Hamburg  Opfer über den Amoklauf bei den Zeugen Jehovas: „Normalen Alltag gibt es nicht mehr“

Markus Lorenz, Yannick Kitzinger
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Von Markus Lorenz, Yannick Kitzinger
| 25.07.2023 17:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Können wieder lächeln: Die Überlebenden des Amoklaufs beim Sommertreffen von Jehovas Zeugen in der Hamburger Barclays Arena: Marcel (von links), Fee, Mary, Kevin, Julien und Jonathan. Foto: Yannick Kitzinger
Können wieder lächeln: Die Überlebenden des Amoklaufs beim Sommertreffen von Jehovas Zeugen in der Hamburger Barclays Arena: Marcel (von links), Fee, Mary, Kevin, Julien und Jonathan. Foto: Yannick Kitzinger
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135 Mal feuerte Attentäter Philipp F. auf seine ehemaligen Glaubensbrüder, tötete sieben Menschen. Sechs Überlebende geben gut vier Monate nach der Tat am 9. März Einblicke in ihr Seelenleben.

Die Barclays Arena Hamburg. Im großen Rund der Halle haben sich an diesem Juli-Wochenende mehr als 7500 Zeugen Jehovas aus Norddeutschland versammelt. Es ist der erste große Sommerkongress der Glaubensgemeinschaft im Norden seit 2019, seit Corona.

Dass die Teilnehmer wieder in Präsenz zusammenkommen können, macht das Treffen zu etwas Besonderem. Noch ungewöhnlicher erleben sechs Mitglieder der Glaubensgemeinschaft aus Hamburg die Veranstaltung. Sie alle sind Überlebende des Amoklaufs vom 9. März. Waren dabei, als Philipp F. im Versammlungsraum der Zeugen Jehovas an der Deelböge in Alsterdorf das Feuer eröffnete.

Wahllos schoss das frühere Gemeindemitglied aus einer halbautomatischen Pistole, 135 Schuss auf seine ehemaligen Glaubensschwestern und -brüder. Sechs Erwachsene und ein ungeborenes Kind im Mutterleib starben, im Anschluss tötete sich der 35-Jährige selbst.

Gut vier Monate später sind die vier Männer und zwei Frauen bereit, mit unserer Zeitung am Rande des Sommertreffens über die traumatischen Momente zu sprechen. Und über die Zeit danach. Denn: Der Blick nach vorn ist ihnen wichtig. Wie gehen sie heute mit der Tat um? Welche Narben sind geblieben? Welche Rolle spielt ihr Glaube bei der Aufarbeitung?

Die meisten von ihnen haben therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Und alle sechs äußern einen Wunsch. Sie möchten, dass die Wiedergabe ihrer Aussagen der Würde des Anlasses und dem Andenken an die Verstorbenen gerecht wird. Wir geben das Gesagte im Folgenden wörtlich wieder, gegliedert nach Themen. Die sechs Zeugen Jehovas haben die Zitate vor der Veröffentlichung freigegeben.

Die Atmosphäre beim Gespräch in einer Lounge der Barclay Arena ist erstaunlich positiv, fast schon gelöst. Die sechs berichten über die düstersten Augenblicke ihres Lebens und können doch auch immer wieder lachen. Über das, was war und wie sie damit umgehen.

Die Überlebenden der Alsterdorfer Amoktat, die an diesem Gespräch teilgenommen haben, sind:

Jonathan (38). Ihn trafen die ersten vier Schüsse des Attentäters in den Bauch. Der zweifache Vater wird lebensgefährlich verletzt, lehnt auf dem OP-Tisch dennoch eine Bluttransfusion ab – so, wie es die Überzeugung der Zeugen Jehovas vorsieht.

Kevin (31) und Mary (25) sind ein Paar. Als die Schüsse fallen, versteckt sich Mary mit anderen hinter einem Tisch im Versammlungsraum des Gebäudes, Kevin rettet sich in die Herrentoilette.

Auch Fee (30) und Marcel (30) sind miteinander verheiratet. Am Abend des Attentats flieht Marcel in den ersten Stock des Gemeindesaals und informiert von dort die Polizei per Handy über die Situation im Gebäude. Fee verharrt im Erdgeschoss mit anderen in einem Versteck. Sie bleibt wohl auch deshalb unverletzt, weil sich ein Glaubensbruder schützend auf sie wirft. Er stirbt.

Julien (29) verschanzt sich während des Amoklaufs mit seiner Frau und mit anderen auf der Damentoilette, verbarrikadiert die Tür mit dem Stiel eines Wischmobs.

Jonathan: Ich habe nach den ersten Schüssen erst den Notruf gewählt, dann gebetet und dann gedacht: „Der darf hier nicht reinkommen. Ich sterbe hier heute nicht.“

Fee: Als mir bewusst wurde, dass mein Versteck doch nicht so gut ist, wusste ich, es kann auch mich treffen. Da habe ich gezittert.

Julien: Das war eine Situation der kompletten Panik und des kompletten Chaos. Ich habe geistesgegenwärtig einfach versucht, mich und andere zu schützen, für andere da zu sein. In unserem Versteck haben wir zusammen gebetet, um innere Ruhe zu haben. Aber natürlich hat man auch Panik und Angst um andere, das ist ein völlig normales Gefühl.

Mary: Ich habe an gar nichts gedacht, habe die Hand eines Glaubensbruders gehalten. Ich war mega unter Schock, wie versteinert. Jemand hat angefangen zu beten, da habe ich auch gebetet: „Jehova, Hilfe, Jehova, Hilfe“ – mehr kam nicht raus.

Marcel: Als ich wusste, dass es mich treffen kann, hat es mir mehr Leid getan um die, die noch da sind, als um mich –  meine Familie und Fees Familie. Ich war sehr froh, dass ich immer meine Freundschaft zu Gott aufrecht erhalten habe und deshalb so ein schönes Gefühl in der Situation haben konnte (lacht). Das Adrenalin war natürlich ganz oben, das Herz am Pochern. Aber: Angst vor dem Tod war nicht da.

Fee: Ich war zu 100 Prozent sicher, dass ich wieder auferstehen werde, das ist Teil meines Glaubens, das hat mir geholfen. Ich habe gedacht: Es ist so, als wenn man abends einschläft und am nächsten Morgen wieder aufwacht.

Jonathan: Ich selber hatte die Ruhe, klar zu denken. Da hab’ ich gemerkt, was ich für einen Schatz in meinem Glauben habe, dass ich keine Angst vorm Sterben hatte; ich wollte auf keinen Fall meine Familie allein lassen.

Marcel: Suche keinen Sinn in einer sinnlosen Tat. Ich kenne niemanden bei uns, der deswegen Hass in sich hat. Dass dies so schön funktioniert, ist ein echter Segen.

Julien: Ich lege meinen Fokus auf meine Freunde, auch unter den Opfern waren einige meiner besten Freunde. Die Trauer ist so groß, dass ich die Kraft brauche, um selbst wieder zu Kräften zu kommen und für meine Freunde da zu sein. Kraft zu investieren, um einen Sinn in dem Anschlag zu suchen, dafür ist mir meine wenige Kraft zu kostbar.

Julien: Mir hilft zu verstehen, dass es dem Gott, an den wir glauben, zusteht, ein Urteil zu fällen. Das gibt mir ganz, ganz viel Erleichterung, weil ich weiß, das ist nicht meine Aufgabe. Das ist Chefsache. 

Mary: Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Wir leiden zusammen, wir weinen zusammen, wir lachen zusammen.

Kevin: Das geht mal mehr, mal weniger gut, es ist tagesformabhängig. Wir suchen uns die Kraftquellen, die wir haben. Wir versuchen, Routinen beizubehalten und Zeit miteinander zu verbringen; auch Sport hilft uns.

Julien: Mir ist bewusst, dass es den normalen Alltag nicht mehr gibt. Es ist so viel geschehen, dass sich vielleicht mal ein neuer Alltag einstellt. Was uns passiert ist, ist jetzt Teil unserer Geschichte. Man versucht, sich ins Leben zurückzukämpfen, sich wieder Ziele zu setzen. Der Prozess ist bei mir noch nicht zu Ende.

Fee: Es tut besonders gut, mit denen zu sprechen, die an dem Abend dabei waren. Es ist schön, dass jedes Gefühl erlaubt ist. Jeder ist an einem anderen Punkt der Bewältigung. Das ist ok, jeder weiß das. Wir spüren ganz viel Rücksicht.

Jonathan: Heute fühlt es sich an wie ein Zurück in die Normalität, auch wenn es noch Baustellen körperlicher Art gibt. Ich habe seit Wochen begeistert darauf hingearbeitet, dass ich heute fit bin. Ich bin kein geduldiger Mensch, was meine eigenen Bedürfnisse angeht, aber ich krieg’ das halbwegs hin. Ich habe schweren Herzens lernen müssen, dass ich meinem Körper Zeit geben muss.

Wir merken, wir sind eine große Gemeinschaft. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Das ist auch die Botschaft: Zuversicht und Hoffnung sind feste Glaubensfundamente. 

Marcel: Ich bin einfach nur dankbar, dass wir da sind. Es ist so ein besonderes Gefühl, wertgeschätzt zu werden.

Jonathan: Darüber nachzudenken, führt nur zu Frust. Eine Zeitlang kamen diese Gedanken auf, was alles hätte gemacht werden können. Aber: Das führt nur dazu, dass man sich nicht gut fühlt. Ich habe das sofort im Keim erstickt.

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