Berlin Nächster SPD-Kanzlerkandidat Boris Pistorius?
Wenn Olaf Scholz aus dem Urlaub zurück ist, hat er neben der Wirtschaftskrise auch die K-Frage an der Backe: Verteidigungsminister Boris Pistorius sei der Bessere, um das Kanzleramt für die Genossen zu verteidigen, finden Auguren der Berliner Blase.
Während Kanzler Olaf Scholz im „befreundeten europäischen Ausland“ urlaubt, überschlagen sich in Berlin die Personaldebatten. Nicht nur CDU-Chef Friedrich Merz schwimmen die Felle davon. Auch Regierungschef und SPD-Mann Scholz gerät in Bedrängnis.
Der SPD sei „das Schlimmste passiert“, sie habe „den falschen Mann ins Kanzleramt geschickt“, schreibt der stets meinungsstarke und fast immer gut informierte Gabor Steingart (The Pioneer) in seinem morgentlichen Briefing. Er verweist auf Scholz‘ dürftige Umfragewerte und folgert angesichts der Beliebtheit des Verteidigungsministers: „Die Alternative zu Scholz lautet nicht Merz, sondern sie könnte aussehen wie Boris Pistorius“.
Was hat Pistorius, was Scholz nicht hat? Da ist zum Einen die Liebe zum VfL Osnabrück. Im Stadion ist der Verteidigungsminister zwar seltener zu sehen. Über seinen Fußballverein spricht er dafür gern auf Dienstreisen, den Zweitliga-Spielplan hat er im Kopf. Von Olaf Scholz ist zwar bekannt, dass er dem Frauen-Nationalteam die Daumen drückt. Das half bei der WM freilich wenig. Und es reicht einfach nicht aus, um echte Volksnähe herzustellen.
Da ist zum Zweiten das Anpacker- und Kumpel-Image. Es gibt Bilder, die Olaf Scholz beim Streicheln einer Haubitze 2.000 zeigen. Pistorius ist gefühlt immer mitten unter seinen Soldaten, als sei er einer von ihnen. Es ist ja nicht so, dass der Nachfolger von Christine Lambrecht seit Januar die ganzen Probleme der Truppe gelöst hätte. Seine Beliebtheit zeigt vielmehr, dass die Leute ihm abnehmen, die Probleme wirklich lösen zu wollen und tatsächlich Anteil zu nehmen. Er kommt einfach voll sympathisch rüber.
Der Blick auf Robert Habeck nährt freilich Zweifel daran, dass das allein für eine Kanzlerkandidatur reichen kann. Vor einem Jahr war zu lesen, der grüne Wirtschaftsminister sei quasi schon der nächste Regierungschef, denn er mache praktisch alles richtig. Seine leicht erratische, aber eben furchtbar nette Art zu kommunizieren wurde als entscheidender Pluspunkt gegenüber dem stocksteifen Olaf Scholz ausgemacht. Dann kam das Heizungsgesetz.
Pistorius oder Scholz: Die K-Frage der Genossen sollte mithin nicht nur nach momentanen Sympathiewerten entschieden werden. Das Beispiel Habeck zeigt: Der Liebling der Nation kann schnell fallen gelassen werden wie eine heiße Kartoffel. Das wiederum kann Scholz nicht passieren, weil er nie Publikumsliebling gewesen ist.
Und doch muss mit Pistorius gerechnet werden. Vor 15 Monaten, im Mai 2022, hieß es schon von Hannoveraner Insidern, sein Aufstieg zum Verteidigungsminister „liegt sehr nahe“.
Die Begründung damals: Christine Lambrecht sei – wie heute Scholz – unten durch. Damals gab es hochnäsige Einwürfe aus Berlin, die bundespolitische Bühne sei für den Niedersachsen eine Nummer zu groß. Anfang des Jahres übernahm Pistorius das harte Amt doch – und schlägt sich seitdem mit Bravour.
Knapp zwei Wochen ist der Kanzler schon im Urlaub. Wie lange kann er es sich noch erlauben, den wilden Personalspekulationen zuschauen?