Bersenbrück  Fragen an eine Hundertjährige aus Bersenbrück: Worauf kommt es im Leben wirklich an?

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 25.07.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Maria Anders mit ihrem Sohn Werner. Wenn die Hundertjährige über ihn spricht, strahlt sie übers ganze Gesicht und sie klingt stolz. Dieses Foto hat ihre Schwiegertochter Doris gemacht. Foto: Doris Anders
Maria Anders mit ihrem Sohn Werner. Wenn die Hundertjährige über ihn spricht, strahlt sie übers ganze Gesicht und sie klingt stolz. Dieses Foto hat ihre Schwiegertochter Doris gemacht. Foto: Doris Anders
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Was ist ein gutes Leben? Wie findet man Glück? Worauf kommt es am Ende wirklich an? Maria Anders ist in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden und findet im Interview Antworten, die andere inspirieren können.

Maria Anders wohnt in einem Pflegeheim in Bersenbrück. Dort haben wir mit ihr über ihr langes Leben gesprochen. Nicht auf alle Fragen hatte Anders eine Antwort. Zeit, so wirkt es, hat für sie in diesem Lebensabschnitt eine andere Bedeutung als für Jüngere.

Manche Erlebnisse, die Jahrzehnte her sind, hat sie vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Dann spiegelt sich mal große Furcht und mal mitreißende Freude in ihrem Gesicht. Die großen Linien, Fragen nach Sinn und Glauben, nach einem Rezept fürs Älterwerden scheinen bisweilen zu groß für dieses Gespräch. Doch in vielen kleinen Geschichten lässt Anders erkennen, worauf es ihr am Ende wirklich ankam. Wenn sie über Ihre Söhne spricht, beginnen die Augen der alten Dame zu leuchten. Da zeigt sich auch, worauf sie wirklich stolz ist.

Frage: Frau Anders, haben Sie das Gefühl, hundert Jahre alt zu sein?

Antwort: Ich fühle mich manchmal wie zwanzig und manchmal wie zweihundert. Heute habe ich im Bett gesessen und konnte nicht liegen. Aber ich habe hier immer nette Schwestern. Da muss man zufrieden sein.

Frage: Haben Sie sich, als Sie jünger waren, mal vorstellen können, einhundert Jahre alt zu werden?

Antwort: Ich werde häufig gefragt: Wie hast du das gemacht. Dann sage ich immer: Das weiß ich nicht. Das war das Leben. Arbeiten und Spaß und Ärger. Aber diese hundert Jahre sind dann doch schnell vergangen. Ich habe viel mitgemacht, mit dem Krieg und allem. Da hat man Menschen gesehen, die angeschossen wurden und wo Blut floss. Sowas kommt immer wieder. Das geht nicht weg. Die Inflation haben wir mitgemacht: Ich hatte 3000 Mark auf dem Sparbuch. Da hätte man eine ganze Einrichtung für kaufen können. Unsere Mutter war so sparsam: Ich habe bei einem Friseur im Haushalt gearbeitet. Für sieben Mark fünfzig im Monat. Das kam alles aufs Sparbuch. Und das war fast alles weg. Umsonst gearbeitet.

Frage: Wenn Sie zurückschauen: Würden Sie sagen, dass Sie ein glückliches Leben geführt haben?

Antwort: Ja, da waren auch schöne Jahre. Das ist ganz klar. Als der Werner [Anders’ Sohn, Anmerkung der Redaktion] auf die Welt kam zum Beispiel. So ein kleines Männken. Ich liebe Kinder. Wenn hier Frauen mit Kindern kommen, da laufen die Kinder immer zu mir. Ja, das waren schöne Jahre, aber auch schwere Jahre. Am Anfang hatte man ja nichts. Die Eltern lebten beide noch und da hatte man viel Arbeit, im Garten zum Beispiel. Aber wir haben unser Haus gebaut und gelebt, wie wir es wollten.

Frage: Woran erinnern Sie sich noch gerne?

Antwort: Was soll man da raussuchen? Die beiden Jungens waren in Ordnung. Und wir haben unsere Silberhochzeit und unsere Goldene Hochzeit gefeiert. Wir waren jedes Jahr im Urlaub. Die Schwiegereltern wohnten in Rosenheim und da wollte mein Mann ja auch hin. Das war auch schön. Und die Hochzeiten, das war schön. Da bekamen wir ein Mädchen in der Familie dazu. (Lacht und weist auf ihre Schwiegertochter.) Neulich hat mich auch jemand gefragt: Was war die schönste Zeit? Was war die schwerste Zeit? Da habe ich gar keine Antwort drauf gegeben. Da war zu viel. Das kriegt man alles durcheinander. Das Schlimmste war jetzt die Corona-Krankheit.

Frage: Gibt es denn etwas, was Sie anders machen würden, wenn Sie zurückblicken?

Antwort: Nee. Das war der Lebensweg. Was sollte ich da anders machen? Ich wäre allerdings gerne Friseuse geworden. Ich war ja bei einem Friseur im Haushalt. Und die nahmen mich immer mit in den Damensalon. Da habe ich geholfen. Der Friseurmeister wollte mich dann mitnehmen nach Bremen auf die Friseurschule. Ein Vierteljahr, da hätte ich dann schon den Gesellenbrief gehabt. Aber da kriegte ich was an den Füßen und konnte nicht den ganzen Tag stehen. Da bin ich nach Hause gegangen und habe die Eltern gepflegt. Da sind die Jahre weggegangen.

Frage: Welche Rolle spielt die Kirche und der christliche Glaube in Ihrem Leben?

Antwort: Einmal in der Woche kann man hier [im christlichen Pflegeheim, Anmerkung der Redaktion] in die Kapelle. Aber das mache ich nicht mehr mit. Ich war da einmal eine Stufe vorm Altar. Und dahinter kamen die nächsten Rollstühle. Und da war der Segen noch nicht zu Ende und da wurde ich umgedreht und mit dem Rollstuhl rausgefahren. Gestern habe ich dann einfach hier gesessen und die Blumen beguckt. Das war so schön ruhig. Da wurde ich gefragt, ob mir schon die Kommunion gebracht wurde. Nee. Eine Kommunion ist für uns was Besonderes und da muss man sich ein bisschen vorbereiten. Man kann nicht vom Butterbrot abbeißen und bekommt dann hinterher die Kommunion. Das geht nicht. Neulich war ich ziemlich krank und da haben Sie sie mir ans Bett gebracht.

Frage: Ist das eine gute Sache, hundert Jahre zu werden?

Antwort: Das fragen so viele. Da kommen Leute, die kenne ich gar nicht und die kommen und gratulieren und fragen wie man das gemacht hat. Und das weiß ich gar nicht. Es gab schlimme, schlimme Jahre und auch schöne Jahre.

Frage: Und ist das ein gutes Ziel, so alt zu werden?

Antwort: Ja, weil ich hier noch helle bin (tippt sich an die Stirn). Was die mir sagen, verstehe ich ja alles. Jetzt kann ich jeden Tag sagen: Lieber Gott, du hast das gut gemacht.

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