Ostfriesland zeigt Gesicht  Mahnwache gegen rechtes Konzert in der Krummhörn

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 05.08.2023 23:34 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Dauerregen konnte den Demonstranten nichts anhaben. Tapfer hielten sie ihre Regenbogenfahnen und Schilder an der Zufahrtsstraße zum Veranstaltungsgelände hoch. Foto: Kim Hüsing
Der Dauerregen konnte den Demonstranten nichts anhaben. Tapfer hielten sie ihre Regenbogenfahnen und Schilder an der Zufahrtsstraße zum Veranstaltungsgelände hoch. Foto: Kim Hüsing
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Viele Ostfriesen nahmen am Sonnabend an einer Mahnwache in Canum teil. Sie protestierten gegen das Konzert „Live in der Krummhörn 2“. Dort gab es Anzeichen für Besucher mit rechtsextremer Gesinnung.

Krummhörn - Trotz Dauerregen harrten über 200 Ostfriesen am Sonnabendabend an einer Bushaltestelle in Canum aus. Viele zeigten nicht nur Gesicht, sondern auch Banner, Regenbogenfahnen oder Plakate. Sie alle waren dem Aufruf der Initiative Partnerschaft für Demokratie gefolgt. Diese hatte angesichts des ganz in der Nähe stattfindenden Konzerts „Live in der Krummhörn 2“ eine Mahnwache angekündigt. Denn sowohl die Veranstalter als auch Mitglieder einiger dort angekündigten Bands sind der Neonazi-Szene zuzuordnen.

Video
Krummhörn gegen Rechts - Mahnwache zum Konzert "Live in Krummhörn 2"
06.08.2023

„Ich bin schockiert, dass in der Krummhörn wieder Nazis aufmarschieren“, sagte Detlef Hillers. Er wohnt in der Krummhörn und war froh, dass so viele gezeigt haben, wofür Ostfriesland stehe. „Wir sind viel mehr als die brauen Socken auf dem Firmengelände“, betonte Frank Pfeiffer. Er war mit einigen Mitstreitern aus Norden angerückt. „Wir stehen für Vielfalt und wollen die Demokratie aufrecht erhalten“, ergänzte Martha Wenninga-Herlyn. Deshalb habe sie auch selbst bunte Plakate und Schilder gebastelt.

Zahlreiche Ostfriesen kamen in die Krummhörn, um bei einer Mahnwache in Canum Gesicht zu zeigen und für Vielfalt einzustehen. Foto: Kim Hüsing
Zahlreiche Ostfriesen kamen in die Krummhörn, um bei einer Mahnwache in Canum Gesicht zu zeigen und für Vielfalt einzustehen. Foto: Kim Hüsing

Initiative sendet „friedliches Zeichen“ in die Welt

Zu sehen war das Veranstaltungsgelände von der Bushaltestelle zwar nicht. Doch die Schilder „Kein Ort für Nazis“ hielten die Teilnehmer im strömenden Regen den vorbeifahrenden Auto- und Radfahrern entgegen. „Wir senden ein friedliches Zeichen aus der Krummhörn in die Welt“, rief Mitorganisator Jochen Risto den Menschen durch sein Megaphon zu. Der Sprecher der Initiative erntete Applaus und begeisterte Zustimmungsrufe. Erst am Montag hätten acht Leute zusammengesessen und überlegt, was sie spontan für ein Zeichen setzen könnten. „Ich bin sehr zufrieden, dass so viele gekommen sind“, so Risto. Gleichzeitig mache er sich jedoch Sorgen. Denn einige hätten ihn angerufen und gesagt, dass sie sich nicht trauen würden, vor Ort dabei zu sein. „Das zu hören, finde ich sehr schlimm“, sagt Risto.

Jochen Risto als Sprecher der Initiative Partnerschaft für Demokratie begrüßte die Teilnehmer der Mahnwache an einer Bushaltestelle in Canum. Foto: Kim Hüsing
Jochen Risto als Sprecher der Initiative Partnerschaft für Demokratie begrüßte die Teilnehmer der Mahnwache an einer Bushaltestelle in Canum. Foto: Kim Hüsing

Die Mahnwache lief friedlich ab, die Menschen kamen unter ihren Regenschirmen miteinander ins Gespräch. Zudem wurden mit „Die Moorsoldaten“ und „Bella Ciao“ zwei bekannte Lieder angestimmt. Maike Kreuzfahrt hielt währenddessen tapfer ihr Plakat mit der Aufschrift „Kein Platz für Rassisten, Faschisten, Hass“ in die Höhe. Es habe ihr schon bei einigen Demonstrationen treue Dienste erwiesen. Doch nun sei es wohl der letzte Auftritt des völlig durchnässten Papiers. Bei der Mahnwache dabei waren auch ein Bündnis aus „Aurich zeigt Gesicht“, Grünem Kreisverband, Grüner Kreistagsfraktion und „Omas gegen Rechts“.

Einige Konzertbesucher suchten das Gespräch mit den Polizeikräften. Foto: Kim Hüsing
Einige Konzertbesucher suchten das Gespräch mit den Polizeikräften. Foto: Kim Hüsing

Konzertbesucher lassen sich chauffieren

Die Polizei sicherte die Mahnwache mit mehreren Fahrzeugen und Beamten ab. Bisher sei alles ruhig, sagte eine Beamtin zu den Demonstranten. Und das blieb auch über den Abend so. Die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund wurde bei dem Einsatz unter anderem von der Bereitschaftspolizei, der Bundespolizei und benachbarten Dienststellen unterstützt. Auch der Staatsschutz und der Zoll waren vor Ort. Die Polizei führte umfassende Kontrollen durch. Gerade wer aus Richtung Freepsum nach Canum fuhr, musste damit rechnen, gestoppt zu werden. „Wir kamen nicht durch, wir wurden kontrolliert“, erzählte eine Teilnehmerin der Mahnwache. Gegen Ende machten sich einige der Teilnehmer auf den Weg zum Veranstaltungsgelände. Drei Angereiste Vertreter der Antifa aus dem Raum Oldenburg und Cloppenburg zogen mit ihrer schwarzen Fahne mit der weißen Aufschrift „Haltet die Umwelt sauber“ bis vor das Gelände des Unternehmens Friedrich Voß. Doch beim Betreten des Geländes wurden sie von der Polizei aufgehalten und gebeten, Abstand zu halten. Auch die Presse wurde aufgefordert, dass Gelände nicht zu betreten, es seien Personen der rechtsextremen Szene vor Ort, so ein Polizeibeamter.

Einige Polizeibeamte folgten den Demonstranten, die sich mit ihrer Anti-Nazi-Fahne auf das Veranstaltungsgelände gewagt hatten. Die Polizei forderte sie auf, den Hof zu verlassen. Foto: Kim Hüsing
Einige Polizeibeamte folgten den Demonstranten, die sich mit ihrer Anti-Nazi-Fahne auf das Veranstaltungsgelände gewagt hatten. Die Polizei forderte sie auf, den Hof zu verlassen. Foto: Kim Hüsing

Die Konzertbesucher selbst kamen mit Autos um die Ecke gebraust. Teilweise wild gestikulierend in Richtung der wartenden Fotografen, teilweise mit Masken im Gesicht verschwanden sie hinter der Hausecke. Andere Konzertbesucher kamen andernorts an und wurden mit mehreren Fahrzeugen, die als Shuttle dienten, auf das Gelände gefahren. Darunter war ein Fahrzeug eines Taxiunternehmens aus der Region, das offen am Zaun des Veranstaltungsgeländes warb. Ein Fahrzeug mit Norder Kennzeichen wurde mehrfach von einer Dame mittleren Alters vom und auf das Gelände gefahren. Ersichtliche Fahrgäste hatte sie nicht an Bord.

Einige Demonstranten zeigten vor dem Veranstaltungsgelände des Unternehmens Voß, was sie von der rechtsextremistischen Szene halten. Auch die Polizei war permanent vor Ort. Foto: Kim Hüsing
Einige Demonstranten zeigten vor dem Veranstaltungsgelände des Unternehmens Voß, was sie von der rechtsextremistischen Szene halten. Auch die Polizei war permanent vor Ort. Foto: Kim Hüsing

Nur wenige Konzertbesucher kamen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Viele hatten markige Sprüche drauf, die sie den Medienvertretern entgegen riefen. Auf einem Norder Fahrzeug prangte unübersichtlich am Kotflügel ein Eisernes Kreuz mit drei Totenköpfen. Doch insgesamt blieben viele der zunächst erwarteten 200 Gäste aus. Die vielleicht 100 Anwesenden verschwanden schnell in der roten Halle des Unternehmens, durch deren Wände zu Beginn des Konzerts vor allem Bässe und bekannte deutsche Lieder wie „Friesenjung“, „99 Luftballons“ oder auch „Der Mann mit dem Koks ist da“ zu hören waren.

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