Osnabrück  Warum wir auf Fotos gefühlt oft schlechter aussehen als im Spiegel

Christian Satorius
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Von Christian Satorius
| 28.07.2023 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Selfies gehören vor allem für junge Menschen zum Alltag. Doch oft sehen wir auf Fotos deutlich anders aus. Woran liegt das? Foto: dpa
Selfies gehören vor allem für junge Menschen zum Alltag. Doch oft sehen wir auf Fotos deutlich anders aus. Woran liegt das? Foto: dpa
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Wer kennt es nicht: Das eigene Spiegelbild erweckt den Eindruck, man sehe blendend aus. Auf dem anschließenden Selfie dann aber der Schock: Bin das wirklich ich? Der Grund für diese Wahrnehmung ist recht simpel – und kann ganz einfach ausgetrickst werden.

Die Urlaubsfotos sind eigentlich gar nicht so schlecht geworden und doch sind wir unzufrieden. Die Frisur sitzt nicht richtig und überhaupt sind wir auf den Fotos irgendwie nicht wir selbst. Gar keine Frage, es kann natürlich ganz einfach an mangelndem fotografischen Geschick liegen – oder aber am Spiegelbild.

Der Spiegel zeigt nämlich im Gegensatz zur Fotografie ein spiegelverkehrtes Bild von uns. Dieses spiegelverkehrte Bild kennen wir nur zu gut, denn schließlich putzen wir uns jeden Tag vor dem Spiegel die Zähne, kämmen, föhnen, schminken oder rasieren uns davor. Eine Fotografie zeigt uns aber von einer ganz anderen Seite – nämlich von der, die wir normalerweise im Alltag gar nicht zu Gesicht bekommen. Das ist die Seite, die alle anderen Menschen von uns kennen.

Wäre unser Gesicht nun zu einhundert Prozent symmetrisch, dann wäre das eigentlich gar kein Problem, denn dann wäre es schlicht und einfach egal, ob wir uns im Spiegel sehen oder auf einer Fotografie betrachten. Aber unser Gesicht ist nicht vollkommen symmetrisch. Ganz im Gegenteil, gibt es sogar eine ganze Reihe kleinerer und größerer Ungleichheiten. Bei asymmetrischen Frisuren, Sommersprossen, Leberflecken, Warzen oder Narben ist dies noch umso mehr der Fall. Wer einmal nur seine linke oder rechte Gesichtshälfte spiegelt, wird überrascht sein, wie anders das aus zwei linken bzw. zwei rechten Gesichtshälften zusammengesetzte Gesicht aussieht.

Der US-amerikanische Sozialpsychologe Robert Zajonc hat in mehreren Studien den sogenannten Mere-Exposure-Effekt nachweisen können. Der besagt im Prinzip nichts anderes, als dass wir Bekanntes meist als angenehmer und sympathischer empfinden als Unbekanntes und Neues. Für die Urlaubsbilder bedeutet das: Unser Spiegelbild sehen wir tagtäglich und es ist uns wohlbekannt, wohingegen wir Fotos von uns eher seltener betrachten und unser eigentlich seitenrichtiges Abbild auf der Fotografie als ungewohnt wahrnehmen.

Interessanterweise gilt das auch umgekehrt, wie Theodore H. Mita und sein Team von der Universität Wisconsin herausgefunden haben: Freunde und Bekannte, die unser Spiegelbild nicht kennen, bevorzugen in der Regel unsere Fotoansicht. Diese Studien wurden nun allerdings in den 1960er und 1970er Jahren durchgeführt. Seitdem hat sich einiges geändert.

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Heutzutage sieht das Ganze nämlich schon etwas anders aus. Heute sind Fotos allgegenwärtig und im Zuge der Digitalisierung haben wir unser Abbild immer besser kennengelernt. Während man früher oft nur im Urlaub oder zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen fotografierte, sind Fotos heute wirklich überall und mit ihnen auch die Selbstporträts. In einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom aus dem Jahr 2021 gaben 79 Prozent der Nutzer von Smartphones an, Selfies zu machen. Demnach machten 75 Prozent der 16- bis 29-Jährigen mindestens einmal pro Woche ein Foto von sich. Mehr als ein Viertel (28 Prozent) davon sogar täglich.

Aber auch dieser Gewöhnungseffekt kann nicht verhindern, dass einem beim Betrachten der Urlaubsfotos vor allem die Dinge ins Auge springen, die man an sich selbst nicht so gerne sieht. Augenringe, Pickel, Hautunreinheiten und kahle Stellen im Haar fallen bei genauerer Betrachtung des Fotos natürlich umso mehr auf.

Moderne Digitalkameras arbeiten all diese Details mit ihren scharfen Objektiven oft überraschend gut heraus. Auch das automatische Erhöhen der Kontraste bzw. das automatische Nachschärfen, was viele Kameras meist ungefragt ganz von alleine machen, trägt nicht gerade zu einem gefälligeren Selbstbild bei. Wer hat, der sollte also unbedingt den Portrait-Modus an seiner Kamera wählen, der das Ganze ein wenig schöner macht. Natürlich gibt es dafür auch jede Menge Apps, die man auch noch im Nachhinein verwenden kann.

Manche Handykameras verzerren aber auch die Gesichtszüge und betonen die Nase über. Wer beim Selfie nicht ausgerechnet zum Ultraweitwinkelobjektiv des Handys greift und das Smartphone am ausgestreckten Arm möglichst weit weg vom Gesicht hält, sieht oft schon viel besser aus. Wer dann auch noch seine Schokoladenseite kennt und sich beim Posen nicht allzu sehr verkrampft, der hat eigentlich ganz gute Chancen auf Urlaubsfotos, auf denen man endlich einmal gut aussieht.

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