Hamburg Warum gibt es für Azubis viel weniger Angebote und Unterstützung als für Studis?
Lehrjahre sind keine Herrenjahre – das Studium gilt dagegen oft als beste Zeit des Lebens; voller Freiheiten, Privilegien und Selbstbestimmung. Warum erfahren Auszubildende so viel weniger Unterstützung als Nachwuchs-Akademiker?
Gemütlich um 10 Uhr zur ersten Vorlesung schleppen, danach in der Mensa für 3,55 Euro gar nicht mal schlechtes Schweinegeschnetzeltes, Kartoffelrösti und Prinzessbohnen essen und nachmittags mit den Freunden in der Bibliothek lernen, bis der Erste zur Kaffeepause ruft. Kein Problem, was man heute nicht gelernt hat, lernt man morgen; zumal die Unitheatergruppe, der Hochschulsport oder die WG-Party warten. Vor lauter Studieren soll man ja nicht das Leben vergessen...
Ganz so klischeehaft entspannt ist das Studium natürlich nicht immer – aber eben auch nicht nie. Jedes Semester stehen dutzende Kurse zur Wahl, die es nach Interesse, Biorhythmus und Lebensplanung zu wählen gilt. Dazu kommen Hunderte von Freizeitangeboten – von Gleitschirmfliegen bis Debattieren – und Tausende Kommilitonen, von denen sich der eine oder die andere als Freund fürs Leben entpuppen könnte. Ein Mikrokosmos der Möglichkeiten, Freiheiten und Selbstbestimmung, von dem viele noch nach Jahrzehnten als „beste Zeit ihres Lebens“ schwärmen – und von dem Lehrlinge nur träumen können.
Schließlich sind Lehrjahre keine Herrenjahre. Der Azubi muss machen, worauf die Kollegen keine Lust haben – der kann sich schließlich nicht so einfach beschweren. Zumindest nicht, wenn er später mal übernommen werden und von den doppelt so alten Kollegen akzeptiert werden will. Für gerade mal 620 Euro, so niedrig ist das Mindestgehalt für Azubis im ersten Lehrjahr, gilt es in Vollzeit zu schuften. Freiheit oder Selbstbestimmung im Arbeitsalltag? Ist erstmal nicht vorgesehen: Den Alltag diktieren die Einsatzpläne von Betrieben und Berufsschulen, nicht das eigene Gusto.
Obwohl Deutschland gleichermaßen Akademiker wie auch ausgebildete Fachkräfte benötigt, wird Studis eine andere Stellung und Unterstützung zugesprochen als Azubis. Das beginnt bei der Wertschätzung, reicht aber deutlich darüber hinaus. Vergleicht man Angebots- und Unterstützungsinfrastruktur, muss man feststellen: Als Azubi kommt man nur an einen Bruchteil der Erleichterungen, die Studis genießen können.
Rabatte im Schwimmbad oder der Kinokasse schön und gut – aber wo sind die großen, staatlich geförderten Wohnheime speziell für Auszubildende, deren Wunschstelle nicht im Heimatdorf zu finden ist? Wo die von Kammern und Betrieben unterstützten Angebote zur Vernetzung mit anderen Azubis? Wo die kostenlosen Sprachkurse, die auf internationale Karrieren vorbereiten? Und wo die Unterstützungsangebote in Anlehnung an die Studierendenwerke, die es in jeder Hochschulstadt gibt? Es tut mir leid, aber wer Azubis so hängen lässt und nur angehende Akademiker hofiert, darf sich nicht wundern, dass eine Viertelmillion Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können.
Ausbildung und Studium werden nie gleich sein. Müssen sie auch nicht: Beide Wege in den Arbeitsmarkt bieten jeweils unterschiedliche Vorteile, die jeder Schulabgänger für sich abschätzen muss. Beides ist wichtig für die Wirtschaft. Wenn Gesellschaft und Politik es weiterhin verpassen, Auszubildenden angemessen unter die Arme zu greifen, darf sich nicht wundern, wenn die Berufsschulen leerer und die Unis voller werden.