Osnabrück Vom Flüchtling zum Azubi in weniger als einem Jahr
Alon Lika kam vor nicht mal einem Jahr als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Albanien nach Osnabrück. In unter einem Jahr lernt er deutsch und findet einen Ausbildungsplatz. Das ist seine Geschichte.
Im November 2022 bricht Alon Lika auf: Von der albanischen Kleinstadt Kukës in den Norden Deutschlands, nach Osnabrück. Mehr als 20 Stunden dauert die Reise mit dem Auto. Der 17-Jährige lässt alles hinter sich: seine Familie, seine Freunde, seine Schule, seine Hobbys. „Ich wusste, dass ich in Deutschland ein besseres Leben haben kann. Deswegen bin ich losgefahren”, sagt Lika.
Deutschland kennt er da nur aus Erzählungen. Geschichten über Migration dürfte es in Albanien viele gebe, denn der Balkanstaat, der nicht Teil der EU ist, hat eine lange Auswanderungsgeschichte. Heute wird die albanische Diaspora auf vier Millionen Menschen geschätzt, während im Land selbst nur 2,7 Millionen Menschen leben. Auch in Likas Familie ist man mit Migration vertraut. Zwei seiner Cousins leben bereits in Osnabrück, immerhin ein Stück Familie.
Doch als Lika ankommt, ist er erstmal allein. Als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling kommt er zunächst in einer Gemeinschaftsunterkunft unter und wird schließlich in einer Wohngemeinschaft untergebracht. Und weil in Deutschland für alle die Schulpflicht gilt, sitzt Lika wenige Tage nach seiner Ankunft in einem deutschen Klassenzimmer und versteht nichts.
„Bei uns kommen alle neuen Schüler, die kein Deutsch sprechen können, erstmal in die Sprachförderklasse mit dem niedrigsten Niveau”, sagt Likas Lehrerin Arbresha Nikqi. Sie kennt den 17-Jährigen seit dem ersten Tag an der Schule. Nikqi ist ein echter Glücksfall für den Schüler, denn sie ist selbst als Jugendliche aus dem Kosovo geflohen und spricht daher albanisch. „Meine eigenen Erfahrungen sind natürlich hilfreich, weil ich mehr Verständnis für die Schüler habe“, sagt Nikqi.
Lika entwickelt sich schnell zum Musterschüler. Er durchläuft in wenigen Monaten das sorgsam geplante System zur Integration und spricht nach acht Monaten so gut Deutsch, dass er eine Lehre als Maler und Lackierer anfangen kann. Weil er als Albaner kaum Chancen auf Asyl hat, ist der Ausbildungsplatz elementar. Nur deswegen darf er in Deutschland bleiben — erstmal für drei Jahre.
Wenn Lika darüber spricht, merkt man dem sonst so ruhigen Teenager seine Nervosität an. „Ich habe eine Probezeit und das muss ich natürlich schaffen“, sagt er. Er weiß, dass alles in seiner neuen Heimat davon abhängt. „Ich muss mich auf mein Leben hier konzentrieren und alles andere ausblenden. Aber natürlich denke ich ständig an meine Familie“, sagt er. Er telefoniere jeden Tag mit ihnen, manchmal auch zweimal.
Sein zukünftiger Chef Sebastian Vallo ist weniger nervös. „Er hat bei uns zur Probe gearbeitet und das hat super geklappt”, sagt der 43-jährige Malermeister. Er hat Erfahrungen mit Flüchtlingen als Azubis, in seinem Betrieb hat er junge Männer aus dem Sudan und Afghanistan zu Malern ausgebildet. „Natürlich brauchen sie an der ein oder anderen Stelle mehr Unterstützung, aber bei uns funktioniert das bislang gut”, sagt er.
Für den Unternehmer sind die Azubis in Zeiten des Fachkräftemangels extrem wichtig. „Es ist schwierig, erfahrene gute Leute zu finden, deswegen bilden wir selbst aus“, sagt er. Und viel wichtiger als perfekte Deutschkenntnisse sei der Wille zu lernen und zu arbeiten. „Die Jungs müssen oft sehr früh auf eigenen Beinen stehen und sind deswegen auch sehr lernwillig”, sagt Vallo.
Für Lika beginnt mit der Ausbildung ein neuer Lebensabschnitt in Deutschland. Was danach kommt, kann der 17-Jährige noch nicht sagen. „Ich möchte weiterlernen und hier bleiben”, sagt er.