Strafprozess  Harmlose Kontrolle lief aus dem Ruder

| | 08.08.2023 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Handschellen mussten Polizeibeamte dem renitenten Angeklagten bei der Verkehrskontrolle anlegen. Foto: DPA
Handschellen mussten Polizeibeamte dem renitenten Angeklagten bei der Verkehrskontrolle anlegen. Foto: DPA
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27-jähriger Auricher rastete in Marienhafe gegenüber Polizeibeamten aus. Dafür wurde er jetzt verurteilt.

Norden/Marienhafe - Ein Ausraster bei einer Polizeikontrolle am 22. August vergangenen Jahres in Marienhafe hat einem 27-jährigen Auricher am Dienstag in einem Verfahren vor dem Amtsgericht Norden eine halbjährige Haftstrafe eingebracht. Wegen Bedrohung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilte Strafrichter Michél Demarczyk ihn zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit und sechs Monaten Freiheitsentzug, die der Angeklagte allerdings nicht verbüßen muss. Demarczyk setzte den Vollzug der Strafe für drei Jahre zur Bewährung aus.

Pfefferspray eingesetzt

Und darum ging es: Der Angeklagte war einer von drei Insassen eines Autos, die Polizeibeamte in Marienhafe kontrollieren wollten. Ihr Interesse galt vor allem dem Fahrer. Der Angeklagte wurde als Zeuge behandelt und von den Beamten lediglich um seine Personalien gebeten. Die aber verweigerte der Angeklagte. Stattdessen pöbelte er herum, beschimpfte die Beamten und drohte ihnen.

Der Angeklagte sei durch ein „aggressives und unkooperatives Verhalten“ aufgefallen, beschrieb es ein als Zeuge gehörter Polizist. „Er hat sich vor uns aufgebaut“, sagte der Beamte. Weitere Beamte wurden zur Verstärkung gerufen. Die Situation spitzte sich zu und eskalierte schließlich. Die Polizisten setzten Pfefferspray gegen den Auricher ein und legten ihm Handschellen an. Zwischenzeitlich sei dieser geflüchtet, hieß es. Aus dem Streifenwagen, in den sich zu setzen, er sich mit aller Kraft weigerte, befreite sich der Angeklagte trotz fixierter Hände und verschlossener Autotüren.

Kamera filmte Geschehen

Wesentliche Teile des Geschehens zeigte ein Video, das eine Bodycam, englisch für eine kleine Kamera, am Körper eines der Beamten, aufgezeichnet hatte. Darauf ist nicht nur zu hören, wie der Angeklagte wütet und mit Tritten und Kopfnüssen droht, sondern auch, wie ein Beamter über diesen sagt: „Der ist völlig Panne, Alter!“

Beleidigungen der Beamten, wie in der Anklage formuliert, ließen sich darauf jedoch nicht ausmachen. Da sich auch die Beamten nicht erinnern konnten, vom Angeklagten als „Wichser“ und „Spastiker“ bezeichnet worden zu sein, wurde der Vorwurf der Beleidigung fallengelassen.

Vor dem Amtsgericht Norden musste sich der Auricher am Dienstag verantworten. Foto: Thomas Dirks
Vor dem Amtsgericht Norden musste sich der Auricher am Dienstag verantworten. Foto: Thomas Dirks

Die Bedrohung und den Widerstand indes sah Amtsanwalt Thomas Goldenstein als erwiesen an. Die Kontrolle sei komplett aus dem Ruder gelaufen. „Der Angeklagte war von Beginn an voll auf Krawall gebürstet“, sagte er. Das alles hätte schnell erledigt sein können, wenn er nur seine Personalien angegeben hätte, so der Anklagevertreter, der eine Bewährungsstrafe von sieben Monate forderte.

Alkohol und Marihuana

Auf fünf Monate plädierte der Pflichtverteidiger des Angeklagten, der Auricher Rechtsanwalt Arno Saathoff. Sein Mandant habe seinem Kumpel helfen und „mit Nebelkerzen“ die Beamten ablenken wollen. Die Situation habe sich „hochgeschaukelt“, weil sein Mandant durch vorherigen Konsum von Alkohol und Marihuana enthemmt gewesen sei, versuchte der Anwalt zu rechtfertigen.

Ihm tue die Sache sehr leid. „Ich schäme mich wie verrückt“, sagte der Angeklagte. Zuvor hatte er die Polizeibeamten um Entschuldigung gebeten.

Neun Vorstrafen

Richter Demarczyk nahm ihm die Reue ab, machte aber auch deutlich, was er vom Verhalten des Angeklagten hielt: „Sie haben sich wie die Axt im Wald aufgeführt und richtig auf die Kacke gehauen“, sagte er. Trotz der neun Vorstrafen des Aurichers, darunter auch Verurteilungen wegen Widerstands, Beleidigung, Bedrohung, Diebstahls und Drogendelikte, hielt der Richter eine Bewährungsstrafe gerade noch für angemessen. „Ich hoffe, dass Sie ihr Leben irgendwie in den Griff kriegen und doch noch auf den richtigen Weg kommen“, sagte Demarczyk an den Angeklagten gerichtet.

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