, stößt Russland als inzwischen größter Waffenverkäufer auf dem Kontinent dankbar in dieses Vakuum – und ermöglicht es den Generälen, sich dauerhaft an der Macht zu etablieren.

Die Staatenlenker der Sahelzone eint mit Russlands Despot Wladimir Putin die Empfindung einer Benachteiligung in der globalen Weltordnung. Dass die EU in Afrika einen Investitionsstop für die Förderung fossiler Brennstoffe fordert und Rückübernahmeabkommen für abgelehnte Asyl-Bewerber durchdrückt, wirkt sich auch nicht gerade positiv auf die Popularität des Westens aus. 

Überweisungen aus der Diaspora machen in den meisten westafrikanischen Staaten über zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Seit Langem fordert der Kontinent zudem mehr Repräsentanz in UN-Institutionen und den G20, pocht auf Reformen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. 

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