Münster Pablo Picasso: Wie passt das Genie in die Zeit von Gender und MeToo?
Pablo Picasso ist einfach nicht zu fassen: 50 Jahre nach seinem Tod wirkt der spanische Jahrhundertkünstler unangepasst. MeToo und Cancel Culture machen ihm zum Reibungspunkt.
War er nun ein Genie oder doch nicht? Besucher dürfen abstimmen, mit grünen und roten Punkten. PICASSO: Auf den wandfüllenden Schriftzug kleben schon hunderte dieser Punkte. Der Name leuchtet in sattem Grün, das allerdings von überraschend vielen roten Streifen durchzogen ist. War Pablo Picasso ein Genie? 50 Jahre nach seinem Tod fällt die Abstimmung nicht so eindeutig aus, wie es vielleicht vor Jahren noch der Fall gewesen wäre.
Kunstkenner lächeln vielleicht über die Wand mit den Klebepunkten. Das Publikumsvotum mag seine Unschärfen haben. Aber es zeigt einen Trend. Pablo Picasso beeindruckt nicht mehr alle Menschen als Titan der Kunst. Mit ihm verliert das Genie als sozialer Typus an Kurswert. Allem Starkult zum Trotz: Ausnahmeerscheinungen verlieren an allgemeiner Akzeptanz.
Planet Picasso: Das Bonmot trifft den stellaren Charakter dieser Figur. Das Prädikat Künstler wirkt schmal und schal angesichts dieses Kraftwerks der Kreativität, dieses Weltverschlingers und Arbeitswütigen. Pablo Picasso stellt keine Welt dar, er macht seine eigene: einen ganzen Kosmos aus Stieren und Zentauren, aus Gauklern und Göttern. Unter der heißen Sonne Picassos tobt das Leben als Reigen – und als Kampf.
Trügt der Eindruck oder verträgt sich dieser Entwurf eines hitzigen Lebensgenusses immer weniger mit jenen Lebensentwürfen, die sich um Leitbegriffe wie Partizipation und MeToo, Gender und Diversität formieren? Picassos Welt vibriert vor maskuliner Kraft. Um Aneignungen machte er sich keine Gedanken. Er nahm, was ihm weiterhalf: Techniken, Stile, Händler, ja, auch Menschen.
Seine Bilanz beeindruckt, auch die der Zahlen. Rund 16000 Gemälde und Zeichnungen, 1200 Skulpturen, 3000 Keramiken, tausende Grafiken: Picasso produzierte immer, ob nachts unter Scheinwerfern oder am Esstisch. Kunsthändler Maurice Rheims brauchte vier Jahre, um den Nachlass nach Picassos Tod 1973 zu katalogisieren. Schätzwert nach heutiger Währung: 700 Millionen Euro.
Zum 50. Todestag des Jahrhundertkönners blättert das Kunstmuseum Pablo Picasso sein zweites Album auf. Es gibt keine Phalanx der Meisterwerke, eher eine lose Folge von Kapiteln, die leisten sollen, was kaum möglich scheint – Picasso begreifbar zu machen. Wie hat er gearbeitet, wie gegessen? Was prägte seinen Umgang mit Frauen, wie stand er zu Tieren? Jede dieser Fragen soll eine Tür zum Titanen öffnen. Der bleibt aber auch in Münster, was er ist – beunruhigend rätselhaft.
Wenn Picasso seinen Dackel Lumpi tätschelt, wirkt er menschlich, wenn er in der Arena den Tod des Stiers bejubelt, nur abstoßend. Frauen hat er abgöttisch geliebt, sie aber auch geschunden. Engel oder Fußabtreter: Das war sein Kippbild der Frau, in diesen Worten. Pablo Picasso ist kein Hausgenosse, er bleibt ein ferner Gott, schmeichelnd in einem Augenblick, zerstörerisch im nächsten.
Wer in dieser Schau einen Weg zu Picasso sucht, der halte sich an die Fotografien von David Douglas Duncan. Der Kriegsfotograf und Intimus Picassos, der 2018 im Alter von 102 Jahren verstarb, schenkte dem Picasso-Museum 160 seiner Meisterfotos des großen Spaniers. Sie formieren sich jetzt zum Bilderpfad, der zum Charakterbild Picassos führt.
Duncan porträtiert den Künstler mit der Eulenmaske vor dem Gesicht oder zeigt ihn vor der Leinwand, auf der er gerade den ersten Strich gesetzt hat. Picasso spielt mit Lumpi, tanzt mit seiner Frau Jacqueline. Mal wirkt er anrührend menschlich, dann wieder undurchdringlich. War Pablo immer Picasso - und wenn ja, wie viele?
Picasso ist allgegenwärtig und doch immer genau da, wo man ihn nicht erwartet hat. Ist er deshalb für keine Cancel Culture zu fassen? Als größte Ich-AG der Kunstgeschichte wird er weiter Rätsel aufgeben, ja unbequem sein. Wer in Münster das Panorama seiner auch nach Jahrzehnten unfassbar intensiven Bilder abgeschritten hat, wünscht sich, dass Pablo Picasso ein Skandalon bleibt – allen roten Punkten zum Trotz.
Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Celebrating Picasso: Künstler – Mensch – Genie (?). Bis 17. September 2023. Di.-So., 10-18 Uhr.