Hamburg Wie Tierarzt Stephan Leser blinde Pferde wieder sehen lässt
Wenn ein Pferd am Auge erkrankt, führen alle Wege nach Sittensen an der A1. Dort steht die Hanseklinik für Pferde. Bis zu 1000 Operationen führt der Hamburger Tierarzt Dr. Stephan Leser hier jedes Jahr durch, denn auf seinem Fachgebiet hat er den ultimativen Durchblick.
Stephan Leser saß schon als vierjähriger Knirps im Sattel, Pferde wurden seine Passion. Seine Kumpel in Eppendorf konnten damit zwar nicht viel anfangen. „Aber wenn im Reitclub gefeiert wurde, waren sie immer gern dabei“, sagt Leser und lacht. Der vermeintliche Mädchensport – zu besonderen Anlässen übte er auch auf die halbstarken Jungs aus Hamburg eine große Anziehungskraft aus.
Heute kommt der 44-Jährige kaum noch zum Reiten. Aber mit Pferden hat er trotzdem Tag für Tag zu tun. In der Hanseklinik für Pferde in Sittensen landen sie auf seinem OP-Tisch. Stephan Leser ist Deutschlands führender Arzt, wenn es um Augenoperationen bei Pferden geht. Unsere Redaktion durfte ihm bei der Arbeit zugucken.
Periodische Augenentzündung: So heißt eine chronische Augenerkrankung, die laut Statistik etwa jedes zehnte Pferd heimsucht. Bricht sie einmal aus, kann sie – vergleichbar mit Herpes – immer wieder zurückkehren und im schlimmsten Fall zur Erblindung führen. Zudem werden die Tiere von einer Art Migräne geplagt. Doch Dr. Stephan Leser hat ein Mittel dagegen: die sogenannte Vitrektomie. Bis zu 1000 Mal im Jahr führt er sie an Pferden durch. „Damit konnten wir sogar die Sehkraft von Pferden erhalten, die eigentlich schon als blind galten“, sagt er. Auch die Kopfschmerzen seien nach der im Normalfall etwa 20-minütigen Operation passé.
An diesem Vormittag hat Leser einen „klassischen Fall“ auf dem Tisch: einen drei Jahre alten Hengst, der eigentlich eine Karriere als Sportpferd vor sich haben soll, der sich aber mit einer periodischen Augenentzündung kaum verkaufen lässt. Unter Vollnarkose und kopfüber, die Hufe mit gepolsterten Manschetten zusammengebunden, ist der knapp 700 Kilogramm schwere Koloss über Schienen an der Decke in den OP-Saal gefahren worden. Vier Angestellte assistieren Tierarzt Dr. Stephan Leser. Der ist ein wenig hinterm Zeitplan. Denn die Box, die als Aufwachraum dient, ist noch belegt: „Der Patient davor hat sich nach dem Aufwachen direkt wieder hingelegt. Kann passieren.“
Die Zwangspause hat der Doktor genutzt, um einen Happen zu essen – und ein wenig über sich zu erzählen. Aufgewachsen in einer pferdebegeisterten Familie in Hamburg-Eppendorf, verbrachte er schon als Kind viel Zeit im Reitstall in Kayhude (Kreis Segeberg). „Später bin ich dann auch Turniersport geritten“, verrät er, „und mein Berufswunsch war schon immer Tierarzt.“ Über den Umweg eines BWL-Studiums landete er als Student der Veterinärmedizin in Budapest. Zum Experten für Augenheilkunde für Pferde wurde Leser schließlich in München: „Meine Doktorarbeit habe ich dort bei Professor Hartmut Gerhards geschrieben. Er war der weltweit führende Spezialist auf dem Gebiet und hat zu der Zeit überhaupt nur einen Doktoranden außer mir ausgebildet.“
Der Weg in die Selbstständigkeit führte Stephan Leser 2012 nach Rotenburg/Wümme, wo er sich in die Praxis von Dr. Jens Körner einkaufte, die dieser von seinem Vater übernommen hatte. „Wir waren zu zweit, dazu eine Arzthelferin“, erinnert er sich. Aber die beiden waren eben auch echte Experten. Während der mit internationalen Diplomen dekorierte Sportpferdeorthopäde Jens Körner besonders für seine Kaufuntersuchungen gefragt ist, bevor ein Pferd den Besitzer wechselt, setzt Stephan Leser auf dem Gebiet der Augenheilkunde (Ophthalmologie) Maßstäbe. Er operiert und doziert darum auch regelmäßig im Ausland, etwa in Paris. Dort lernte er den Kehlkopf-Spezialisten Dr. Olivier Brandenberger kennen, der heute das Ärzteteam der 2019 in Sittensen eröffneten Hanseklinik für Pferde komplettiert.
Doch Stephan Leser hat nicht nur das Knowhow, er hat auch das richtige Werkzeug. „Wir entwickeln alles selbst“, sagt er. Das gilt auch für das OP-Gerät, das nun vor sich hinpiept und darauf wartet, die Entzündungsflüssigkeit aufzunehmen, während sich der Pferdeaugendoktor an die Arbeit macht. Bei einer Vitrektomie wird der Glaskörper im Auge unter sterilen Bedingungen zerkleinert, abgesaugt und gespült. Über zwei Zugänge werden Entzündungsprodukte und Teile des Glaskörpers entfernt. Gleichzeitig wird der Glaskörperraum mit einer Salzlösung aufgefüllt. „Halten Sie sich nahe der Wand“, rät der Doktor noch, „und wenn Ihnen beim Zugucken schwummrig wird, gehen Sie rechtzeitig raus.“
Es geht. Die angekündigten 20 Minuten später hält Stephan Leser ein Glas mit den 15-fach verdünnten Entzündungspartikeln gegen das Licht. Operation gelungen, Patient schläft. Wenn er aufwacht, wird er wieder schmerzfrei und klar gucken können – für Fluchttiere wie Pferde besonders wichtig. Das Tier bleibt zur Nachsorge noch ein paar Tage in stationärer Behandlung, sein Aufenthalt in der Hanseklinik schlägt mit gut 6000 Euro zu Buche.
Stephan Leser wird an diesem Tag noch zwei weitere Vitrektomien durchführen, bevor er sich auf den Heimweg Richtung Hamburg macht: „Ich fahre dem Berufsverkehr auf der A7 entgegen, das ist natürlich angenehm.“ Tags darauf soll es in den Urlaub in die Schweiz gehen. Mit Zwischenstopp in Frankfurt/Main. Noch eben ein Pferd am Auge operieren.